Interview

"Es geht für Air France nicht ums Überleben"

28.05.2018 - 13:38 0 Kommentare

Streiks und Führungskrise bringen Air France/KLM seit Wochen in die negativen Schlagzeilen. Doch im deutschen Markt agiert die Airline-Gruppe erfolgreich, berichtet Deutschlandchef Stefan Gumuseli im Interview mit airliners.de.

Flugzeuge von KLM und Air France. - © © Air France/KLM -

Flugzeuge von KLM und Air France. © Air France/KLM

Erst Tarifkonflikte und ausufernde Streiks, dann der Rücktritt des Konzernchefs. Air France/KLM scheint in der Krise zu stecken - vor allem weil die französische Seite seit Jahren mit der Umstrukturierung ringt. Im Interview mit airliners.de erklärt Deutschland-Chef Stefan Gumuseli, warum er die Airline-Gruppe dennoch für zukunftsfähig hält, welche Vorteile das Ende der Air Berlin hatte und wozu die Trend-Marke Joon gut sein soll.

airliners.de: Herr Gumuseli, die "Bild" titelte jüngst: "Verschwindet Air France vom Reise-Himmel?" Wie schlimm steht es um die Airline?
Stefan Gumuseli: Die Nachricht, dass Air France angeblich zusammenbricht, ist komplett falsch. Natürlich ist der Konflikt, den Air France erlebt hat, äußerst schädlich, vor allem wenn man bedenkt, dass die Rentabilität im Vergleich zu den Mitbewerbern in Europa geringer ist und die Kerosinkosten im Jahr 2018 schwanken. Es geht jedoch nicht um das Überleben von Air France, sondern um die Position, die sie in dem derzeit stark umkämpften Umfeld haben will. Und seit dem 9. Mai, dem letzten Streiktag, führt die Airline ihr reguläres Flugprogramm durch.

Wie stark war der deutsche Markt von den Streiks betroffen?
Sechs von neun Air-France-Stationen in Deutschland waren nicht betroffen - dort fliegt die Tochtergesellschaft Hop. Flugausfälle gab es deshalb nur in Hamburg, Berlin und München. Und wir haben die Kunden rechtzeitig informiert und umgebucht - deshalb gab es an den Flughäfen kein Chaos. Wenn wir einen Flug mit 150 Leuten gestrichen haben, kommen normalerweise nur zehn zum Flughafen, und das sind die, von denen wir keine Kontaktdaten in der Buchung haben. Alle anderen wissen schon vorher, dass der Flug nicht geht und welche Alternative sie haben.

Der Interviewpartner

Stefan Gumuseli ist für Air France/KLM schon viel herumgekommen: Er startete seine Karriere 2001 in Istanbul, um sich über Stationen in Tiflis, Almaty, Lagos und Amsterdam zum General Manger Mediterranean hochzuarbeiten – wiederum in Istanbul. Seit Ende 2016 ist er General Manager Germany mit Sitz in Frankfurt.

Stefan Gumuseli ist General Manager von Air France/KLM in Deutschland. Foto: © airliners.de

Die Airline-Gruppe

Die Holding aus Air France und KLM wurde 2004 gegründet. Größte Teilhaber sind der französische Staat (14,3 Prozent), Delta Air Lines und China Eastern Airlines (je 8,8 Prozent). Zur Gruppe gehören die Tochtergesellschaften Transavia, Hop, Joon und die Fracht-Airline Martinair. Konzernchef Jean-Marc Janaillac trat zurück, nachdem die Air-France-Mitarbeiter einen Kompromissvorschlag im Tarifkonflikt abgelehnt hatten. Die Geschäfte werden vorübergehend von dem Interimstrio Frédéric Gagey (CFO Air France), Franck Terner (CEO Air France) und Pieter Elbers (CEO KLM) geführt.

© Air France, Lesen Sie auch: Finanzchef führt übergangsweise Air France/KLM

Eigentlich laufen die Geschäfte für Air France/KLM ja gut in Deutschland. Wie sehr haben sie vom Ende der Air Berlin profitiert?
Wir haben das schon im zweiten Halbjahr 2017 an unseren Verkäufen gemerkt. Die Entwicklung war sehr positiv, und wir haben im Winterflugplan in Deutschland sehr viel Kapazität zusätzlich aufgelegt: bei KLM fast 17 Prozent, bei Air France fast acht Prozent. Und wir haben diese Kapazität gut abgesetzt.

Haben Sie vor allem in Berlin zugelegt?
Berlin war immer unsere größte Station in Deutschland. Und es hat sich in den letzten Jahren auch noch stärker entwickelt als die anderen. Wir haben jetzt 14 Flüge pro Tag von hier – und das sind keine kleinen Maschinen. Air France bietet hier im Sommer noch einmal 17 Prozent mehr Kapazität an, KLM 18 Prozent mehr. Aber wir sind an jeder Station in Deutschland gewachsen. 2018 werden wir mit etwa sechs bis sieben Prozent mehr Kapazität abschließen.

Air France/KLM in Deutschland

Die Airline-Gruppe ist an elf deutschen Flughäfen mit wöchentlich 539 Abflügen vertreten und hat nach eigenen Angaben einen Marktanteil von rund zehn Prozent. Neben den Marken Air France und KLM bieten auch der Regionalflieger Hop und der Billigflieger Transavia einzelne Strecken an. Die neue Air-France-Tochter Joon hat die Flüge zwischen Berlin und Paris übernommen. Air France/KLM beschäftigt in Deutschland 115 Mitarbeiter, davon rund 40 im Vertrieb.

Air France/KLM in Deutschland
Anteil in Prozent
Berlin-Tegel 23.7
München 18.6
Hamburg 12.0
Düsseldorf 10.4
Frankfurt 9.7
Stuttgart 7.5
Nürnberg 6.6
Hannover 5.8
Bremen 4.3
Dresden 0.9
Berlin-Schönefeld 0.5

Die Grafik zeigt die Anteile am Sitzplatzangebot von Air France/KLM in Deutschland von Juni bis Oktober 2018. Quelle: ch-aviation

Air France/KLM macht in Deutschland viel Geschäft mit Langstrecken. Wie stark wachsen Sie da?
Das Langstreckengeschäft macht 60 bis 70 Prozent von unserem Umsatz aus. In Berlin und Düsseldorf ist das jetzt mehr geworden, aber auf ganz Deutschland gesehen hat sich nicht viel bewegt - vielleicht ein, zwei Prozent mehr.

Müsste nach der Air-Berlin-Pleite nicht mehr zu holen sein, gerade für die USA und die Karibik?
Stimmt, das Air-Berlin-Angebot Richtung Karibik und USA ist bis jetzt nicht komplett ersetzt worden. Es gibt im deutschen Markt zwischen sieben und 13 Prozent weniger Kapazität. Das ist aber gut so, finde ich - der Markt ist gesünder geworden. Es gibt ja einen Grund, warum Air Berlin nicht mehr existiert. Diese Kapazität war am Ende vielleicht zu viel.

In Berlin setzen sie jetzt die neue Marke Joon für Air France ein. Was ändert sich dadurch?
Joon richtet sich an alle, die sich nach einem neuen Reiseerlebnis sehnen - mit einem breiten Angebot an Bordverkäufen, aber auch kostenlosen Getränken und Gratis-Inhalten zum Streamen auf Smartphones und Computern. Wir haben unsere treuen Air-France-Kunden, aber wir möchten unsere Kundenbasis verbreitern – deswegen eine neue Marke. Gerade für die Kunden in Berlin passt Joon sehr gut.

Werden weitere Deutschland-Strecken umgestellt?
Es werden weitere Europa-Destinationen hinzukommen, aber welche das sind, steht noch nicht fest. Joon hat jetzt zehn Maschinen auf der Mittelstrecke und drei auf der Langstrecke. Das Ziel sind 28 Flugzeuge bis 2020, 18 auf der Mittelstrecke und zehn auf der Langstrecke. Die Langstreckenflotte wird am Ende komplett aus A350 bestehen.

© Air France, Lesen Sie auch: Air France schickt Joon nach Berlin

Für Flugbuchungen über die Reservierungssysteme kassiert Air France/KLM jetzt eine Gebühr - wie zuvor schon die Lufthansa Group und IAG. Ist davon der gesamte Vertrieb in Deutschland betroffen?
Große Teile des deutschen Marktes zahlen diese Distribution Surcharge gar nicht. Viele haben schon im April mit uns ein Abkommen geschlossen, ein "Private Channel Agreement". Die Unternehmen sind damit von der GDS-Gebühr befreit und verpflichten sich im Gegenzug, dass sie künftig den neuen Vertriebsstandard NDC nutzen werden.

Vorerst bleibt also alles beim Alten?
Die technischen Lösungen sind bislang nicht ausgereift - das entwickelt sich, aber es bleibt noch viel zu tun. Deshalb räumen wir jetzt den Unternehmen einen Zeitraum für die Entwicklung ein, in dem wir von ihnen keine Gebühr für die GDS-Nutzung kassieren. Aber nach diesem Zeitraum werden sie den Zuschlag auch zahlen, wenn sie immer noch mit GDS buchen.

Mittelfristig wollen Sie also den Ausstieg aus dem GDS-Vertrieb?
Wir sind realistisch: Die GDS werden bestehen bleiben. Aber sie kosten uns viel, und wir möchten und können die Kosten nicht mehr tragen. Deshalb wird es verschiedene andere Möglichkeiten geben, bei uns zu buchen. Aber auch die GDS entwickeln sich ja weiter. Wie am Ende die neuen Vertriebslösungen aussehen werden, wissen wir jetzt noch nicht.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Gumuseli.

Von: pra
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