Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.
Da standen sie, auf dem ziemlich leeren Vorfeld des Antonow-Werksflugplatzes Gostomel bei Kiew: Das größte aktive Flugzeug der Welt, der von den Sowjets 1988 gebaute Riesentransporter Antonow An-225 Mriya, mit sechs Triebwerken. Und mehrere vierstrahlige An-124 Ruslan, das Basismodell. In den späten achtziger und frühen neuziger Jahren habe ich diese Giganten erstmals mit eigenen Augen gesehen, auf der Pariser Air Show in Le Bourget. Die gigantische Halle, der Bauch der Mriya („Traum“), in dem sie Lasten von bis zu unglaublichen 250 Tonnen befördern kann –etwa das Anderthalbfache eines üblichen 747-Frachtjumbos- erinnert eher an eine riesige Lagerhalle.
Auch der Frachtraum der kleineren Ruslan ist schon beeindruckend in seinen Dimensionen. Den hatte ich erstmals zu einem besonderen Ereignis betreten: Damals war eine russische MiG-27 bei der Flugschau in Paris abgestürzt. Der wagemutige Pilot konnte sich mit dem Schleudersitz retten. Er hieß Anatoly Kvochur, ich weiß es noch genau, und er gab am Tag danach als Held eine Pressekonferenz im Bauch der An-124. Aus dem dunklen Frachtraum über die schwankende, meterhohe Metallleiter nach oben zu gehen, in das Sechs-Mann (!)-Cockpit, hatte ich damals in Paris schon irgendwie geschafft. Der leicht muffig-süßliche Geruch in russischen Flugzeugen ist stets ähnlich, das fiel mir fast immer auf, wenn ich sie betrat. Auch als ich 1990 als junger Reporter die Chance hatte, mit dem Atomeisbrecher „Rossiya“ den ersten Passagiertrip zum Nordpol mitzumachen, empfing mich ein ähnlicher Geruch.
Letzte Woche in Kiew waren mit dem Geruch auch sofort alle diese Erinnerungen wieder da. Und die Faszination, heute einfach so umherzuspazieren in Bereichen, die noch vor kurzem, lange nach dem Ende des Kalten Krieges, Top Secret waren. Schließlich erfüllten die Riesen-Antonows ursprünglich vor allem militärische Aufgaben. In Gostomel führte mich der Betriebsleiter von Antonow Airlines, die diese Giganten heute betreibt, erstmals durch die Eingeweide der fliegenden Dinosaurier. Und ich war sehr überrascht, wieviele geheime Ecken und Winkel dort existieren, die normalerweise niemand zu sehen bekommt. Ich fühlte mich ein wenig an die Spruce Goose von Howard Hughes erinnert, jene „Fichtengans“ von 1947, die ich in den USA einmal besichtigte und deren Spannweite und Flügelfläche noch wesentlich größer ist als die der Mriya ist.
Die riesigen Dimensionen dieser fliegenden Lastkähne bedingen relativ viel ungenutzten Leerraum. So krabbelte ich mit meinem Begleiter in den Hohlraum unter der Verkleidung der Flügel am Übergang in den Rumpf. Ich konnte durch eine Luke hoch oben auf das Dach der Ruslan schauen, in einer anderen Kammer sehen, wie der ganze Flügel durch den Rumpf hindurch von einer zur anderen Seite verläuft ohne Unterbrechung. Die Mriya hat hinten oben über der Ladeluke einen riesigen Hohlraum, durch den eine Treppe über einen Zwischenstock in die Aufenthalts- und Schlafräume der bis zu 20 Passagiere führt. Das sieht aus wie auf einem Schiff.
Das absolute Highlight war, als mir mein Begleiter nach Passieren eines Druckschotts in der Ruslan eine steil nach oben führende Treppe zeigte. Ich konnte es nicht glauben: Innen im Leitwerk führen enge dunkle Stufen aus Lochblech nach ganz oben in die Spitze, zehn Meter hoch, 20 Meter über dem Boden. Nur so kann ohne weitere Gerätschaften die dort befindliche Antenne gewartet werden. Pragmatisch und robust, so habe ich sowjetische Technik immer kennengelernt, ob bei den unverwüstlichen Mil Mi-2-Hubschraubern auf dem Eisbrecher oder eben im tiefen Inneren der Ruslan. Auch das Evakuierungssystem für die Cockpitbesatzungen der Riesen ist ungewöhnlich: Ein Tunnel führt von einer Luke im Cockpit durch den Frachtraum hindurch zu einem Außenschott. Da sowjetische Militärpiloten immer Fallschirme tragen mussten, war so sogar im Flug das Aussteigen möglich.
Mehrfach fühlte ich mich bei meiner Expedition an alte Filme erinnert, wo Passagiere in den Innereien von Zeppelinen herumturnen. Oder an die russischen Weltraumstationen, die auf Fotos innen ähnlich anmuten. Nie habe ich Flugzeuge aus so ungewöhnlichen Blickwinkeln kennenlernen können wie jetzt in Kiew. Mit der Ausnahme vielleicht des zentralen Flügeltanks der Boeing 747, in den ich mal vordringen durfte – und in dem man tatsächlich stehen kann. Wegen fehlender Nachfrage hebt die Mriya, ein Unikat, immer seltener ab, zuletzt im Mai, und nun wieder im September. Wer weiß wie lange Antonow Airlines sie noch in Betrieb halten wird. Aber ich kann jetzt immerhin behaupten, sie innen- und außen-wändig zu kennen, die erste und letzte ihrer Art.
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