Interview

Luftfahrtgipfel: "Wir wollen kein Blame-Game"

04.10.2018 - 15:00 0 Kommentare

Branche und Politik treffen sich am Freitag, um zu besprechen, woran es in diesem Sommer hakte. Im Vorfeld erklärt Luftfahrtkoordinator Jarzombek seine Sichtweise, legt dar, was bis Ende 2019 neu geregelt sein muss, und er bewertet einen Lösungsansatz von Lufthansa-Chef Spohr.

Thomas Jarzombek:

Thomas Jarzombek: "Der Luftraum ist einfach schon verdammt voll und wird immer voller." © airliners.de

Wenn sich am Freitag die Luftfahrtbranche mit der Politik trifft, sollen Lehren aus dem Verspätungssommer 2018 gezogen und Maßnahmen zum Gegensteuern entwickelt werden. "Das ist ein hochrangiges Arbeitstreffen. Nicht alles ist immer gleich ein Gipfel", stellt Luftfahrtkoordinator Thomas Jarzombek im Gespräch mit airliners.de klar. Bei der Regulierung des Luftverkehrs sei das Verkehrsministerium zuständig, doch, so der im Wirtschaftsministerium ansässige Politiker: "Als Koordinator der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt habe ich natürlich das gesamte Thema im Blick." Jarzombek hat ein waches Auge auf das Treffen und im Vorfeld auch auf die ganze Branche, wie er beim Interview mit airliners.de im Bundestag klarmacht.

airliners.de: Warum war der Sommer so chaotisch?
Thomas Jarzombek: Wir sehen eine Kurve, dass die Anzahl der Verspätungen über die vergangenen Jahre stetig zugenommen hat. Dafür gibt es eine Vielzahl an Gründen, aber vorrangig kämpft die Branche sicherlich mit der Integration der Air-Berlin-Teile. Das betrifft Flugzeuge, bei denen die Neueinflottung wie auch Neubeschaffung lange dauert, bei vielen Modellen kommen Probleme mit der neuen Triebwerksgeneration hinzu.

Also geht's nur um Blech?
Absolut nicht. Personalengpässe spielen auch eine Rolle. Aber als zweiten großen Block sehe ich auch die Probleme im Luftraummanagement. Der Luftraum ist einfach schon verdammt voll, wird immer voller und mit dem Single European Sky kommen wir nicht voran. Der Anpassungszyklus für zusätzliches Personal ist bei der Flugsicherung DFS lang, denn neue Fluglotsen auszubilden dauert Jahre. Dazu kommen in diesem Jahr viele Streiks, beispielsweise der Lotsen in Südeuropa.

Darauf kann eine Airline keinen Einfluss nehmen - beklagen ja auch mehrere Billigflieger wie Easyjet und Ryanair in einer EU-Beschwerde.
Dennoch tun die Airlines etwas. Beispielsweise hören wir von Lufthansa, dass sie ihre Flugzeugabläufe anders koordinieren. Das ist gut, aber natürlich auf Dauer keine Lösung.

Über den Interviewpartner

Thomas Jarzombek sitzt seit 2009 für die CDU im Bundestag. Im April ernannte das Kabinett ihn zum Luftfahrtkoordinator. Diese Position bekleidete vorher unter anderem die ehemalige Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD). Jarzombek ist Vorsitzender der CDU Düsseldorf. Während seines BWL-Studiums machte er sich selbstständig und ist heute Gesellschafter des IT-Service-Unternehmens Releon.

Easyjet wendet ein ähnliches Modell an, nennt es "konservative Planung" und lässt mittags einfach ein paar Flugzeuge am Boden, um die Delays vom Morgen nicht mit in den Nachmittag und Abend zu ziehen - ist das nicht auch ein Ansatz für Lufthansa?
Am Ende hat da jede Airline ihr eigenes Modell, das zu beurteilen ist nicht Aufgabe der Politik. Wichtig ist hier ein gesunder Wettbewerb, damit die Passagiere eine Wahl haben. Viele Betroffene - darunter natürlich auch viele Bundestagsabgeordnete - haben in diesem Sommer deutliche Worte an die Airlines wegen der Verspätungen gerichtet. Gerade wer wegen seines Berufs viel unterwegs ist, hat im Sommer sehr unter der Situation gelitten. Das gilt auch für mich selbst. Die Integration der Slots von Air Berlin war teilweise schon sehr ambitioniert …

Vor einem Jahr, als der Koalitionsvertrag geschmiedet wurde, hieß es noch, die Luftsicherheit sei das große Thema für diese Legislatur: Lange Schlangen an den Kontrollen führten allein im vergangenen Jahr in Düsseldorf zu chaotischen Zuständen. Jetzt heben Sie die Air-Berlin-Integration und die Probleme in der Flugsicherung so hervor: Sind die Kontrollen kein Ansatzpunkt mehr?
Doch, definitiv. Genau das zeigt sich ja, wenn beispielsweise Eurowings ihren Fluggästen E-Mails schreibt, dass sie bereits drei Stunden vor Abflug zum Airport kommen sollen. Damit verlängert sich die gesamte Reise drastisch. So sind die Wartezeiten bei den Kontrollen tatsächlich kaum ein Grund für Verspätungen, aber dennoch ein großes Problem: Die Reise verlängert sich teilweise erheblich und es droht die Gefahr, den Flug zu verpassen.

Heißt im Umkehrschluss, wenn man den Wähler jetzt mal im Blick hat, müssen Sie noch mal an das Thema ran?
Auf jeden Fall! Wir drängen sehr darauf, dass die Flughäfen hier mehr Verantwortung übernehmen und das selbst organisieren können. Dabei bleibt die endgültige Aufsicht beim Bund - diese stellt sicher, dass Sicherheit zu 100 Prozent gewährleistet ist. Die Airports sind aber bei der konkreten Organisation viel flexibler als der Bund. So muss die Leistungsfähigkeit im Fokus stehen: Kann man den Vorlauf der Kontrollen besser organisieren, so dass einzelne Passagiere nicht die ganze Schlange blockieren? Wir brauchen auch eine Innovationsstrategie bei der Hardware, also den Kontrollgeräten. Da möchten die Airports ran und das halte ich komplett für richtig.

Die airliners.de-Redakteure Carlo Sporkmann (links) und Benjamin Recklies (rechts) im Gespräch mit Luftfahrtkoordinator Thomas Jarzombek. Foto: © airliners.de

Also in allen Punkten Einigkeit und am Ende der jetzigen Legislatur haben wir ein neues System?
Bei der Frage, inwiefern Airlines bei den Luftsicherheitskosten entlastet werden können, gibt es nach wie vor unterschiedliche Ansichten. Dass wir das wollen, steht im Koalitionsvertrag, aber über die genaue Ausgestaltung besteht weiterhin Dissens. Es ist eine hoheitliche Aufgabe des Staates, aber es gibt auch einen Verursacheranteil der Flughäfen und Airlines. Deswegen soll es eine Entlastung und keine Vollkostenübernahme geben. Ich hoffe, dass wir zusammen kommen. Wir müssen jetzt Gas geben, damit wir das System mit dem entsprechenden Vorlauf für den Sommerflugplan 2020 umstellen.

Ok, Stichwort Verursacheranteil der Airlines: Was erwarten Sie von dem Treffen?
Wir wollen niemandem den schwarzen Peter zuschieben, sondern kurz- wie langfristig alle Probleme klar benennen und gemeinsam angehen. Flughäfen, Airlines und Staat: Jeder bekommt hier klare Aufgaben. Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die wir gemeinsam angehen werden.

Also keine Reduzierung von Slots, wie es Lufthansa fordert?
Was soll das denn bringen?

Das fragen wir Sie …
Das Gesagte zur Gemeinschaftsaufgabe gilt auch für Airlines und Flughäfen. Wir erwarten ein gemeinsames Vorgehen und kein Blame-Game.

Herr Jarzombek, vielen Dank für das Gespräch.

Von: cs, br
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