Antworten aus dem Cockpit ( Gastautor werden )

Können Piloten andere Flugzeuge in der Nähe sehen?

21.09.2017 - 08:00 0 Kommentare

Die größten Fenster im Flugzeug haben die Piloten im Cockpit. Langstreckenpilot Nikolaus Braun klärt, ob Piloten andere Flugzeuge sehen können und wieso ein Feuerwerk von hoch oben betrachtet kaum spektakulär ist.

Nachts im Cockpit. (Foto: Kent Wien, gepostet auf Flickr, CC BY-NC 2.0) - © © Kent Wien -

Nachts im Cockpit. (Foto: Kent Wien, gepostet auf Flickr, CC BY-NC 2.0) © Kent Wien

Im alten Witz schimpft der Lehrer mit dem Schüler Peter: "Schau nicht die ganze Zeit aus dem Fenster, dafür wird Dich später keiner bezahlen!" Wenige Jahre später ist Peter Pilot – und schaut viel aus dem Fenster. Was als Witz gemeint ist, ist für Peter eine strikte Dienstanweisung: Die Crew muss ständig den umliegenden Luftraum beobachten, um anderen Flugzeugen, Luftfahrzeugen oder sonstigen Dingen ausweichen zu können. Zu letzteren zählen Vögel, Gasballonschwärme oder auch Wettergefahren.

Bewegt sich die Crew in einem Luftraum, in dem mit viel Verkehr zu rechnen ist, wie beispielsweise im An- oder Abflug unter etwa 3300 Metern (10.000 Fuß) Flughöhe, ist sogar alles zu unterlassen, was nicht zwingend für die unmittelbare Flugführung notwendig ist. Und oft sieht man dabei auch andere Flugzeuge.

Wie weit können Piloten anderen Flugzeuge sehen?

Rainer H.

Flugzeuge sind am Himmel sehr unterschiedlich gut zu erkennen. Am Tag ist ein Flugzeug in mehr als 18 Kilometer Entfernung auch nicht mehr als kleiner Punkt zu erkennen - gerade wenn es entgegenkommt. Insofern sind die Maschinen auch ausgesprochen schwer zu finden. Auch wenn die Höhe des anderen bekannt ist, hilft das nicht immer. Höhen lassen sich aufgrund der fehlenden Referenz nur sehr schwer abschätzen: Bei Abständen von mittlerweile fast durchgängig 300 Meter (1000 Fuß) kann man optisch kaum unterscheiden ob das andere Flugzeug höher oder tiefer ist.

Darüber hinaus können geneigte Wolkenoberflächen einen falschen Eindruck des Horizonts vermitteln und die optische Einschätzung zusätzlich erschweren. Kompliziert ist auch der andere Fall: Sieht man ein Flugzeug in der Nähe und versucht den Abstand zu schätzen, schätzt man häufig falsch. Schon eine Distanz von fast zwei Kilometern seitlichem Abstand (plus ein Flightlevel Höhenunterschied) wirken in der Luft ohne optische Referenz fast so, als ob sich die Flügelspitzen bald berühren müssten.

© AirTeamImages.com, Felix Gottwald Lesen Sie auch: Wie finden Flugzeuge ihren Weg am Himmel? Antworten aus dem Cockpit

Ein hilfreiches Tool ist das TCAS (Traffic Alert and Collision Avoidance System) System: Das System liefert bei einem drohenden Zusammenstoß Ausweichanweisungen nach oben oder unten. Zusätzlich gibt TCAS auch eine Übersicht über die Positionen anderer Flugzeuge in einem Radius von 72 Kilometern. Die Positionsdarstellung ist nicht sehr genau, aber zum ungefähren Auffinden der Flugzeuge und zum Bestimmen des Abstandes hilft es gut.

Bessere Sicht bei Nacht

Bei Nacht hingegen sieht man Flugzeuge sehr viel weiter. Die charakteristische Beleuchtung mit weißen und roten Blitzen sowie den Positionslampen hilft, Flugzeuge auf weitaus größere Distanzen auszumachen: Ein Flugzeug, welches auf dem Nordatlantik parallel fliegt und damit in der Regel 60 nautische Meilen (111 Kilometer) entfernt ist, lässt sich gut sehen. Ebenso sieht man auch entgegenkommende Flugzeuge sehr viel früher als bei Tageslicht - vor allem wenn die Landescheinwerfer an der anderen Maschine eingeschaltet sind.

Eines der populärsten Flugzeuge, was einem morgens aus Richtung Osten entgegenkommt, ist gar keins: Steht kurz vor Sonnenaufgang die Venus noch sehr tief, wird ihr Licht in der Atmosphäre gebrochen. Für den Piloten sieht es aus wie ein funkeln oder blitzen, welches sich leicht mit dem Licht eines entgegenkommenden Flugzeugs verwechseln lässt.

Detaillierter Blick auf die Landschaft

Lassen es die Wolken zu, ergibt sich bei Tag ein oft weitreichender Blick auf die Landschaft. Ländergrenzen sieht man in der Regel nicht. Der Unterschied zwischen den östlichen und westlichen Bundesländern erkennt man nur an der Größe der Felder der Bauern. Manchmal kann man die Grenzanlagen sehen, wie jene zwischen Indien und Pakistan oder China und der Mongolei. Viel mehr fallen Flüsse, große Wälder und Berge auf.

Bei Nacht dreht sich alles um: Klar, wo es leuchtet ist eine Stadt - aber wo es dunkel ist? Ist hier keine Stadt oder sind irgendwo Wolken, die die Sicht auf eine Metropole versperren? Städte sind am besten anhand der Straßenbeleuchtung zu erkennen. Die bunt beleuchteten Tankstellen fallen ebenso auf, genauso wie die langen weiß roten Bänder aus Scheinwerfern und Rücklichtern: ein Stau. Am frühen Abend sieht man in der dunklen Jahreszeit, wie viel Fußball in Deutschland gespielt wird. In den Niederlanden sieht man oft große, gleichmäßig orange ausgeleuchtete Flächen: die vielen Gewächshäuser.

Flughäfen erkennt man von hoch oben an der Dunkelheit

Es mag vielleicht etwas überraschen, aber Flughäfen erkennt man vor allem daran, dass sie große, unbeleuchtete Flächen haben: Die Start- und Landebahnen sind zwar für die Piloten gut beleuchtet, aber nur mit kleinen Lampen, die keine Flächen ausleuchten. Dazu im Gegensatz die Vorfeldflächen, die oft sehr gut ausgeleuchtet sind.

Aufnahme des Frankfurter Flughafens von der ISS aus. Foto: © ESA

Der Flughafen Frankfurt erinnert daher bei Nacht an einen Burger: Im Norden ein Halbkreis der Terminals 1 und 2, im Süden ein angedeuteter Halbkreis mit den Vorfeldflächen der Luftfracht, und dazwischen ein dunkles Band: die beiden Startbahnen 25L/07R und 25C/07C. Diese besondere Form kann man aus der Luft schon oft von der Gegend um Stuttgart sehen.

Ein Feuerwerk sieht aus dem Cockpit doch bestimmt spektakulär aus, oder?

Henrike K.

Wer schon einmal durch die Silvesternacht geflogen ist, weiß: Feuerwerke sehen aus der Luft eher langweilig aus. Denn ein Feuerwerk ist deswegen so spektakulär, weil wir es vom Boden aus gegen den dunklen Himmel sehen. Schaut man aber von oben auf ein Feuerwerk hinab, sieht man das Leuchten vor dem Hintergrund all der anderen vielen Lichter der Umgebung - das macht den ganzen Effekt dahin.

Auch den Sternenhimmel sieht man nicht viel besser: Natürlich ist man viel höher und damit über vielen verschmutzten Luftschichten. Andererseits ist es im Cockpit nie dunkel. All die Schalter und Displays erzeugen so viel Licht, dass nicht allzuviele Sterne zu sehen sind.

Aber ab und zu gibt es trotzdem noch magische Momente: Wenn über dem Nordatlantik Polarlichter auftauchen und den Himmel in grüne, wabernde Schleier tauchen, oder wenn man eine ganze Nacht lang einen Sternschnuppenregen beobachten kann.

Über den Autor

Regelmäßig beantwortet Verkehrsflugzeugführer Nikolaus Braun in der airliners.de-Serie "Antworten aus dem Cockpit" Fragen zu Piloten-Themen rund um Luftfahrttechnik & Flugbetrieb. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an antwortenausdemcockpit@airliners.de

Nikolaus BraunNikolaus Braun ist Pilot bei einer großen deutschen Fluggesellschaft und fliegt derzeit auf Airbus A330/A340. Der studierte Dipl-Ing. (FH) für Luftfahrtsystemtechnik und -management berät zudem nebenberuflich mit seiner Firma Nikolaus Braun Aviation Consulting (NBAC) bei Projekten aus Forschung, Entwicklung, Gesetzgebung und Lehre.

Von: Nikolaus Braun für airliners.de
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