Spaethfolge (93) Kinder, wie die Zeit verfliegt

01.08.2012 - 08:25 0 Kommentare

Als ich Kind war, bedeutete Fliegen noch ein Abenteuer, während heute schon Säuglinge in Business-Class durch die ganze Welt transportiert werden, als wären Jets die Kinderwagen moderner Zeiten.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Letzte Woche postete ein Facebook-Freund aus der Luftfahrtbranche ein bemerkenswertes Foto: Er selbst im Sommer 1974 auf der Hecktreppe der LTU-Caravelle D-ABAW auf dem Flughafen von Málaga vor dem Rückflug nach Düsseldorf. Erstaunlicherweise trug der kleine Knirps von damals 21 Monaten genau passend Ton-in-Ton zum LTU-Livery knallrote Kleidung, kurze Hosen und T-Shirt. Die zahlreichen Kommentare dazu lobten das schöne Foto, wunderten sich über das anscheinende Loch im Heck (tatsächlich ein Teil der Triebwerksaufhängung) oder eben über die zum Flieger passende Bekleidung sowie den Seventies-Look der begleitenden Eltern. Für mich hat das Foto noch eine ganz andere Bedeutung: Es erinnert mich an meinen dritten und vierten Flug, ein gutes halbes Jahr später im Frühjahr 1975, möglicherweise in genau dieser oder eben einer anderen LTU-Caravelle. Bereits 1973 hatte ich mit sieben meine allerersten Flüge absolviert – und war genau wie der andere kleine Junge von Anfang an fasziniert vom Fliegen und Flugzeugen.

Es war in der BAC 1-11, auf dem Hinweg von Düsseldorf nach Málaga (das war offenbar die Rennstrecke damals) bei Germanair, auf dem Rückweg mit Bavaria, kurz bevor beide fusionierten. Nostalgische Gefühle hatte ich daher auch kürzlich, als ich im britischen Duxford im Imperial War Museum eine Ex-British-Airways-BAC 1-11 besichtigen konnte. Ich bin 1973 in Düsseldorf auch über die Hecktreppe eingestiegen und erinnere mich an den ohrenbetäubenden Lärm des APU. Dass die BAC 1-11 später als das einzige Flugzeug galt, das Kerosin direkt in Triebwerkslärm umsetzt, wusste ich damals natürlich noch nicht.

Mich interessierte vielmehr der Blick aus dem Fenster auf die klitzekleine Welt da unten. Und die netten Stewardessen, bei denen ich sogar Erbsen im Kartoffelsalat aß, was ich bei meiner Mutter nie getan hätte, ich mag bis heute keine Erbsen. Aber die Flugbegleiterinnen verwöhnten mich mit stapelweise Flugzeug-Postkarten und mehreren (!) Sicherheitskarten (!), die ich bis heute hüte als Erstlinge entsprechender späterer Sammlungen. Jedenfalls war Fliegen damals als Kind ein großes Abenteuer für mich, und meine Mutter hat mir gerade wieder bestätigt, wie besonders es damals gewesen sei, als ganze Familie in den Urlaub zu fliegen.

Das ist heutzutage nur noch schwer zu glauben. In meinem Freundeskreis wimmelt es von jungen Familien, deren Kinder schon halb im Flugzeug aufwachsen und ein Pensum am Himmel absolvieren, das ihnen, wenn sie schon bezahlen müssten, mindestens Senator-Status oder die Goldkarte einbringen würde. Da ist etwa die kleine Anna, kaum ein halbes Jahr alt, deren erster Flug gleich kurz nach der Geburt in der Lufthansa-A380-Business-Class (!) nach Tokio führte. Gut, die Familie hat dort Verwandte. Erst vor wenigen Tagen kam die Kleine dann mit ihren Eltern – ebenfalls im Kranich-Doppelstöcker – aus San Francisco zurück. Ich bezweifle, dass sich das Kind später daran erinnern wird, wobei ihre viel reisenden Eltern mit dem Mädchen wahrscheinlich noch dessen ganze Jugend mit ihr durch die Welt jetten werden.

Das wird vermutlich dazu führen, dass solche Kinder keinerlei Faszination für das Fliegen empfinden, weil sie es schließlich als ähnlich alltäglich wahrnehmen wie unsereins damals die Ausfahrt im Kinderwagen. Etwas anders ist es, wenn die Eltern mit derartigen Flugreisen warten, bis die Kinder sie ein wenig bewusster wahrnehmen. So haben sich zwei halbwüchsige Jungs aus meinem Bekanntenkreis unglaublich auf ihre erste längere Flugstrecke gefreut in den gerade abgelaufenen Sommerferien, die wohin führte? Nein, nicht nach Málaga. Sondern mit der Air-France-A380 nach Tokio. Irgendwie ergeben meine Stichproben immer wieder, dass moderne Jets heute fast schon wie fliegende Kindergärten genutzt werden. Die Luftfahrtbranche kann das freuen, die künftige Passagiergeneration empfindet Fliegen damit schon mal als Selbstverständlichkeit.

Und ich hatte Jahre später, als ich schon ein Logbuch über meine Flüge führte, eine (erneute?) Begegnung mit der ehemaligen LTU-Caravelle D-ABAW aus meiner Kindheit: Auf dem Weg von Istanbul nach Nordzypern flog sie nun als TC-AKA für Istanbul Airlines. Das kam mir dann 1987 schon sehr nostalgisch vor, mit den dreieckigen Fenstern und der gerundeten Heckflosse. Kindheitserinnerungen vergisst man eben nicht so schnell.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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