Schiene, Straße, Luft (27) ( Gastautor werden )

Im Rausch der Geschwindigkeit

01.03.2019 - 12:02 0 Kommentare

Schon allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist der Widerstand gegen ein Tempolimit auf Autobahnen absurd, meint Verkehrsjournalist Thomas Rietig. Sollen sie doch fliegen, die Tempo-Junkies.

Ein Airbus A330 im Flug. - © © AirTeamImages.com - Roman Becker

Ein Airbus A330 im Flug. © AirTeamImages.com /Roman Becker

Über den Wolken ist die Freiheit bekanntlich grenzenlos. Nun ja, in gewissen Grenzen, wie Vielflieger und Branchenbedienstete wissen. Aber das irgendwie beglückende Gefühl beim Fliegen verschwindet auch nach jahrzehntelanger Routine niemals ganz, nicht einmal in der Käfighaltung der Holzklasse.

Was dort die Freiheit einschränkt, ist bestimmt nicht die fremdbestimmte Geschwindigkeit des Fortbewegungsmittels. Im Gegenteil, manchmal zeigt der Monitor-"Tacho" zumindest in West-Ost-Richtung auf der Nordhalbkugel ein Tempo jenseits der 1000-Stundenkilometer-Marke an.

Wenn sie nicht gerade Kunstflieger oder Testpiloten sind, definieren Flugzeugführer "Freiheit" sicher nicht über die Möglichkeit, die Geschwindigkeit über Grund frei wählen zu dürfen. Wahrscheinlich gilt das selbst für die weit überwiegende Mehrheit der Privatpiloten. Man denke nur an die wohl eher bescheidenen Geschwindigkeitserlebnisse mit einer Cessna 340, dem Flugzeug, das Reinhard Mey zu dem oben erwähnten Songtext animiert haben dürfte.

Flieger sind auf ein Optimum an Wirtschaftlichkeit ausgelegt

Sollten kommerzielle Piloten dennoch mal richtig auf die Tube drücken, kriegen sie Ärger mit dem Chef. Der Flieger ist auf ein Optimum an Wirtschaftlichkeit ausgelegt, und dazu gehört eine bestimmte Geschwindigkeit in Abhängigkeit von Flughöhe, Wetterlage und anderen Parametern, zu denen auch Haftungsfragen gehören. Manche Airline-Bosse sehen ihr wirtschaftliches Heil sogar im Langsamfliegen.

Auf der Schiene ist das ähnlich. Lokomotivführer dürfen ihr Fahrzeug auch nicht bis ans Limit ausreizen. Etwa wenn der Zug von Stuttgart nach Köln wegen "Stau" vorm Frankfurter Flughafenbahnhof Gefahr läuft, die Fahrzeit von zweieinviertel Stunden nicht einzuhalten. Dann dreht der ICE im Westerwald auf und lässt selbst die schnellsten Autofahrer ganz cool rechts liegen.

Aber mehr als, sagen wir, 304 km/h würde der Lokführer schon aus wirtschaftlichen Gründen niemals fahren, von Messfahrten mit Spezialzügen mal abgesehen, obwohl sein ICE für 330 km/h zugelassen ist. Das verbraucht zu viel Strom.

Mit goldener Tankkarte ist alles erlaubt

Auf der A3 nebenan ist alles ganz anders. Da ist die Freiheit in Hinsicht auf das Tempolimit grenzenlos. Gesichtspunkte der Wirtschaftlichkeit spielen dabei keine Rolle, auch wenn die Chefs der Dienstwagenfahrer auf der linken Spur immer wieder betonen, dass sie alles Mögliche "mit Rücksicht auf die Aktionäre" tun oder lassen müssten. Solange die Fahrer in den Limousinen eine goldene Tankkarte haben, ist alles erlaubt. Zum Beispiel mit Tempo 200+ doppelt so viel Spritkosten wie nötig zu verursachen. Von Bremsbelägen und Motorverschleiß und den zugehörigen Emissionen ganz zu schweigen.

Dann gibt es noch jene Privatautos, deren Fahrer sich an die Stoßstangen eines Vorausfahrenden heften, auch wenn der bereits mit 150 km/h unterwegs ist. Ihnen ist offenbar nicht nur die Wirtschaftlichkeit ihrer Fortbewegung, sondern auch die Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer egal.

Manche von ihnen sind sich nicht zu blöd zu argumentieren: Müssten sie ständig 130 km/h oder 140 km/h fahren, würden sie auf den deutschen Autobahnen schneller ermüden. Sie sollten das mal in Gegenwart eines nordatlantik- oder pazifikerprobten Piloten vorbringen. Die werden den Rasern wahrscheinlich eine Karriere in der Bundeswehr vorschlagen, und wenn es zum Eurofighter-Piloten nicht reicht, sind sicher auch noch Jobs als Fallschirmspringer frei. Selbst dabei lernt man, dass die im Fall erzielbare Geschwindigkeit endlich ist. Und Dritte werden nicht ins Risiko einbezogen.

Wenn das auch nichts wird, können sie ja in einen ICE steigen, um den Rausch der Geschwindigkeit zu erleben und Porsches neben der A3 oder in Frankreich überholen. Aber bei 320 km/h ist da auch Schluss. Dabei ist sich die Deutsche Bahn der Endlichkeit auch ihrer Geschwindigkeits-Angebote bewusst. In einer Werbung für Bahnbonus-Vorteile (das sind die "Flug"meilen für Bahnfahrer) gab es Anfang Februar das Angebot, für Flugpauschalreisen Punkte zu sammeln. So selbstlos muss man erst einmal sein. Sollen sie also fliegen, die Tempo-Junkies.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: br
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