Immer mehr Passagierbeschwerden im Luftverkehr

Verspätungen, Ausfälle, verschollenes Gepäck: Solche Probleme dürften Fluggäste auch in diesem Sommer plagen. Kurz vor dem zweiten Luftfahrtgipfel legen offizielle Stellen und Entschädigungsplattformen Zahlen vor.

Passagiere am Flughafen Frankfurt. - © © dpa - Fredrik von Erichsen

Passagiere am Flughafen Frankfurt. © dpa /Fredrik von Erichsen

Die Luftfahrtbranche erwartet einen weiteren schwierigen Sommer - und die zuständigen Stellen Tausende Beschwerden. "Es ist damit zu rechnen, dass es auch im Sommerflugplan 2019 wieder zu Unregelmäßigkeiten kommt, die der Schlichtungsstelle viel Arbeit bescheren", sagte Heinz Klewe, der Geschäftsführer der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP).

Im Flug-Chaos im vergangenen Sommer hatte sich die Beschwerdezahl 2018 auf das Rekordniveau von mehr als 32.000 verdoppelt. Sieben von acht Anträgen kamen von Fluggästen. Die Beschwerdeflut hält an. Im Januar und Februar wandten sich doppelt so viele Fluggäste an die Schlichtungsstelle wie in den Vorjahresmonaten.

"Die SÖP erwartet für 2019 ein ähnlich hohes Schlichtungsaufkommen wie im Berichtsjahr 2018", heißt es im Jahresbericht der offiziellen deutschen Schlichtungsstelle, an die sich Kunden kostenlos mit Beschwerden nach Reisen mit Bahn, Bus, Flugzeug oder Schiff wenden können.

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Im vergangenen Jahr hatten Engpässe bei den Flugsicherungen, Fluglotsenstreiks, lange Wartezeiten bei den Passagierkontrollen und eine Häufung von Unwettern den Luftverkehr durcheinandergewirbelt. Zudem hatten die Airlines Mühe, die Lücke zu füllen, die die insolventen Air Berlin hinterlassen hatte. Die Probleme sind auch Thema bei einem zweiten "Luftfahrtgipfel" an diesem Donnerstag in Hamburg. Nun fehlt Germania und auch das Boeing-737-Max-Grounding führt zu Kapazitätsproblemen.

Geschäft der Entschädigungsdienstleister boomt

Die Folgen des Chaos-Sommers sieht auch der Entschädigungsdienstleister Airhelp in seinen Zahlen. Verspätungen und Flugausfälle seien "unverhältnismäßig stark" gestiegen, teilte Airhelp mit und vergleicht 2018 mit zwei Jahren zuvor. In diesem Zeitraum sei die Zahl der Passagierflüge um fünf Prozent gestiegen - die Zahl der Verspätungen und Ausfälle aber um 55 Prozent. Die Anzahl der Flugpassagiere mit Entschädigungsanspruch habe sich im Betrachtungszeitraum fast verdoppelt. Gab es 2016 rund 8000 ausgefallene oder mehr als drei Stunden verspätete Flüge im Verantwortungsbereich der Airlines, waren es 2018 mehr als 15.000.

Die Entschädigungszahlen für die Airlines sind dabei enorm. Allein die Lufthansa hat im vergangenen Jahr rund 518 Millionen Euro Aufwendungen für Verspätungen und Flugausfälle bilanziert. Darin enthalten sind neben Entschädigungszahlungen auch die Ausgleichszahlungen für Hotelübernachtungen, Essensgutscheine und Transferleistungen, die Passagieren neben den Entschädigungen zustehen.

Nicht zuletzt aufgrund der lukrativen Entschädigungsregelungen haben sich im Bereich der Fluggastentschädigungen mittlerweile etliche spezialisierte Anwaltsportale wie Airhelp etabliert. Sie setzen Ansprüche der Betroffenen durch. In der Regel nehmen diese "Fluggastrechte-Portale" aber nur klare Fälle an und behalten für ihre Services etwa ein Viertel bis ein Drittel der erstrittenen Ausgleichszahlungen als Honorar ein. Bei komplizierteren Fällen und besonders hohen Entschädigungszahlungen kommen weitere Gebühren hinzu.

Und das Geschäft boomt. Allein im vergangenen Jahr hätten laut Airhelp fast 1,96 Millionen Passagiere "dank" der EU-Fluggastrechte-Verordnung Anspruch auf eine Entschädigungen, so Airhelp - und wirbt dabei mit Entschädigungen in Höhe von "bis zu 600 Euro pro Person".

Ab einer dreistündigen Verspätung bei Flügen über 3500 Kilometer gibt es zwar in der Tat 600 Euro. Das ist allerdings nicht die Regel, da die Mehrheit der Verspätungen und Flugausfälle nicht Langstrecken betreffen. Bei Strecken zwischen 1500 und 3500 Kilometern müssen Airlines aber immerhin auch noch 400 Euro zahlen und bei kürzeren Strecken 250 Euro - immer vorausgesetzt, dass kein "außergewöhnlicher Umstand" für die Probleme verantwortlich war.

Aktuell sind die EU-Regulierungen in dem Bereich aber schwammig gefasst, weswegen es seit Jahren immer wieder neue und sich zum Teil auch widersprechende Urteile im Reiserecht gibt. Um die Belastung in dem Prozess auch für Airlines zu reduzieren tritt neben Verbraucherschützern auch die Luftverkehrsbranche für eine baldige Neufassung der EU-Fluggastrechte ein.

© dpa, Hannibal Hanschke Lesen Sie auch: Streit um automatisierte Entschädigungsprozesse geht weiter

Im Zuge der Neuregelungen könnten Flugrechtportale bald neue Konkurrenz bekommen: Ende vergangenen Jahres hatte der EU-Rechnungshof einen Sonderbericht vorgelegt, wonach die Rechte von Flug- und Fahrgästen in der EU in der Praxis nicht ausreichend umgesetzt würden. Daher müssten Zahlungen automatisiert werden.

Auch die deutsche Politik setzt sich für einen automatisierten Prozess ein. Es sei nicht einzusehen, dass Flüge und Züge per App gebucht werden könnten, die Entschädigung dann aber schriftlich auf komplizierten Formularen beantragt werden müsse.

Verbraucherschützer treten seit langem nicht nur für eine automatisierte sondern sogar für eine vollautomatische Entschädigung bei Verspätungen ein. Dieser Vorschlag trifft sowohl bei Airlines als auch bei Fluggastrechte-Portalen auf Ablehnung.

Von: dh mit AFP, dpa

Datum: 27.03.2019 - 16:05

Adresse: http://www.airliners.de/immer-passagierbeschwerden-luftverkehr/49450