Spaethfolge (146) ( Gastautor werden )

Ist das Kunst, oder fliegt das weg?

14.08.2013 - 12:39 0 Kommentare

Luftfahrt und Kunst haben erstaunlich viel miteinander zu tun, obwohl die Vermählung von beidem nicht immer gelingt. Zu besichtigen ist das auf vielen Flughäfen, auf Flugzeugrümpfen und sogar auf Leinwand.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Der fliegende Teppich schwebt schon seit langem durch die Abflughalle des BER. Das Gebilde aus rotem Metallgewebe hängt unter der Decke des ansonsten gähnend leeren Terminals des Hauptstadtflughafens. Denn in Deutschland müssen bei öffentlichen Bauten drei Prozent der Baukosten für „Kunst am Bau“ ausgegeben werden. Das Ergebnis ist am BER recht subaltern ausgefallen mit allen möglichen Kleinkunst-Versuchen – nur der „Magic Carpet“ der kalifornischen Künstlerin Pae White macht was her.

Fast noch schöner, und so ist das bei echten oder vermeintlichen Kunstwerken ja oft, sind die Interpretationsversuche, mit der Künstler und Käufer sich ihre Legende stricken. Die Bauherren des BER langen da besonders tief in die Begriffskiste, und was sie da vor einigen Jahren herauszogen, erscheint angesichts des heutigen Desasters ungeahnt aktuell: Der fliegende Teppich solle „allerhand Assoziationen“ bieten, ja echt jetzt, er diene „als Membran zwischen ... Realität und Imagination, Erinnerung und Hoffnung“. Wow! Auf jeden Fall erinnert er uns daran, das hier mal Flugzeuge abfliegen sollen, und er gibt uns vielleicht sogar einen Funken Hoffnung, dass Mehdorn und seine Mannen das irgendwann gebacken kriegen. Eben die Kunst des Möglichen beherrschen.

Kunst hat in der Fliegerei oft ganz praktische Aufgaben, vor allem wenn sie auf Flughäfen stattfindet. In München oder Chicago O’Hare zum Beispiel ist es gelungen, in endlosen unterirdischen Tunneln manchmal debil wirkende Lichtspiele zu installieren, die zumindest den Tunneleffekt mindern und den Passagieren die Illusion geben, die elend langen Fußwege seien gar nicht so weit. Schön ist in München auch das elegant quer durch das Terminal 2 geschwungene Lamellengebilde, das sich bei näherem Hinsehen aber als schnöder Werbeträger der Autoindustrie entpuppt.

In Vancouver grüßen überdimensionale Willkommens-Statuen aus Zedernholz die Ankömmlinge, in Miami riesige Wandmalereien des Brasilianers Carybé, die eigenen historischen Wert haben, zierten sie früher doch das legendäre TWA-Terminal am New Yorker JFK-Flughafen. Der Flughafen Suvarnabhumi in Bangkok schmückt die Abflughallen mit mächtigen Figuren von Göttinnen und königlichen Barken, die zumindest ein starkes Statement abgeben, wo man sich gerade befindet.

In Amsterdam, und das ist weltweit einmalig, unterhält das Rijksmuseum gar im Abflugbereich eine Zweigstelle mit Alten Meistern hinter Panzerglas an den Wänden, ein willkommener Ort der Ruhe. Oft ist Flughafenkunst aber auch schlicht sinnlos, wie etwa das „Jet Nest“ in Keflavik auf Island, ein silbernes Ei auf einem Steinhaufen.

Unterschätzt wird weiter das Flugzeug selbst als Träger von Kunst – und dabei bietet es soviel Fläche und erfreut sich hoher Aufmerksamkeit. Beispiele, wie gut gelungene fliegende Kunst dem Branding einer Airline tut, finden sich einige. Pionier war die amerikanische Braniff, die 1973 bis 1975 den Künstler Alexander Calder eine DC-8 und danach eine Boeing 727 bemalen ließ, bis heute zeitlose schöne Designs, die aber leider das Überleben der Firma auch nicht sichern konnten.

Eine großartige Ikone wurde in Hamburg geschaffen, als Condor 1996 den inzwischen verstorbenen US-Künstler James Rizzi beauftragte, die 1.200 Quadratmeter große Außenfläche einer Boeing 757 zu gestalten. Über 250 einzelne Figuren und Symbole zierten das Flugzeug, eines der aufwändigsten fliegenden Kunstwerke aller Zeiten. Ich durfte damals vorab den streng abgeschirmten Hangar besuchen und fühlte mich dem Werk gleich verbunden. Leider verschwand der „Rizzi Bird“ 2001 ersatzlos, danach folgte nur noch platte Werbe-Tristesse á la „Wir lieben Fliegen“ bis die neueste Boeing 767 im Janosch-Design Condor wieder mit der Kunst versöhnte.

Zuletzt sorgte im vergangenen Jahr British Airways zu den Olympischen Spielen in London für Aufsehen, als sie den Künstler Pascal Anson eine zartgoldene Vogelbemalung erschaffen ließ für das dezente Design „The Dove“, das bis heute mehrere BA-A319 schmückt, inklusive Federkleid auf den Tragflächen.

Das Abgefahrenste, oder sollte ich lieber sagen „Abgeflogenste“, was ich in Sachen Flug-Kunst kenne, ist allerdings die Nutzung von „Jets als Pinsel“. Erfunden hat das vor Jahren der verstorbene Jet-Set-Prinz Jürgen von Anhalt, seine Witwe Tarinan von Anhalt sorgte damit erst jüngst wieder in Florida für Aufsehen. In einer Art Taucher-Outfit schleudert sie dabei vorbereitete Farbtöpfe in den 500 Grad heißen Abgasstrahl eines Learjets im Standschub, der die Farbe als bizarr verwehte Tröpfchen auf eine dahinter aufgestellte Leinwand verteilt. Zwischen 25.000 und 60.000 Dollar kostet die Düsenkleckserei angeblich, kaufen will die angeblich kaum jemand, wie überraschend. Hier stellt sich geradezu zwingend die Frage: „Ist das Kunst, oder fliegt das weg?“.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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