Interview "In diesem Jahr haben wir alle viel gelernt"

ADV-Präsident Stefan Schulte zieht im Gespräch mit airliners.de einen Strich unter das Chaosjahr 2018. Der Frankfurt-Chef stellt klar, was sich ändern muss und wann dadurch Verbesserungen zu erwarten sind.

ADV-Präsident und Fraport-Chef Stefan Schulte. - © © dpa/Arne Dedert, dpa-tmn/Tobias Hase [M] -

ADV-Präsident und Fraport-Chef Stefan Schulte. © dpa/Arne Dedert, dpa-tmn/Tobias Hase [M]

Müsste die Luftfahrtbranche ein Unwort des Jahres küren, hätte "Verspätungssommer" 2018 gute Chancen auf den Titel. Der Begriff kam im Juli auf, als bei allen Airlines europaweit Flüge verspätet waren oder ganz ausfielen. ADV-Präsident und Fraport-Chef Stefan Schulte setzt auf Analyse und Dialog. Mit Entschlossenheit gelte es nun bei Airlines und Airports, die entscheidenden Themen anzupacken. Lufthansa prägte dabei einen eigenen Begriff, der ebenfalls gute Chancen hat, Luftfahrt-Unwort 2018 zu werden: "qualitatives Wachstum".

airliners.de: Wir müssen bei Lufthansa anfangen. Wie findet es ein ADV-Präsident, dass Lufthansa sagt, die deutschen Flughäfen sollen nicht mehr wachsen?
Stefan Schulte:
So habe ich Lufthansa nicht verstanden. Entscheidend ist doch die Lehren aus dem Sommer zu ziehen, dass wir gezielt gegen die Ursachen vorgehen müssen. Und diese liegen im Jahr eins nach der Air-Berlin-Insolvenz auf verschiedenen Ebenen, in Europa wie auch in Deutschland, im Luftraum, bei den Airlines, aber auch die Flughäfen haben ihr Paket und die Politik muss arbeiten.

Schnüren wir die Pakete mal auf. Zuerst das der Airlines: Inwiefern ist der Faktor 'Jahr eins nach Air Berlin' entscheidend?
Immerhin ging die zweitgrößte Airline Deutschlands vom Markt. Bei einem stark wachsenden Luftverkehrsmarkt versuchen natürlich die Wettbewerber, die begehrten Slots an den Flughäfen zu übernehmen und Strecken in ihr eigenes Netzwerk zu übernehmen. Wenn dann nicht rechtzeitig Flugzeuge und Crews zur Verfügung stehen, sind Flugausfälle und Verspätungen die unausweichliche Folge. Unter anderem haben kartellrechtliche Gründe und der bürokratische Aufwand beim Umschreiben der Maschinen zu dieser Situation beigetragen. Das System hat sich allerdings einsortiert. Die Flugpläne der Airlines sind deutlich stabiler. Daher bin ich relativ sicher, dass es im Jahr zwei nach der Air-Berlin-Insolvenz deutlich besser laufen wird.

Diese Einschätzung ist worin begründet?
Das Jahr 2018 hat gezeigt, dass wir uns in der Branche zusammensetzen und bestimmte Strukturen aufräumen müssen. Alle Akteure haben viel gelernt - vom Luftfahrt-Bundesamt, über die Airlines bis hin zur Politik, den Flughäfen und der Flugsicherung. Mit Entschlossenheit gilt es jetzt, die entscheidenden Themen selbst und auch auf Seiten der Politik anzupacken. Nehmen Sie zum Beispiel den Luftraum in Europa: Der ist ein Flickenteppich. Stichwort Single European Sky - hier Fortschritte zu erzielen ist sicherlich aller Mühen wert.

… womit wir beim zweiten Paket wären: das der Politik. Was muss die tun?
Wir brauchen bei der Flugsicherung ein flexibleres System, das schneller auf Marktveränderungen und -erfordernisse eingeht. Wir sehen ja, dass uns derzeit Lotsen fehlen - wir brauchen zusätzliche Kapazitäten in den Lufträumen. An den Themen arbeitet die Politik zusammen mit den Flugsicherungen.

Zum Interviewpartner

Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre hat Stefan Schulte unter anderem für die Deutsche Bank und Mannesmann Arcor gearbeitet. 2003 kam er als Finanzchef zu Fraport - seit über neun Jahren ist er Chef des Flughafenbetreibers. Daneben ist er seit Juli dieses Jahres Präsident des Flughafenverbands ADV. Schulte ist zudem Präsidiumsmitglied des CDU-Wirtschaftrats und sitzt im Aufsichtsrat der Deutschen Post.

Aber aus Sicht der Flugsicherungen - das dritte Paket: Was kann da konkret gemacht werden? Eine Lotsenausbildung dauert nun mal fünf Jahre …
Da sind die Flugsicherungen in Europa der richtige Ansprechpartner. Letztlich wird es hier wie auch bei den Flughäfen und Airlines um ein Bündel an kurz- und mittelfristig wirksamen Maßnahmen gehen. Das kann zusätzliche Schichten von Lotsen genauso umfassen wie die effizientere Führung von Flugzeugen im Luftraum, zusätzliche Luftstraßen oder flexiblere Regulierungszeiträume und Ausbildungskontingente.

… bei denen Ryanair-Chef Michael O'Leary in guten Zeiten dann wieder rumtönt, dass wir zu viele Lotsen haben?
Das zeigt ja nur, wie hart umkämpft der Luftverkehrsmarkt ist. Erst mal zwischen den Airlines und dann aber auch im Zusammenspiel mit den Flughäfen. Da können wir nicht mit Fünf-Jahreszeiträumen bei der Regulierung arbeiten. Die sind einfach zu starr und müssen kürzer werden, um flexibler reagieren zu können.

Das letzte Paket: die Flughäfen. Was können die machen?
Das kann je Flughafen sehr unterschiedlich sein, je nachdem wo heute Engpässe auftreten: im Vorfeld, beim Bahnsystem, im Terminal. Nehmen Sie beispielsweise die Sicherheitskontrollen. Die Hoheit liegt ganz klar beim Bundesinnenministerium, aber wir Flughäfen müssen auch dafür sorgen, dass wir vor Ort ausreichend Flächen für Kontrolllinien haben und - soweit wir verantwortlich sind - ausreichend Personal. Die großen Flughafenstandorte sind bereit, in die Verantwortung bei der Passagier- und Handgepäckkontrolle zu gehen. Denn wir sehen ja heute, dass die deutschen Kontrollen einen Durchsatz haben, der im europäischen Vergleich hinterherhinkt. Das liegt nicht an den Mitarbeitern - das hängt am Ablauf der Kontrollen und an der Frage, wie die Verträge mit den Dienstleistern gestaltet sind. Da ist die Politik dran und wir als Verband halten engen Kontakt.

Das Thema Sicherheitskontrollen ging im Sommer gefühlt etwas unter … Verschwindet der von der Großen Koalition ausgesendete Reformwille gerade in der Schublade?
Das Thema hat auf Seiten der Flughäfen und der Fluggesellschaften weiterhin die höchste Aufmerksamkeit. Ich hoffe auch auf Seiten der Politik. Dass sich dringend etwas ändern muss, ist allen Akteuren bewusst. Der nächste Schritt ist jetzt, dass die Regierungskoalition ein Gutachten beauftragen will, in welche Richtung die Kontrollen weiterentwickelt werden sollen. Im Interesse der Reisenden streben wir auch an unseren Flughäfen die internationalen Benchmarks in Sachen Effizienz und Kundenfreundlichkeit an. Uns geht das manchmal zu langsam, aber es geht in die richtige Richtung - und definitiv nicht in die Schublade.

Wochenserie

In sechs Interviews wollen wir mit wichtigen Akteuren noch einmal die großen Themen des Luftfahrtjahrs 2018 besprechen. Neben Stefan Schulte sind dies

Die Interviews erscheinen in der Woche zwischen dem 24. und 29. Dezember 2018 auf airliners.de.

Lässt sich festhalten, dass an allen Ecken und Enden noch viel zu tun ist. Ist es dann nicht doch sinnvoll, das Wachstum erst einmal zu deckeln?
Ich bin zutiefst von unserer marktwirtschaftlichen Grundordnung überzeugt. Luftverkehr verbindet Menschen und Volkswirtschaften. Übrigens sehr zum Vorteil unseres hohen Wohlstands in Deutschland. Luftverkehr wächst weltweit, da können wir uns in Deutschland doch nicht abkoppeln, sondern müssen die Ursachen der Unpünktlichkeit anpacken.

Aber dieser Markt hört nicht an den Landesgrenzen auf - wie sinnvoll ist da ein deutscher Luftverkehrsgipfel als Reaktion auf die Probleme?
Sehr sinnvoll. Ich glaube, die Hauptthemen liegen ganz klar hier in Deutschland. Die Themen, die auf europäischer Ebene zu regeln sind, hat die Politik mitgenommen und wird sie dort zur Sprache bringen.

Auf einer anderen Ebene beim Wachstum im Luftverkehr hat die Politik gehandelt - da würde ich beispielsweise das Moratorium für die Dritte Bahn in München einordnen?
Definitiv. Ich habe wenig Verständnis dafür, dass die Politik das Thema der Dritten Bahn schon wieder geschoben hat. Ein Ausbau am Flughafen München ist dringend notwendig. Und das alles angesichts eines höchstrichterlichen Planfeststellungsbeschlusses, der vollziehbar ist. Auch an anderen Standorten benötigen Flughäfen eine Erweiterung ihrer Kapazitäten. In NRW geht es beispielsweise um die Planfeststellung für die Eckwerteerweiterung in Düsseldorf. Auch der Flughafen Köln/Bonn durchläuft ein wichtiges Verfahren. Wir alle kennen die Prognosen: Der internationale Luftverkehr wird sich in den nächsten 20 Jahren verdoppeln. Dafür müssen wir auch die Infrastruktur am Boden schaffen.

Apropos Prognose - am Ende bitte noch eine von Ihnen: Wann ist die Verlässlichkeit im Luftverkehr wieder auf dem Niveau von vor dem (Post-)Air-Berlin-Chaos?
Wir erwarten, dass wir im kommenden Jahr bereits eine bessere Pünktlichkeit als in diesem Jahr haben werden. Wo wir dann konkret liegen, hängt auch davon ab, wie es gelingt die vereinbarten Maßnahmen umzusetzen. Wir müssen also an den Themen dranbleiben und kontinuierlich weiterarbeiten - das ist kein Einmal-Paket.

Herr Schulte, vielen Dank für das Gespräch.

Von: cs

Datum: 24.12.2018 - 07:00

Adresse: http://www.airliners.de/in-jahr-interview-verspaetungssommer-stefan-schulte/47894