Hintergrund: Wirbelschleppen als Gefahr in der Luft

12.05.2017 - 15:00 0 Kommentare

Luftverwirbelungen eines Großflugzeugs sollen einen deutschen Business-Jet im Oman vom Himmel geholt haben. Bald wird der Untersuchungsbericht veröffentlicht. Piloten und DFS erwarten das Ergebnis mit Spannung.

Hinter dem DLR-Forschungsflugzeug HALO bilden sich in Oberpfaffenhofen Wirbelschleppen. - © © DLR -

Hinter dem DLR-Forschungsflugzeug HALO bilden sich in Oberpfaffenhofen Wirbelschleppen. © DLR

Ein deutscher Business-Jet gerät über dem Arabischen Meer ins Trudeln. Er dreht sich mehrmals um die Achse und stürzt über 2000 Meter tief, bevor die Piloten das Flugzeug auffangen und im Golfstaat Oman landen können. Fünf Insassen werden verletzt, das Flugzeug ist schwer beschädigt.

Haben Luftverwirbelungen - sogenannte Wirbelschleppen - eines Großflugzeugs die zweistrahlige Challenger beinahe vom Himmel geholt? Dafür spricht aus Sicht von Experten einiges. Wenn es so wäre - wie sicher ist dann der vielbeflogene deutsche Luftraum?

Demnächst will die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) ihren Zwischenbericht zu dem Beinahe-Absturz vom 7. Januar veröffentlichen. Das Ergebnis wird mit Spannung erwartet - von Piloten wie von der Deutschen Flugsicherung (DFS).

Erhöhte Gefahr bei Starts und Landungen

Wirbelschleppen sind ein bekanntes Phänomen: Vor allem bei Start und Landung können kleinere Flieger in den Sog von größeren geraten. "Piloten wissen um die Gefahren und sind darauf vorbereitet", sagt Jörg Handwerg, Vorstand der Pilotenvereinigung Cockpit. "Im Reiseflug hätten wir aber mit so etwas nicht gerechnet." Denkt er an den Oman-Vorfall, läuft es dem Piloten "kalt den Rücken herunter".

Nach Medienberichten sollen vier Riesen-Flugzeuge in der Region unterwegs gewesen sein, darunter drei Airbus-Maschinen vom Typ A380. Das mit 560 Tonnen größte Passagierflugzeug kann laut Frank Holzäpfel, Strömungsspezialist beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), sehr starke Luftwirbel entwickeln, genauso wie eine Boeing 747 oder eine Antonov An-225.

Mindestabstände in der Luft und am Boden

Lotsen wie Piloten kennen die Risiken. Landet ein kleineres Flugzeug hinter einem Jumbojet, muss es an Flughäfen einen Mindestabstand einhalten. Beim Flug muss eine Distanz von vertikal über 300 Metern und horizontal von etwa neun Kilometern eingehalten werden.

Wirbelschleppen sind ein Phänomen wie das Wetter, aber normalerweise kein Problem.

Boris Pfetzing, Sprecher der Deutschen Flugsicherung (DFS)

Rund 1,8 Millionen Flüge im Jahr kontrolliert die DFS von Karlsruhe aus in Europas größter Kontrollzentrale für den oberen Luftraum über 7500 Metern. In den vergangenen Jahren hat sie insgesamt nur ein Dutzend Wirbelschleppen-Ereignisse registriert, meist Turbulenzen ohne größere Folgen.

"Es passiert so gut wie nichts"

Zwar hat 2002 die Wirbelschleppe einer Boeing 737 beim Landeanflug in Dortmund 40 Ziegel von einem Schuldach gezogen - doch, so Pilot Markus Wahl: "Wirklich gefährliche Situationen sind eher selten."

Ein Unfall wie 2001 in New York, wo eine Wirbelschleppe nach dem Start 260 Menschen in den Tod riss, gab es im deutschen Flugraum nicht. "Es werden Millionen von Meilen geflogen - es passiert so gut wie nichts", betont DFS-Sprecher Pfetzing.

Plädoyer für größere Sicherheitsabstände

Schließlich nimmt der Flugverkehr über Deutschland stetig zu. In diesem Jahr erwartet die DFS über Deutschland 3,15 Millionen Flüge. Das wäre der höchste Stand seit dem Einbruch durch die Finanzkrise im Jahr 2008.

Von der Kapazität her kein Problem, so die DFS. Doch Pilot Wahl gibt zu bedenken: "Je dichter ein Luftraum beflogen ist, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Wirbelschleppen-Begegnung."

© DLR, Lesen Sie auch: DLR-Forscher testen Wirbelschleppen-Warnsystem

Die Abstandsvorschriften decken nach Einschätzung von Cockpit-Vorstand Handwerg "99,9 Prozent" der möglichen Fälle ab. Wenn tatsächlich eine Wirbelschleppe für den Unfall am 7. Januar verantwortlich war, müsse man eventuell "nachjustieren" und die Sicherheitsabstände vergrößern.

Von: Susanne Kupke, dpa, cs
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