Jenny Jetstream (52) ( Gastautor werden )

Jenny nimmt Abschied

09.12.2014 - 13:08 0 Kommentare

Jenny Jetstream geht in den Vorruhestand. Das ist ihre letzte Kolumne. Zeit für ein Resümee - und einen Ausblick.

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. - © © Fotolia.com - Illustration: Zubada

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. © Fotolia.com /Illustration: Zubada

Ein Jahr lang hatte ich es mir vorgenommen, wöchentlich aus meinem Leben als Chefstewardess zu erzählen, über mein Dasein in meinem fliegenden Büro. Ich wollte berichten über die Menschen, die ich treffe, was ich fühle, was ich an Bord beobachte und was ich der fliegenden Welt immer schon einmal sagen wollte.

Ich habe mich sehr gefreut über diesen Platz, den airliners.de mir hier gegeben hat, um meine Meinung kund zu tun und die Leser an meinen Gedanken als "Trolley Dolley" teilhaben zu lassen. Ich verabscheue das Wort "Saftschubse", auch wenn es im Duden fest verankert und im deutschen Sprachgebrauch längst gang und gäbe ist. Ich würde mir wünschen, dass es in den vergangenen 51 Kolumnen klargeworden ist, dass Flugbegleiter keine billigen Kaffeekellner und dusselige "Saftschubsen" sind. Das weit aus mehr hinter diesem Job steckt, in den man voller Enthusiasmus hineingeworfen wird, mit nur sechswöchiger Ausbildung und ganz viel "learning by doing".

Flugbegleiter zu sein ist kein anerkannter Beruf - immer noch nicht. Aber es ist tatsächlich eine Berufung. Man kann diesen Job nur machen, wenn man sich dazu berufen fühlt, Gastgeber an Bord zu sein. Es bedeutet, gerne auf freie Wochenenden und Feiertage zu verzichten, über Verspätungen zu lachen, kribitzige Gäste mit Charme und Empathie auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen, Jetlag weg zu atmen, desaströse Urlaubs- und Freizeitplanung nonchalant hinzunehmen und trotzdem immer ein Lächeln im Knopfloch zu haben. Es bedeutet, auch die 438. Beschwerde über verpasste Anschlussflüge, zurückgeklappte Rückenlehnen und ungenießbare Flugzeugkost freundlich entgegen zu nehmen, dankend zu nicken, wenn Eltern einem die volle Windel neben das Pausenbrötchen auf den Klapptisch legen und huldvoll darüber hinweg zusehen, das Sicherheitseinweisungen für Vielflieger völlig überflüssig sind. Im Notfall evakuieren wir alle, ausnahmslos.

Im nächsten Leben bin ich Pilot - oder lieber doch nicht?

Ich habe kurzfristig mal darüber nachgedacht, ob ich in meinem nächsten Leben nicht als Pilot auf die Welt kommen möchte, weil ich doch das Fliegen so sehr gerne mag - das Überwinden von Zeit und Raum, das Segeln über diesen schönen Globus, das Trotzen gegen die Schwerkraft und das wunderbare Eintauchen in die weißen Wattewolken, die so majestätisch "oben" und "unten" von einander trennen. Piloten verdienen wesentlich mehr als ich, haben die gleichen Dienstpläne, ein viel höheres gesellschaftliches Ansehen und genießen viel mehr Privilegien. Aber möchte ich tatsächlich zwölf Stunden neben jemandem sitzen, dem ich vielleicht nichts zu sagen habe? Möchte ich wirklich mit einem Bein hinter schwedischen Gardinen stehen, für wage Entscheidungen, die jemand aus meiner Mannschaft in meinem Namen fällt? Ich weiß es nicht.

Ganz sicher würde ich den Kontakt zu meinen Leuten vermissen, zur Crew, zu der Bodenmannschaft und zu den Gästen. Die Netten, die Verrückten, die Unglaublichen, die Durchgeknallten, sie alle würden mir fehlen. Ich hätte wahrscheinlich gar keinen Grund gehabt, Bücher zu schreiben, wenn ich all diese bunten Menschen nicht kennengelernt hätte. Schöne Wolken lassen sich gut fotografieren, aber kann man auch darüber schreiben? Ich glaube, mir hätte da etwas gefehlt. Ich muss darüber noch einmal nachdenken, sofern sich mir diese Option einer Neuorientierung überhaupt jemals stellen wird.

Jenny geht in den Vorruhestand, bye bye. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei meiner Firma bedanken, dass sie mir allzeit die Freiheit gelassen hat, aus meinem Leben über den Wolken in der Öffentlichkeit zu berichten. Danke, dass sie bei all den Interviews im Radio, in ungezählten Zeitschriften und Zeitungen und bei den Auftritten im Fernsehen in den vergangenen vier Jahren immer wohlwollend genickt hat - ich weiß das zu schätzen. Aneinander gerasselt sind wir fast gar nicht, nur zwei Mal, und das kommt ja in den besten Familien vor.

Ich bin sehr stolz, teil dieser Fliegerfamilie sein zu dürfen. Ich fliege inzwischen fast ein Vierteljahrhundert um den blauen Planeten, obwohl es eigentlich nur ein einziges Jahr vor meinem geplanten Studium in den USA sein sollte. Welches Studium? Die Prioritäten verlagern sich im Laufe eines Lebens manchmal spontan und ich habe gelernt: es ist nicht alles immer planbar.

Bodenständige Pläne für die Zukunft ?

Von der Rente bin ich immer noch gefühlte Lichtjahre entfernt und doch weiß ich jetzt schon, dass es sich wie ein Augenzwinkern anfühlen wird, bis das Thema Fliegen beruflich für mich endgültig erledigt ist. Ich fürchte mich schon jetzt vor dieser Zeit. Eine Zeit, die ohne diese Rastlosigkeit und diese Unruhe auskommen muss. Eine Zeit, die mir mit Beschaulichkeit und Berechenbarkeit droht.

Ich werde mir etwas Schlaues einfallen lassen müssen, um diese Zeit sinnvoll zu füllen. Aber wie auch immer ich mich entscheide, mir werden die Menschen fehlen, die ich im Job jeden Tag ganz nebenbei neu kennengelernt habe. Wie mache ich das denn bitte demnächst auf meinem kleinen Bauernhof?

Ich werde sicher nicht aufhören, zu schreiben. Es gibt da ja noch meinen Blog, der ab und zu gefüttert werden will, und mein fünftes Buch "Zeitzonenkater" ist ganz frisch im Happy-Airways Verlag erschienen. Eine Fortsetzung ist für den Sommer 2015 geplant, auch die ist derzeit in Arbeit. Aber ich werde mich auch wieder auf andere Dinge konzentrieren, zum Beispiel auf die noch fehlenden Illustrationen für meine Kinderbücher. Das eine oder andere Enkelchen ist bei sieben Kindern doch sicher drin.

Und was kann es schöneres geben, als faszinierten, großen Kinderaugen vorzulesen, unseren Kindern, die die Welt der Buchstaben und Bilder unvoreingenommen bestaunen und mit Leben füllen. Jenseits der Nachrichten, der sachlichen Berichterstattung und nackten Fakten sollten wir uns einen Freiraum lassen, der Platz für Phantasien und Träume lässt. Der Mensch war immer schon ein Geschichtenerzähler. Es hat mich sehr gefreut, an dieser Stelle Geschichten aus meinem Universum Flugzeug berichten zu dürfen.

Ich möchte mich bei allen Jenny Jetstream-Lesern bedanken, fürs Lesen, fürs Mitfühlen, fürs Haare Raufen, fürs Kopfschütteln, für die Kommentare und für die eine oder andere wertvolle Bekanntschaft, die Jenny gemacht hat. Es war mir ein Fest.

To all the flying people out there: Have always save and happy landings!
Eure Jenny Jetstream

Über die Autorin

Jede Woche veröffentlichte die Flugbegleiterin, Autorin und Illustratorin Kathrin Leineweber auf airliners.de eine neue Geschichte aus dem Leben der Stewardess Jenny Jetstream in Kolumnenform. Alle "Jenny Jetstream"-Folgen lesen.

Kathrin Leineweber Kathrin Leineweber begleitet als Purser Passagiere einer großen deutschen Airline rund um den Globus und hat über Ihren Beruf mehrere Bücher veröffentlicht. Zudem schreibt und illustriert sie Kinderbücher.

Von: Kathrin Leineweber für airliners.de
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