Hoher Bedarf an Flugbegleitern stellt Airlines vor Herausforderungen

Exklusiv 19.08.2016 - 15:18 0 Kommentare

Der Traumberuf Flugbegleiter hat sich gewandelt. Fluggesellschaften haben heute Probleme, offene Stellen zu besetzen. Es mangelt nicht nur an qualifizierten Bewerbern – auch die Fluktuation wird zum Problem.

Flugbegleiterinnen der Lufthansa.

Flugbegleiterinnen der Lufthansa.
© dpa - Arne Dedert

Zwei Flugbegleiterinnen der Eurowings stehen vor einer A330 am Flughafen Köln/Bonn.

Zwei Flugbegleiterinnen der Eurowings stehen vor einer A330 am Flughafen Köln/Bonn.
© dpa - Oliver Berg

Eine Flugbegleiterin der Transavia bei der Arbeit.

Eine Flugbegleiterin der Transavia bei der Arbeit.
© Transavia

Condor stellt neue Flugbegleiter ein.

Condor stellt neue Flugbegleiter ein.
© Condor

Eine Flugbegleiterin der Ryanair wartet auf Passagiere. Im Cockpit bereiten sich die Piloten vor.

Eine Flugbegleiterin der Ryanair wartet auf Passagiere. Im Cockpit bereiten sich die Piloten vor.
© AirTeamImages.com - Simon Willson

Flugbegleiterinnen der Easyjet.

Flugbegleiterinnen der Easyjet.
Easyjet

Eine Crew der Germania Fluggesellschaft.

Eine Crew der Germania Fluggesellschaft.
© Germania

Wer Flugbegleiter werden will, hat derzeit beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Etliche Fluggesellschaften suchen hierzulande nach Personal in der Kabine. Die Lufthansa allein rechnet für dieses Jahr mit einem Bedarf von 1400 neuen Flugbegleitern. Hinzu kommen einige hundert neue Kabinen-Jobs bei der Lowcost-Tochter Eurowings.

Hunderte weitere offene Flugbegleiter-Stellen gibt es derzeit bei Tuifly, Germania, Small Planet Airlines, LGW und Condor. Auch an den deutschen Basen von Easyjet und Ryanair werden Stewards und Stewardessen gesucht. Allerdings haben alle Unternehmen Probleme, die offenen Stellen zu besetzen.

Das scheint auf den ersten Blick durchaus verwunderlich, denn der Erwerb einer Flugbegleiter-Bescheinigung dauert nur wenige Wochen. Auch die formalen Voraussetzungen für den Berufseinstieg sind überschaubar: Die Kandidaten müssen gewisse körperliche Maßgaben erfüllen, schwimmen können sowie Deutsch und Englisch sprechen.

Allerdings ist das nicht alles. So müssen die Bewerber in der Regel ein mehrstufiges Assessment durchlaufen. An dieser Stelle scheitern viele Interessenten. Hört man in die Recruitment-Branche, so fehlt es nicht an Bewerbern - es fehlt an genügend qualifizierten Bewerbern.

Kandidaten haben oft falsche Vorstellungen

Allerdings ist das nicht das Hauptproblem der befragten Personaler: Schwerer wiege, dass viele Bewerber eine komplett falsche Vorstellung vom Job hätten. In der Folge würden viele geeignete Kandidaten nach einem erfolgreichen Bewerbungsverlauf ihre Schulung gar nicht erst antreten oder vorzeitig abbrechen.

"Das Fliegen hat sich gewandelt und damit auch das Berufsbild des Flugbegleiters", sagt beispielsweise Tanja Meyer. Sie ist als Niederlassungsleiterin bei Unique Personalservice unter anderem für die Rekrutierung des Transavia-Kabinenpersonals an der Basis München zuständig.

Weder das Hobby Reisen noch der Wunsch, beruflich mit Menschen in Kontakt zu treten, seien heute noch die richtigen Motivationen für den Job im Kurz- und Mittelstreckenbereich. Gefragt ist laut Meyer vielmehr "voller Teameinsatz in einer engen Kabine sowie die Fähigkeit, jederzeit auch unter Stress für die Sicherheit an Bord zu sorgen".

In seinem Buch "Fliegen – ein (Alb-) Traum?" bezeichnet Eckhard Bergmann, Experte für die Arbeitsbedingungen des fliegenden Personals, den Arbeitsmarkt für Flugbegleiter insgesamt als "recht volatil". Generell werde vielfach unterschätzt, wie anstrengend der Flugbegleiterjob in den letzten Jahrzehnten geworden ist: "Statt am Pool verbringen Flugbegleiter ihre Zeit heute am Zielflughafen mit Tätigkeiten in der Kabine und am Boden, ehe es sofort wieder zurückgeht."

Diese neuen Realitäten hätten Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Die Bestrebungen vieler Airlines, verstärkt auf Zeitarbeit und saisonal befristete Arbeitsverhältnisse zu setzen, sei ein zusätzlicher Faktor für die Rekrutierungsprobleme, führt Bergmann aus.

Hinzu komme, dass viele Flugbegleiter ihren Job traditionell nur als vorübergehende Tätigkeit ansehen. So führe die Anstellungspraxis der Airlines gepaart mit den Enttäuschungen Einiger im Arbeitsalltag zu einer insgesamt steigenden Fluktuation unter Flugbegleitern.

Fluktuation bei Flugbegleitern steigt

Das bestätigt auch die Flugbegleitergewerkschaft Ufo. Hätten noch vor nicht allzu langer Zeit im Schnitt gerade einmal vier Prozent der Flugbegleiter ihren Job in den ersten zwei Jahren an den Nagel gehangen, liege die Fluktuation heute branchenweit im deutlich zweistelligen Bereich, sagt Gewerkschafts-Sprecher Nicoley Baublies.

Auch bei den Schulungen sei es mittlerweile Gang und Gebe, dass Leute abbrechen. Die hohe Fluktuation sei dabei auch dem Einstellungsdruck bei den Airlines geschuldet, so Baublies. Heute würden auch Leute akzeptiert, die weniger gut für den anspruchsvollen Job geeignet seien.

Befristete Verträge und die damit verbundene soziale Unsicherheit würden das Problem, ausreichend geeignete Kandidaten zu finden, noch verstärken, so Baublies: "Die Airlines haben sich verkalkuliert." Noch vor kurzer Zeit hätten sich Airlines die besten Bewerber aussuchen können. Entsprechend hätten die Airlines gar nicht gewollt, dass Mitarbeiter wirklich lange bleiben und in die höheren Gehaltsstufen kommen.

Heftige Konkurrenz ums Personal

Nicht nur das scheint sich nun zu rächen. Denn die Airlines stehen in ihren Bemühungen um qualifizierte Kandidaten aktuell auch vor nicht hausgemachten Herausforderung: Am Arbeitsmarkt herrscht quasi Vollbeschäftigung bei den gut gebildeten, multikulturell orientierten jungen Menschen. Die qualifizierten Bewerber werden einfach weniger.

Das merkt auch die Lufthansa. Vor kurzem hat die Airline begonnen, mit Casting-Roadshows durch das Land zu ziehen, um genügend geeignete Kandidaten zu finden. Und das Format scheint für Lufthansa zu funktionieren. "Wir werden unseren konstant hohen Bedarf an neuen Flugbegleitern decken können", sagte ein Sprecher der Airline auf Anfrage.

© dpa, Valentin Gensch Lesen Sie auch: Lufthansa-Crews warnen vor Personalengpässen

Dabei kann Lufthansa auch auf einem neuen Tarifvertrag mit ihren Flugbegleitern aufbauen, der von vielen in der Branche als durchaus großzügig bewertet wird. Und auch den Einstieg erleichtert Lufthansa: Für angehende Flugbegleiter gibt es wieder einen Unterkunftszuschlag während der Schulung. So bringt der Rekrutierungsdruck bei den Airlines für angehende Flugbegleiter aktuell durchaus Vorteile.

Von: dh
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