Interview

"Wir geben das Thema Langstrecke in Köln/Bonn nicht auf"

09.10.2018 - 07:19 0 Kommentare

Köln/Bonn nach der Ära Garvens: Der neue Airport-Chef Vanneste sagt im airliners.de-Interview, was er ändern will, wie der Flughafen für Passagiere angenehmer werden soll und warum die Politik in Deutschland seine Arbeit erschwert.

Johan Vanneste. - © © airliners.de -

Johan Vanneste. © airliners.de

Der langjährige Kölner Flughafenchef Michael Garvens und seine Geschäftspolitik werden weiterhin von Justiz und Presse aufgearbeitet. Doch Johan Vanneste, seit Mai Spitzenmann am Airport, will sich im Gespräch mit airliners.de auf keinerlei Vergleiche mit seinem Vorgänger einlassen. Klar ist: Der technikaffine Belgier bringt eine ganz andere Führungskultur in das Unternehmen - und eine internationale Perspektive, die sich über manche deutsche Besonderheit wundert. Vanneste berichtet, wie er Köln/Bonn auch ohne Langstrecken auf Wachstumskurs halten will, was Luxemburg Deutschland voraushat und wodurch sich ein "Convenient Airport" auszeichnet.

airliners.de: Herr Vanneste, Köln/Bonn verliert bald seine Langstrecken. Was bedeutet das für den Flughafen?
Johan Vanneste: Stimmt, die Langstrecken gehen nach Düsseldorf. Das ist schade, aber ich verstehe das auch ein wenig - für die Lufthansa Group ist es wichtig, in Düsseldorf den Markt zu besetzen, nachdem Air Berlin verschwunden ist. Und unser Streckenportfolio ist auch so sehr groß, wir haben eine sehr gute Konnektivität.

Wie wirkt sich das auf Ihre Passagierzahlen aus?
Wir wachsen, für dieses Jahr erwarten wir 12,6 Millionen Passagiere, also einen neuen Höchststand. Auch die Eurowings wächst noch immer bei uns, um 20 Prozent in den ersten sieben Monaten. Und andere Fluggesellschaften haben extrem zugelegt, etwa die Condor.

Aber im nächsten Jahr müssen Sie doch mit einem Minus rechnen?
Das ist noch abzuwarten. Zurzeit ist so viel Dynamik im Markt - da sind mittelfristige Prognosen schwierig. Wir haben einige gute Nachrichten: British Airways kommt diesen Winter mit vier wöchentlichen Flügen zurück, Corendon hat eine Basis angekündigt. Klar ist aber schon heute: Nächstes Jahr wird schwierig. Unterm Strich müssen wir uns auf rückläufige Passagierzahlen einstellen.

Der Traum von der Langstrecke ist für Köln aber erst einmal gestorben?
Nein, das Thema geben wir nicht auf. Es gibt Ideen, es gibt schon Gespräche, und es bleibt für uns wichtig, dass wir eines Tages auch wieder interessante Langstrecken bekommen.

Der Interviewpartner

© Flughafen Köln/Bonn

Johann Vanneste ist seit Mai 2018 Chef des Flughafens Köln/Bonn. Der Belgier leitete zuvor den Airport Luxemburg und hat langjährige Erfahrung bei Fluggesellschaften wie VLM, Delta Air Transport, Brussels Airlines und Air Belgium sowie bei dem Frachtspezialisten TNT Airways gesammelt. Der gelernte Ingenieur für Flugzeugbau ist ein begeisterter Techniker - nach dem Studium arbeitete er zunächst als Testfahrer für Motorräder.

Sie sind im Mai als Flughafenchef nach Köln gekommen. Was steht für Sie ganz oben auf der Agenda?
Unsere erste Priorität ist derzeit unser Planfeststellungsverfahren. Dabei geht es unter anderem um ein Projekt, das wir schon verwirklicht haben: Das Vorfeld A ist 2007 genehmigt und gebaut worden, dann gab es eine Klage und ein Gerichtsurteil, dass die Genehmigung erneuert werden muss. Jetzt ist das Vorfeld mit sechs Positionen geschlossen, dort stehen nur Dollys und Container.

Geht es auch um zukünftige Projekte?
Ja, wir wollen eine Gepäcksortieranlage abreißen und dort weitere zwei Positionen bauen. Wir wollen Teile des Cargo-Bereichs als Vorfeld nutzen. Geplant sind auch eine Erweiterung von Terminal 2, ein Hotel, ein neues Parkhaus. Die Planfeststellung umfasst außerdem ein zweites Cargocenter und einen Neubau für die Flughafenverwaltung - ob das alles umgesetzt wird, haben wir aber noch nicht entschieden. Es geht zunächst darum, die rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen.

Im Kern geht es aber bei dem Verfahren darum, dass Köln/Bonn für weiteres Wachstum plant?
Um es klar zu sagen: Wir planen keinen Kapazitätsausbau. Aber gerade auf dem Vorfeld sehen wir, dass der Platz knapp wird. Das führt zu operativen Engpässen und Schwierigkeiten, Flugzeuge müssen umgeschleppt und anders positioniert werden. Das kostet Geld und Zeit - deshalb wollen wir zunächst einmal das Vorfeld, das schon vorhanden ist, auch wieder nutzen.

Der Flughafen

Unter Vannestes Vorgänger Michael Garvens erlebte der einstige Regierungsflughafen Köln/Bonn einen rasanten Aufstieg als Low-Cost-Airport. 2002 gingen hier Germanwings und Hapag-Lloyd Express an den Start, 2007 wurden erstmals mehr als zehn Millionen Passagiere abgefertigt. Der Flughafen hat eine 24-Stunden-Betriebsgenehmigung, die noch bis 2030 gültig ist. Garvens Vertrag wurde nach Untreue-Vorwürfen Ende 2017 vorzeitig beendet. Die juristische Aufarbeitung dauert noch an.

© Flughafen Köln/Bonn

Sie erwähnten das Projekt für ein neues Cargocenter. Sie wollen also auch im Frachtbereich noch wachsen?
Der Frachtbereich ist sehr wichtig für uns - da gibt es sicher noch Potenzial. Aber wir haben in Deutschland auch einen Nachteil: Das sind die restriktiven Verkehrsrechte. Es gibt bestimmte Carrier, die gerne nach Köln kommen würden – aber wegen fehlender Verkehrsrechte nicht dürfen.

Auf Ihrem vorherigen Posten in Luxemburg haben Sie das Cargo-Geschäft stark ausgebaut. Kann Köln/Bonn in diesem Bereich Luxemburg jetzt wieder überholen?
Das ist natürlich das Ziel. Luxemburg stößt ja an seine Kapazitätsgrenzen, und der Flughafen zieht viel Cargo-Aufkommen aus Deutschland ab. Früher war ich immer froh über die deutschen Restriktionen, jetzt sitze ich auf der anderen Seite und sehe das natürlich anders.

Bremsen auch die Schwierigkeiten bei Adhoc-Chartern das Frachtgeschäft in Köln?
Das ist erste Priorität, diese Genehmigungen zu beschleunigen und innerhalb von 24 Stunden zu bekommen. In Luxemburg und Belgien geht das viel schneller als hier. Und wenn es so lange dauert, hat der Frachter schon entschieden, irgendwo anders zu fliegen.

Verkehrsentwicklung in Köln/Bonn
Zahl der Fluggäste 2008-2018
2008 10.3
2009 9.7
2010 9.9
2011 9.6
2012 9.3
2013 9.1
2014 9.5
2015 10.3
2016 11.9
2017 12.4
2018 12.6

2018: Prognose. Quelle: Flughafen Köln/Bonn

Nach Ihren ersten Monaten in Köln/Bonn: Gibt es noch weitere Dinge, die Sie verändern wollen?
Das Wichtigste für mich ist, alle Potenziale des Flughafens auszuschöpfen. Unsere Finanzergebnisse sind ja nicht so, wie sie sein sollten. Es gibt vor allem im Non-Aviation-Bereich noch viele Möglichkeiten: Wir richten neue Geschäfte ein, wir wollen ein Hotel bauen, wir wollen eine "Airport-City" errichten. Möglicherweise wird auch ein neues Gebäude für Eurowings errichtet, darüber sind wir gerade im Gespräch.

Die Engpässe an den Sicherheitskontrollen in Deutschland sind derzeit ein großes Thema. Haben Sie in Luxemburg ähnliche Probleme erlebt?
Das ist für mich ein sehr wichtiger Punkt: Die Flughäfen in Deutschland sollen selbst entscheiden, wie sie die Luftsicherheitskontrollen organisieren - so wie es in allen anderen Ländern in Europa geschieht. In Luxemburg haben wir als Flughafen die Kontrollstellen und die gesamten Prozesse geändert, längere Spuren und andere Behälter eingeführt, und wir haben den Durchsatz so um 50 Prozent erhöht. Und wenn ich das in Köln ändern könnte, dann hätte ich dort auch 50 Prozent mehr Kapazität. Unser Probebetrieb mit Easy Security im letzten Jahr hat ja gezeigt: Man kann das viel besser machen als jetzt. Wir haben innovative Lösungen, wir müssen sie nur einsetzten dürfen.

Aber bisher können Sie nicht, wie Sie wollen …
Leider nicht. Ich glaube aber, der Politik wird jetzt klar, dass sich das ändern muss. Sicherheit bleibt natürlich eine hoheitliche Aufgabe, aber wenn die Geräte zugelassen sind, sollen wie in anderen Ländern auch die Flughäfen darüber entscheiden, welche angeschafft werden und wie die Kontrollen gestaltet werden. Das kriegen wir hoffentlich bald hin, vielleicht ja sogar noch dieses Jahr.

Und dann wird Easy Security wieder in Betrieb genommen?
Wenn es möglich ist, sofort. Wir glauben, das Thema Prozessoptimierung und Komfort für die Passagiere wird in Zukunft viel stärker entscheidend sein - nicht nur bei den Kontrollen. Wir wollen ein "Convenient Airport" sein, mit kurzen Wegen und ohne lange Warteschlangen. Das sind wir schon heute auf einem sehr guten Weg, wollen da aber noch besser werden. Denn wenn Passagiere gerne bei uns abfliegen, dann ist das ein echter Wettbewerbsvorteil.

Planen Sie da noch weitere Neuerungen?
Da gibt es sicher noch Dinge, die wir weiter entwickeln können, etwa bei der Digitalisierung: Wir wollen mehr Check-in- und Bag-Drop-Automaten. Und wir bauen jetzt einen Verbindungsgang auf der Luftseite zwischen Terminal 1 und Terminal 2. Das vereinfacht das Umsteigen.

Brauchen Sie den denn noch - ohne Langstrecken?
Selbstverständlich. Es gibt auch immer mehr Umsteiger von Kont- zu Kont-Flügen.

Herr Vanneste, vielen Dank für das Gespräch.

Von: pra, dh
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen.

  • Michael Garvens. Ex-Airport-Chef Garvens kontert Vorwürfe

    Kölns ehemaliger Flughafenchef Garvens bezieht zu den Vorwürfen, die ihn das Amt kosteten, Stellung. Alles sei juristisch umfänglich bewertet worden - und vom Kontrollgremium des Airports mitgetragen worden.

    Vom 24.09.2018
  • Michael Garvens. Wohl weitere Ermittlungen gegen Garvens

    Gegen den früheren Kölner Flughafenchef Garvens wird nicht nur wegen Untreue ermittelt, sondern laut Presseberichten auch wegen Steuerhinterziehung. Doch zumindest ein Teil der Ermittlungen könnte bald eingestellt werden.

    Vom 05.09.2018
  • Das Übergangsregierungsterminal am BER von außen. Bund übernimmt BER-Terminal

    Ein weiteres Stück des BER ist fertig: Das Übergangsterminal für die Regierung wird an den Bund übergeben. Die schnelle Bauweise kommt auch bei T2 zum Einsatz.

    Vom 04.10.2018

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »