Die letzte Spaethfolge (154) ( Gastautor werden )

Im Fegefeuer der Leser

09.10.2013 - 12:29 0 Kommentare

Nach drei Jahren Spaethfolge ist jetzt Schluss. Ein guter Zeitpunkt, den Spieß mal umzudrehen und meinen Lesern auf die Feder zu schauen. Viele haben sich Mühe gegeben – mit Lobeshymnen und auch mit heftiger Kritik. Eine Nachlese.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Manche airliners.de-Leser konnten es einfach nicht lassen, auf sie schien die Spaethfolge ein wenig wie eine Droge zu wirken. Sie konnten nicht mit ihr leben, aber sie konnten auch nicht ohne sie sein. Einerseits verachteten sie meine Auslassungen, wie sie in den Kommentaren unter den Artikeln, auf Facebook oder per E-Mail betonten. Andererseits klickten sie jede Woche wieder rein.

Von anderen, positiver gestimmten Lesern auf diesen Widerspruch hingewiesen, brachte es ein besonders kritischer Nutzer auf den Punkt: „Ich hab’ immer noch Hoffnung, außerdem interessiert es mich, was für’n Dünnpfiff diese Woche dran ist!“, schrieb er vor Monaten. Das Spielchen wiederholte sich regelmäßig. Manchmal mahnte ein Befürworter zur Vernunft: „Dann lest die Kolumne eben nicht, aber schreibt nicht im Wochenrhythmus euren Frust darunter! Kann ja keiner was dazu, dass ihr es trotzdem weiter lest.“

Oft fiel auf, dass sich beide Lager untereinander gegenseitig Mut machten. Mal preschten die Kritiker vor: „Ich frage mich jedes Mal, warum ich diesen Müll lese, beginne immer in der Hoffnung, dass vielleicht doch mal etwas wirklich Interessantes kommt, aber jedes Mal die Feststellung, selbst «Bild der Frau», «Das Goldene Blatt» und «SuperIllu» sind interessanter – ich hoffe airliners.de wird mal munter und trennt sich von dem Ballast.“

Nach solchen Einlassungen ließ die Replik nie lange auf sich warten: „Nett geschrieben! Find ich gut! Weiter so! Die Humorlosen sollen weiter Handelsblatt lesen und in den Keller zum Lachen gehen“, oder ähnliche Aufmunterungen fanden sich stets kurz darauf. Manche hielten einen „Ja, aber“-Zuspruch bereit: „Trotzdem aber ein Lob an Ihre Kolumne, die mich vor allem durch Ihre vielen Erfahrungen um die Welt fasziniert. Ihre nostalgischen Erinnerungen der BAC 1-11 und anderem antiken Gerät gehen aber so langsam auf die Nerven und sind mir nicht mehr von einem nennenswerten Mehrwert“, moniert ein User.

Ein anderer wendet ein: „Das sind alles Allgemeinplätze, die nur die allgemeine Motzkultur stützen und befördern. Davon haben wir schon genug in diesem Land - da brauchen wir nicht noch mehr Jammerblogs.“ Das war mal ein neuer Vorwurf, denn in den meisten Fällen wurde mir ja aufs Brot geschmiert, dass es mir sowieso viel zu gut ginge: „Wie immer sinnfreier Artikel mit der üblichen Selbstbeweihräucherung des Autors. Ist schon ein echt belastender Job, sich in den Luxushotels dieser Welt herumschlagen zu müssen und sich dann noch diese knapp 5.000 Zeichen abzuringen. Arme Journalisten, was haben die auch zu leiden.“

Klar gehört professionelle Eitelkeit zum Dasein des Journalisten, und auch klar ist, dass man als Journalist mitunter Privilegien genießt, wenn man dieser Branche lange folgt. Dass ich meine eigene Figur in dieser Kolumne aber manchmal überhöht und auch zu einer Art Kunstfigur aufgebaut habe, die so nicht wirklich existiert, haben manche wohl nicht verstanden und alles für bare Münze genommen.

Entsprechend vernichtend fiel die eine oder andere Textanalyse aus: „Er muss immer alles madig und schlecht reden, und wenn man nicht mehr weiß, was man schreiben soll, dann schreibt man dies einfach. Ich würde sagen, dass es zu seinen täglichen Bedürfnissen gehört. Habe viele Spaethfolgen gelesen, davon waren 95% einfach nur langweilig und schlecht,“ so die Bilanz eines Users. Ein anderer erkannte: „Das Problem der Spaethfolgen besteht ja darin, dass die Grundstruktur seiner Artikel immer wiederkehrenden Sinn-Elementen folgt: Boah bin ich toll, ich war dort und dort, ich kenne den und den, oh habe ich es als Journalist schwer und - oben drauf noch - früher war alles besser.“ Ein User mag sich jetzt erhört fühlen, der vor Monaten forderte: „Stellt den Bog doch endlich ein, es geht dem Autor doch seit Teil 1 nur darum zu zeigen, was für ein Luftfahrtprofi er ist, vielmehr gern sein möchte.“

Besonders hoch her ging es bei manchen Einzelthemen. Zum Beispiel als ich über meine in Jahren gesammelten Sicherheitskarten berichtete oder die früher mal mitgenommenen Airline-Bestecke. Das stieß vielen sauer auf. „Sie sollten sich wirklich in Grund und Boden schämen das Eigentum der Airline zu klauen. ... Sie müsste man bei jeder Airline auf die Sperrliste setzen. Zu klauen und damit dann auch noch anzugeben ist das Letzte. Was klauen Sie als nächstes? Sitze? Gurte?“, empörte sich ein Leser.

Das Heftigste, was mir in allen drei Jahren passierte, geschah aber live, nicht schriftlich: Qatar-Airways-Chef Akbar Al Baker schrie mich auf der Reisemesse ITB in Berlin öffentlich an, nachdem ich ihn in einem Nebensatz als „eher klein von Statur“ bezeichnet hatte, was beschreibend, keinesfalls beleidigend gemeint war. Noch viel heftiger, nämlich minutenlang, fiel die telefonische Schreitirade einer namentlich nie genannten n-tv-Moderatorin aus, die sich von meiner Kolumne über den Trümmer-Kommentator verunglimpft fühlte.

Wie auch immer: Für mich waren die drei Spaethfolge-Jahre eine grandiose Erfahrung, ich habe dabei viel gelernt, über mich, über das Internet, über die Branche. Ich danke allen ganz herzlich, die sich an den Diskussionen beteiligt haben, egal ob lobend oder meckernd, ob schriftlich oder persönlich. Ich wünsche mir, dass sie mich auch künftig so engagiert begleiten.

Wer mehr von der "Droge Spaethfolge" braucht, der kann sich nun noch einmal auf den nächsten Mittwoch freuen. Um den Abschied nicht ganz so schwer zu machen, erscheint dann nämlich mein Vorwort zum neuen Spaethfolge-Buch als wirklich allerletzte Kolumne.

Das Blaue vom HimmelAndreas Spaeth, "Das Blaue vom Himmel": Taschenbuch, Band 3, 2011/12. Das dritte Jahr der beliebten airliners.de-„Spaethfolge“-Kolumnen im Taschenbuchformat auf 180 Seiten, angereichert mit Bildern und Anmerkungen. Hier für €9.95 zzgl. Versandkosten bestellen.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
( Gastautor werden )
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Anzeige schalten »
  • Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. Die unnötigste Wahl seit Jahren

    Die Born-Ansage (69) Der Tegel-Volksentscheid war ein Witz, sagt Karl Born. Der Flughafen Tegel schließt ohnehin nicht so schnell, denn der BER liegt im Koma. Und irgendwann schlagen die Fakten die Theorie: Zu klein ist zu klein.

    Vom 28.09.2017

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »