Spaethfolge (111) Hilfe, die Hobbits kommen!

05.12.2012 - 09:11 0 Kommentare

Mit Fantasy kann ich gar nichts anfangen – und vermutlich viele andere auch nicht. Wer sich derzeit aber mit Air New Zealand befasst, kommt nicht drumherum: Die Kiwis haben eine unfassbare Werbelawine für den neuen Hobbit-Film entfacht.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Neuseeland ist weit weg, am anderen Ende der Welt. Mit Umsteigen und Zwischenlanden braucht man von Deutschland rund 30 Stunden Reisezeit, wenn es gut läuft. Ich liebe Neuseeland. Vor 20 Jahren war ich zum ersten Mal da. Damals hatte ich mir mit einem Studentenjob beim Münchner Flughafenumzug bei Lufthansa ein Ticket nach Sydney verdient, da flogen die damals noch hin. Von dort ging es zuallerest nach Kiwi-Land. Noch nirgends bin ich vorher oder nachher als Fremder so herzlich empfangen worden wie am schönsten Ende der Welt.

Wegen ihrer Entfernung vom Rest der Welt müssen die Kiwis, wie sie sich selbst nennen, sich mehr anstrengen als andere, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das gilt auch in der Luftfahrtwelt. Ich werde oft gefragt, welche Airlines ich für die besten halte. Air New Zealand gehört auf jeden Fall dazu. Soviele spannende Initiativen etwa in der Abfertigung, dem Bordprodukt, der Umweltverträglichkeit; so viele Denkanstöße außerhalb des Üblichen kommen aus Auckland, dass man schnell vergisst was für eine kleine Firma mit wenig Bedeutung in der großen, weiten Welt das eigentlich ist.

Natürlich kommt der Gesellschaft das Internet zur Hilfe, wo sie sehr geschickt ihre Inszenierungen auf You Tube einem Millionenpulikum vorführt. Wer würde sich sonst schon für ein Airline-Sicherheitsvideo vom Ende der Welt interessieren? Bei Air New Zealand aber sind die oft aus reinem Kalkül derart schräg, dass sie in aller Welt angeklickt werden. Da entblödet sich selbst der bisherige Vorstandschef Rob Fyfe nicht, nur mit Bodypainting bekleidet in einem Werbespot oder als Aerobic-Jünger in einem Sicherheitsvideo aufzutreten. Die Klick-Quote rechtfertigt scheinbar jeden Unsinn, und wenn dann noch Passagiere an Bord tatsächlich hinschauen, umso besser.

Seit letzter Woche allerdings hat Air New Zealand ihren Sympathiebonus bei mir arg strapaziert. Denn da hatte der neue Fantasyfilm „Der Hobbit“ an seinem Ursprungsort Neuseeland Premiere und die Airline stieg im Dienste der Cross-Promotion derartig dick ein, dass es schon penetrant rüberkam. Ich gestehe ehrlich, dass mich Fantasygeschichten null interessieren, und ich vermute zumindest einem erheblichen Anteil an Air New Zealand-Passagieren wird es ähnlich gehen. Doch derzeit kann niemand im weitesten Dunstkreis dieser Gesellschaft der Zwangs-Hobbitisierung entfliehen. Wichtigstes Acessoire ist eine nagelneue Boeing 777-300ER, die auf beiden Seiten mit Fantasy-Motiven aus dem Film beklebt ist.

Elfen, Gnome, Zauberer und Hobbits geben auch drinnen den Ton an – natürlich mit dem unvermeidlichen Sicherheitsvideo zum Film, wo Hobbit Gollum den Weg zum Notausgang zeigt und Gandalf der Zauberer im Cockpit sitzt. Die Kabine wird bevölkert von jeder Menge seltsamer Gestalten in bizarren Outfits – für Nicht-Fantasyfans und Hobbit-Verächter wirkt das schlicht albern. Aber die Quote zählt – und vor allem der Werbeeffekt von zehn Milionen Klicks auf You Tube. Sogar die Menükarten an Bord sind derzeit kreisrund und im Film-Design gefertigt, die Speisen im sogenannten Mittelerde-Menü dagegen kommen recht konventionell daher.

Mitte letzter Woche erreichte die PR-Maschine ihren Höhepunkt. Ständig gingen atemlose Pressemitteilungen mit aktuellen Links und Fotos ein: Die Besatzung in Elfen-Outfits vor dem Premierenkino in Wellington, die 777-300 im Tiefflug über dem Kino, Regisseur und Schauspieler vor dem Flugzeug, und so weiter und so fort. Und dann kam ein Riesenkarton in mein Büro. Die PR-Agentur schickte mir einen Satz Hobbit-Socken mit aufgemaltem Fell und Hobbit-Schlafmasken, dazu einen in Holz gearbeiteten USB-Stick mit allen Infos und, als Höhepunkt, ein armlanges Modell der Hobbit-777. Da, das muß ich gestehen, wurde ich schwach und habe es trotz der häßlichen Figuren auf dem Rumpf in meinem Büro aufgestellt. Und auch die Flugbegleiterinnen in ihrem Elfen-Outfit fand ich auf den Fotos durchaus attraktiv. Trotzdem – irgendwie nervt die Fantasy-Masche.

So bunt hat es noch keine Airline getrieben mit dem Co-Branding. Weder ANA mit Pokémon-Monstern, EVA Airways mit „Hello Kitty“-Kitsch noch weiland Crossair mit ihrer McDonald’s-MD-83 inklusive Hamburger-Service an Bord oder Air France mit ihrer wenige Tage im Pepsi-Look fliegenden Concorde. Aber die Kiwis legen sogar nochmal nach: Ich bin jetzt auch noch zur deutschen Vorab-Premiere des Films eingeladen. Ob ich hingehe weiß ich noch nicht. Vielleicht wenn sie mir versprechen, dass der Spuk danach unwiderruflich beendet ist.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
Interessant? Beitrag weiterempfehlen:
Artikel empfehlen

Angebote zum Thema: Anzeige schalten