Schiene-Straße-Luft (1) ( Gastautor werden )

Der Traum von einer effizienten Infrastruktur

03.02.2017 - 11:00 0 Kommentare

Bei der Vernetzung von Verkehrsträgern wurschteln alle Beteiligten vor sich hin, meint Verkehrsjournalist Thomas Rietig: Nach dem Bahnchef-Rücktritt ist jetzt Zeit zum Träumen. Die neue airliners.de-Mobilitätskolumne.

Ein ICE der Deutschen Bahn verlässt den Fernbahnhof am Flughafen von Frankfurt. - © © dpa - Arne Dedert

Ein ICE der Deutschen Bahn verlässt den Fernbahnhof am Flughafen von Frankfurt. © dpa /Arne Dedert

Selbst Ronald Pofalla war wohl überrascht, als Rüdiger Grube in dieser Woche das Handtuch warf. Seitdem steht die Deutsche Bahn ohne Chef da. Die Bundesregierung sucht nun einen geeigneten Nachfolger. Er muss nicht unbedingt eine Luftfahrt-Vergangenheit haben, wie Grube und sein Vorgänger Hartmut Mehdorn. Es muss auch nicht der Jurist und Politiker Pofalla werden, jedenfalls nicht sofort.

Nun könnten wir - ja, wir die Bürger, uns gehört nämlich die Bahn - fatalistisch sagen: Läuft auch ohne Chef einigermaßen, sparen wir uns erst einmal die zwei Millionen Gehalt und Boni pro Jahr und lassen den Rest-Vorstand weitermachen.

Wir könnten aber auch träumen. Davon, dass sich die Politik Zeit lässt und es einmal gründlich und inhaltlich fundiert angeht. Außer wohlgesetzten Worten in Sonntagsreden kam da ja bislang wenig Konzeptionelles. Nicht von den Politikern und übrigens auch nicht von den Gewerkschaften, die intern ein gewaltiges Wort mitreden.

Flixbus für die Bahn ist wie Ryanair für Lufthansa

Wir könnten auch vom Wettbewerb träumen. Da wird es ein bisschen kompliziert: Vielleicht hinkt der Vergleich mit dem Luftverkehr, aber es gibt doch zu denken, dass hier trotz Wettbewerbs der einstige Staatskonzern wieder erhebliche Marktmacht erlangt, und diejenigen scheitern, die einst antraten, sie zu brechen. Andere versuchen mit Dumpingmethoden Marktanteile zu erringen.

Das sehen wir ja auch bei der Bahn, nur heißt der Dumping-Wettbewerber da nicht Ryanair, sondern Flixbus. Ähnliches gilt für den Straßengüterverkehr, bei dem die Öffnung für den Binnenmarkt nicht nur Gutes gebracht hat. Härtester Preiskampf wirkt sich hier nicht nur auf die Beschäftigten aus, sondern auch auf die anderen Verkehrsträger, etwa die Bahn. Würden diese Wettbewerbsstrukturen auf die Schiene übertragen, wäre ein böses Erwachen nicht ausgeschlossen.

© Deutsche Bahn AG, Oliver Lang Lesen Sie auch: Konkurrenz für Berlin-München-Flüge rückt immer näher

Immerhin gehören uns bei der Bahn nicht nur 70 Prozent aller Züge. Nein, uns gehört auch das Netz, auf dem diese und die restlichen 30 Prozent der Bahnen fahren. Von den Bahnhöfen ganz zu schweigen. Uns gehören also gewissermaßen die Luftstraßen und die Flughäfen. Schon einige haben davon geträumt, auch bei der Deutschen Bahn dies alles wirtschaftlich voneinander zu trennen und den Verkehr zumindest teilweise zu privatisieren.

Und ja: Es gibt bei der Bahn sogar ein Beispiel, bei dem es funktioniert und das auch die Bedürfnisse des Kunden berücksichtigt: der Schienennahverkehr in den Ballungsräumen. Hier treffen sich Nachfrage und wettbewerbsorientiertes Angebot unter Einbindung der Politik.

Endlich die losen Infrastruktur-Enden zusammenbinden

In unserem Traum werden die Ziele einer neuerlichen Bahnreform an den Bedürfnissen der Bevölkerung ausgerichtet. Die Infrastruktur besitzen wir ja schon - Straßen, Schienen, Flughäfen, Häfen, Telekommunikation. Wir müssen nur die losen Enden endlich zusammenbinden. Die Schiene könnte perfekt mit Straße und Luft vernetzt sein, WLAN bis hinunter zum Regionalzug bieten, sie könnte einigermaßen pünktlich und sauber sein - wie ein Flugzeug.

Eine zuverlässige, moderne Güterbahn könnte tatsächlich den Nachtsprung von Nord nach Süd schaffen, wie uns das vor 30 Jahren versprochen wurde. Sie hätte direkten Anschluss an die Frachtflughäfen, und ihre Waggons würden automatisch ge- und entkuppelt und nicht von Hand, wie seit 120 Jahren.

© Germania, Germania Lesen Sie auch: Wenn Bahnfahren wie Flugzeugfliegen wäre

Schade, dass jetzt der Wecker klingelt. Sonst wäre der Traum so zu Ende gegangen, dass sich alle Beteiligten im konstruktiven Sinn einigen und wir zusammen mit der Energiewende eine vernetzte Mobilitäts-Infrastruktur hinbekommen, die auf Effizienz ausgelegt ist und dabei das Wohl der Beschäftigten und der Kunden nicht außen vor lässt.

Aber nach dem Aufwachen wird wohl wieder nur eine der vielen Personaldebatten geführt und beendet, anstatt inhaltlich zu diskutieren. Und alle wurschteln weiter vor sich hin.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern.

Thomas Rietig, Journalist und Autor, Foto: rsv-presseThomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de
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