Artikel vom 01.02.2012 0

Adiós, Spanair! Spaethfolge (67)

Chronik einer erwartbaren Pleite: Seit meinem Besuch bei Spanair in Barcelona letztes Jahr schüttelte ich den Kopf über diese Firma. Die Nachricht von der Pleite war weniger überraschend als die lange Zeit, die die Firma durchgehalten hat.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Ich war der einzige Gast in der Business Class der A320 von Hamburg nach Barcelona. Die Sitzverankerungen waren nicht richtig festgeschraubt, die ganzen Sitze wackelten, auch andere, die ich ausprobierte. Als Verpflegung auf diesem fast dreistündigen Flug (Ticketpreis in Business über 600 Euro) gab es eine kleine Plastikbox mit Plastikessen. Die Flugbegleiterinnen wirkten desinteressiert statt um ihre Gäste bemüht. Mit dem sonst bei einem Star-Alliance-Carrier üblichen Niveau hatte das alles wenig zu tun.

Obwohl Spanair über ein Jahr vorher eine frischere Bemalung und einen modernisierten Schriftzug eingeführt hatte, war auch an ihrem wichtigsten Drehkreuz Barcelona kein einziges Flugzeug mit dem aktuellen Branding zu erblicken. „Wir haben schlicht kein Geld zur neuen Bemalung der Maschinen“, sagte mir am nächsten Tag der englische CEO mit entwaffnender Offenheit.

In totalem Kontrast zur dürftigen Performance an Bord beehrte sich da die ganze Führungsspitze von Spanair, mich in ein hippes Restaurant in Barcelona zum Lunch auszuführen. Zwischen Molekular-Häppchen und Tunfisch auf Designertellern redeten die Herren Klartext: Ich frage nach dem Auf und Ab in der Spanair-Geschichte, die 1986 als Joint Venture mit der SAS begonnen hatte. „Was für Aufs?“, fragte der CEO trocken. „Es ist ein Wunder, dass es uns noch gibt, wir waren noch nie profitabel“, fügte er hinzu. „Und ja, unsere A320-Kabinen sehen heruntergekommen aus, wir planen eine Erneuerung, aber dafür brauchen wir Geld.“ Ich fühlte mich komisch, hatte mich auf flammende Werbereden eingestellt, stattdessen wurde mir der ganze Spanair-Jammer in allen Variationen zum Hauptgericht serviert.

Mit am Tisch saß ein eleganter Herr, den ich letzten Samstag in der Tagesschau wieder erkannte. Ferran Soriano, der Spanair-Chairman, ein Jahr jünger als ich. Dass er in Barcelona zur A-Prominenz gehört, ging mir erst auf, als ich ihn später googelte. Ich fand eine Website, wo ich ihn für viel Geld als Redner hätte buchen können. Er war ehemals Vorstandschef des legendären FC Barcelona und wurde an jenem Mittag im letzten Mai spürbar interessierter, als ich mich auch als Fußball-Fan zu erkennen gab. Serrano war das Gesicht der Gesellschaft und Antreiber, der Spanair in eine bessere Zukunft führen sollte. Für einen symbolischen Euro hatten katalanische Investoren die viertgrößte spanische Airline vor drei Jahren der SAS abgekauft und wollten das marode Unternehmen nun zum Flag Carrier von Barcelona machen.

Andreas Spaeth - Über Schall und Rauch © airliners.de

Eine so wunderbare Stadt mit einem so großartigen Flughafen wie dem grandios erweiterten El Prat braucht einfach eine eigene Airline, argumentierten Serrano und seine Mitstreiter durchaus nachvollziehbar. Da bekamen sie plötzlich leuchtende Augen beim Mittagessen: „Wir wollen Langstrecke fliegen, Langstrecke ist sexy, und das ganze muss schnell losgehen“, redete sich der CEO in Fahrt. Eine Flotte aus A330 oder A340 sollte es sein, zwei bis drei im ersten Jahr, dann neun, mit Zwei-Klassen-Kabine, ein besseres Produkt als Iberia, aber zu niedrigeren Tarifen. Klang alles toll. Aber irgendwie schon letztes Jahr nicht so, als seien das mehr als Träumereien.

Und es hakte bei Spanair schon an den allersimpelsten Dingen, das machte stutzig: Ich bat um ein paar Flugzeugfotos für meine Artikel. Doch die waren im ganzen Haus des nahegelegenen Hauptquartiers nicht aufzutreiben. Eine Airline, die keine Fotos von ihren eigenen Flugzeugen hat? Seltsam.

Spanair brauchte dringend einen Investor, und der war nicht in Sicht. Zuletzt winkte Qatar Airways ab und Katalonien drehte im Zuge der Euro-Finanzkrise den Geldhahn endgültig zu. Vergangenen Freitag am späten Abend war plötzlich Ende. Im Nachhinein fast überraschend, wie lange sich diese Firma noch in der Luft gehalten hat. Mir tun die mehr als 20.000 Passagiere leid, die am letzten Wochenende festsaßen. Noch mehr die 3.000 Mitarbeiter, von denen viele wesentlich enthusiastischer bei der Sache waren als die Flugbegleiter auf meinen Flügen. Für sie ist eine Airline-Pleite besonders traumatisch, und sie können am wenigsten dafür.

Für die Star Alliance ist die Sache peinlich - nach Varig und Ansett ist nun erstmals ein europäisches Mitglied pleite gegangen. Der einzige, der sich nach dem Spanair-Ende bald neu erfinden könnte, ist Ferran Soriano. Er ist gerade als heiß umworbener neuer Chef des Fußballklubs Manchester City im Gespräch. Adiós, Spanair.

Stand: 01.02.2012 - 8:36 AM Uhr

Quelle: Andreas Spaeth für airliners.de

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