Interview

"In Westeuropa wächst Wizz Air opportunistisch"

28.11.2018 - 14:21 0 Kommentare

Wizz Air ist der Ultra unter den Billigfliegern - was die expandierende Airline anders macht als Ryanair und Easyjet, erklärt Vertriebsvorstand Michalopoulos im airliners.de-Interview. Und er betont: Osteuropa bleibt das Kerngeschäft für Wizz Air.

George Michalopoulos. - © © Wizz Air -

George Michalopoulos. © Wizz Air

Chisinau, Kutaisi, Tirgu Mures - dank Wizz Air sind viele wenig bekannte Ziele auf den Flugplänen in Deutschland vertreten. Der viertgrößte Billigflieger hierzulande ist in der Nische groß geworden, und trotz rasantem Wachstum hat er auch keine Ambitionen, zur paneuropäischen Airline zu werden. "Mittel- und Osteuropa bleibt unser Kerngebiet", sagt Vertriebsvorstand George Michalopoulos. Im Interview mit airliners.de spricht er darüber, warum Wizz Air eine Basis in Österreich statt in Deutschland eröffnet hat und wie der Ultra-Low-Cost-Carrier 40 Prozent seines Geschäfts mit Zusatzleistungen macht.

Herr Michalopoulos, Wizz Air ist jetzt auch in Westeuropa aktiv - sie haben Basen in London und Wien. Wann stationieren Sie Flugzeuge in Deutschland?
George Michalopoulos: Derzeit haben wir keine Pläne dafür. Man muss ganz klar sagen: Mittel- und Osteuropa ist und bleibt unser Kerngebiet, dort findet der größte Teil unseres Wachstums statt. In Westeuropa gehen wir eher opportunistisch vor - dort ergreifen wir Chancen, wenn sie sich ergeben.

Aber ist der deutsche Markt nicht wichtiger für Sie als zum Beispiel Österreich?
Wie gesagt, wir schauen, wo sich Möglichkeiten für uns eröffnen. In Wien war das der Fall, als Niki den Betrieb eingestellt hat. In Großbritannien waren mehrere Faktoren im Spiel, dazu gehört der Brexit. Aber wir wollten dort auch nach der Monarch-Pleite Pflöcke einschlagen - wir haben vier Positionen der Airline in Luton übernommen.

Und in Deutschland war die Air-Berlin-Pleite keine Chance für Wizz Air?
Wir haben ja in Deutschland sehr stark zugelegt - 2018 ist das Angebot hier um 26 Prozent gewachsen, im Sommer sogar noch stärker. Und wir bleiben weiter sehr aktiv hier: Wizz Air fliegt bald zwölf deutsche Flughäfen an - Bremen kommt im März 2019 hinzu. Wir haben auch in den letzten Wochen laufend neue Routen aufgenommen - Wien-Dortmund, Tirana-Dortmund, Pristina-Memmingen. Im Dezember starten wir von Chisinau nach Dortmund und Memmingen.

Der Interview-Partner

© Copyright George Michalopoulos ist seit 2016 Chief Commercial Officer bei Wizz Air. Für die Airline arbeitet er seit 2010, zuvor war er unter anderem bei den Billigfliegern Fly Baboo und Blu-Express tätig. Michalopoulos hat neben der Schweizer Staatsangehörigkeit auch die britische und griechische. Studiert hat er an der Stanford University in den USA.

Planen Sie denn anderswo in Westeuropa derzeit noch neue Basen?
Aktuell nicht, aber wir halten weiter Ausschau. Wir haben ja eine große Flugzeugbestellung - 256 Flugzeuge kommen bis 2026 neu in die Flotte. Aber wir sehen auch immer noch sehr viel Potenzial in Mittel- und Osteuropa.

Werden Ihre Kernmärkte nicht irgendwann gesättigt sein - bei dem Wachstumstempo, das Wizz Air vorlegt?
Da müssen wir uns keine Sorgen machen. Mittel- und Osteuropa ist bevölkerungsreich, und dort wächst das Bruttoinlandsprodukt doppelt so schnell wie in Westeuropa, um rund vier Prozent. Hinzu kommt: Bisher wird dort nicht viel mit dem Flugzeug gereist - je nach Land umfasst der Flugverkehr pro Einwohner nur ein Viertel bis ein Drittel dessen, was wir in Westeuropa haben.

Wie stark ist Wizz Air denn insgesamt in diesem Jahr gewachsen?
Wir haben das Angebot um 17 bis 18 Prozent ausgebaut. Im Vergleich zum letzten Jahr, als wir ein sehr starkes Plus von 25 Prozent hatten, ist das etwas weniger. Aber wir sind unter den großen Low-Cost-Airlines in Europa immer noch die am schnellsten wachsende.

Marktanteile in Deutschland ...
Flüge
Eurowings 3246
Ryanair 1269
Easyjet 1095
Wizz Air 271
Lauda Motion 270
Flybe 116
Norwegian 115
Übrige 364

Die Grafik zeigt die Zahl der wöchentlichen Abflüge von Low-Cost-Carriern an deutschen Flughäfen im Juli 2018.Quelle: DLR Low Cost Monitor

... und in Europa
Flüge
Ryanair 15150
Easyjet 12567
Eurowings 5251
Vueling 4892
Norwegian 4429
Wizz Air 4147
Flybe 3739
Jet2 2200
Aer Lingus 2169
Übrige 8329

Die Grafik zeigt die Zahl der wöchentlichen Flüge von Low-Cost-Carriern in Europa im Juli 2018 Quelle: DLR Low Cost Monitor

Wie entwickelt sich die Basis in Wien?
Dort haben wir jetzt gerade das zweite Flugzeug stationiert, in den nächsten Wochen kommt ein weiteres hinzu, und am Ende des Winterflugplans werden wir bei fünf Maschinen sein. Wir wachsen auch in Großbritannien - dort sind wir jetzt beim neunten Flugzeug in unserer Basis Luton.

Sie sagten, Wizz Air ist weniger stark gewachsen als 2017. Woran liegt das?
Wir haben vor allem das Wachstum in diesem Winter heruntergefahren, und das war ganz klar bedingt durch die höheren Treibstoffpreise. Wir haben unsere finanziellen Ziele, und einige Märkte können die gestiegenen Treibstoffpreise tragen, andere nicht. Da reagieren wir auf das makroökonomische Umfeld. Aber wir werden weiter wachsen: Für das nächste Geschäftsjahr planen wir mit 15 Prozent mehr Kapazität.

Wizz Air hat ja ein besonderes Geschäftsmodell: Sie machen mehr als 40 Prozent ihres Geschäfts mit Zusatzleistungen - mehr als jede andere Airline in Europa.
Stimmt, wir haben seit unserem Start 2004 einen besonderen Schwerpunkt auf die Zusatzeinnahmen gesetzt. Unsere Philosophie ist: Wir senken die Ticket-Preise so weit wie möglich und bieten den Kunden nur das an, was sie wirklich wollen. Und die Preise konnten wir senken, indem wir unser Ancillary-Angebot immer weiter ausgebaut haben. Jedes Jahr entwickeln wir neue Produkte, zuletzt zum Beispiel den Priority-Check-In, die Flugpreisreservierung für 48 Stunden, die Option für flexible Reisepartner. Wir führen da ständig Neuerungen ein, denn das ist für uns ein ganz entscheidendes Geschäftsfeld.

Alle anderen Fluggesellschaften machen das doch ähnlich, oder? Gerade die Low-Cost-Carrier.
Natürlich, alle reden darüber, auch viele traditionelle Carrier springen auf diesen Zug auf und lassen sich jetzt das Bordessen bezahlen. Aber ich glaube, wir machen das schon besonders engagiert. Und uns kommt zugute, dass unsere Flüge im Durchschnitt länger sind als die unserer Wettbewerber.

Die Airline

Der ungarische Billigflieger Wizz Air hob 2004 zu seinem Erstflug ab und beförderte im vergangenen Jahr 28,3 Millionen Passagiere. Aktuell unterhält die die Airline 25 Basen in 14 Ländern. In London-Luton hat sie seit 2017 Flugzeuge stationiert, in Wien seit diesem Jahr. Die Wizz Air Holding hat ihren Sitz auf der Kanalinsel Jersey und ist an der Londoner Börse notiert. Sie hat im Geschäftsjahr bis Ende März einen Gewinn von 275 Millionen Euro erzielt, der Umsatz betrug 1,95 Milliarden Euro, davon 41,9 Prozent im Ancillary-Bereich.

Der Flughafen Dortmund ist der wichtigste deutsche Standort für den Billigflieger Wizzair. Foto: © Flughafen Dortmund GmbH

Bis 2026 auf 277 Maschinen

Die Wizzair-Flotte umfasst derzeit 105 Maschinen, 71 davon sind A320, der Rest A321. Bis 2026 soll die Flotte auf 277 Flugzeuge anwachsen, mehrheitlich A321 Neo: Die Auslieferung dieses Typs beginnt im Januar 2019, weitere 183 folgen. Außerdem bekommt Wizz Air ab 2022 auch 72 A320 Neo.

Geplante Flottenentwicklung bei Wizz Air bis 2026. Stand: Oktober 2018.Grafik: © Wizz Air

Apropos Zusatzeinnahmen: Das Hin und Her bei Ihren Handgepäckregeln hat ja für einigen Ärger gesorgt. Neuerdings ist das Kabinengepäck wieder streng limitiert bei Wizz Air.
Hin und Her würde ich das nicht nennen. Wir mussten etwas unternehmen, denn es gab große operationelle Probleme. In diesem Jahr hatten wir über 10.000 Verspätungen, weil zu viel Gepäck mit an Bord genommen wurde und dann wieder entladen werden musste. Jetzt haben wir eine gute Lösung gefunden - übrigens in Zusammenarbeit mit der ungarischen Luftfahrtbehörde: Jeder Fluggast kann kostenlos eine Tasche mit an Bord mitnehmen, will er ein zweites, größeres Gepäckstück mitnehmen, kann er ein Priority-Paket kaufen.

Damit bekommen Sie auch wieder mehr zusätzliche Einnahmen. Hat das nicht auch eine Rolle gespielt?
Das war für uns sekundär, das Wichtigste war für uns, die Operations und die Pünktlichkeit der Flüge wieder in den Griff zu bekommen.

Können Sie die Neuregelung denn wie geplant umsetzen? Die italienische Wettbewerbsbehörde hat ja ein Veto dagegen eingelegt.
Die Untersuchungen in Italien dauern noch an - und bis zu einer endgültigen Entscheidung wird es sicher noch einige Zeit dauern. Die Wettbewerbsbehörde hat erst einmal nur darum gebeten, die Einführung vorerst zurückzustellen. Aber das ist für uns nicht so einfach machbar. Und es ist doch klar, dass nicht alle Passagiere große Gepäckstücke in die Kabine mitnehmen können - dafür sind die Flugzeuge einfach nicht gebaut. Wir sind überzeugt, dass dies letztlich auch die Behörden in Italien einsehen werden.

Weitere Besonderheit bei Wizz Air: Es gibt keine Verkaufsteams in den einzelnen Märkten, alles wird zentral geregelt. Funktioniert das?
Wir sind einfach sehr stark auf den Direktvertrieb ausgerichtet. Deutlich über 90 Prozent unserer Flüge werden online und über unsere App verkauft. Wizz Air ist der einzige große Low-Cost-Carrier ohne GDS-Anschluss, denn wir wollen nicht mit externen Systemen zusammenarbeiten. Reisebüros können sich im Agentur-Bereich auf unserer Website anmelden und darüber buchen. Wir verkaufen auch einige Kontingente an Reiseveranstalter, aber das ist ein sehr geringer Teil unseres Geschäfts.

Herr Michalopoulos, vielen Dank für das Gespräch.

Von: pra
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen.

  • Michael O'Leary: "Die Verzögerungen bei den Tarifverhandlungen sind nicht unsere Schuld." "Viele Airlines werden den Winter nicht überleben"

    Interview Ryanair-Chef Michael O'Leary skizziert im Interview mit airliners.de, was sich nach dem Chaos im Sommer nun ändern muss, bewertet die Slot-Idee von Lufthansa und wagt eine Prognose für weitere Pleiten.

    Vom 18.10.2018
  • Eine Maschine des irischen Billigfliegers Ryanair landet auf dem Flughafen in Frankfurt am Main. Ryanair streitet über den Kurs

    Hauptversammlung des Billigfliegers: Die Aktie von Ryanair hat auf Jahressicht massiv verloren, die Tarifverhandlungen mit den Crews stocken und das Management des Low-Costers ist tief gespalten.

    Vom 18.09.2018
  • Die ehemalige Niki-A321 mit der Registrierung OE-LCC fliegt inzwischen als D-ATCA im Condor-Liniendienst. Ex-Air-Berlin-Tochter offiziell Condor-Schwester

    In diesem Jahr ist Condor auf der Mittelstrecke vor allem über die neugegründete Balearics und die ehemalige Air-Berlin-Tochter Aviation gewachsen. Letztere ist nun offiziell Teil des Thomas-Cook-Konzerns.

    Vom 10.12.2018

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »