Spaeth fragt (54) ( Gastautor werden ) "Herr Wilson, würden Sie einen Langstrecken-Billigflieger mit nur einem Flugzeug starten?"

10.03.2016 - 09:35 0 Kommentare

Scoot ist eine erfolgreiche Tochtergesellschaft von Singapore Airlines - und sie war das Vorbild für den Eurowings-Langstrecken-Betrieb der Lufthansa. Andreas Spaeth befragte Scoot-Chef Campbell Wilson.

Scoot-Chef Campbell Wilson. - © © Andreas Spaeth -

Scoot-Chef Campbell Wilson. © Andreas Spaeth

Campbell Wilson (44), Neuseeländer, führt seit dem Start vor vier Jahren den Langstrecken-Billigflieger Scoot in Singapur, der im letzten Quartal erstmals profitabel war. Scoot ist die einzige reine Boeing 787-Airline der Welt mit derzeit zehn Dreamlinern. Wie der CEO im Vorgespräch erzählt, war Scoot sogar als Investor für die Eurowings-Langstrecken-Abteilung im Gespräch, bevor Lufthansa diese Rolle übernahm. Andreas Spaeth befragte ihn auf dem Flughafen Singapur-Changi, der Basis von Scoot, zum äußerst holprigen Start der Eurowings-Langstrecke mit zunächst nur einer A330 und massiven Verspätungen.

Herr Wilson, würden Sie einen Langstrecken-Billigflieger mit nur einem Flugzeug starten?
Campbell Wilson: (lacht) Das ist wirklich hart, aber man muss ja irgendwo anfangen. Mit einem Flugzeug zu starten setzt einen natürlich einer großer Anfälligkeit aus, von technischen Problemen bis hin zum Wetter, das sind ja Dinge, die in der Luftfahrt unvermeidlich vorkommen. Aber wenn man einmal gestartet ist, geht es irgendwie weiter, und je mehr Flugzeuge man dann bekommt, desto mehr Redundanzen hat man... und desto mehr Vertrauen kann man haben, die Integrität seines Produkts zu bewahren.

Das hat Scoot aber offenbar wesentlich besser hingekriegt als Eurowings...
Wilson: Wir sind mit einer ganzen Reihe von Flugzeugen gestartet, die innerhalb kurzer Zeit dazu kamen, um uns eben genau diese Redundanz zu ermöglichen. Aber um gerecht zu sein, wir hatten auch unsere Probleme als wir gestartet sind. Das ist eben ein kompliziertes Geschäft. 68 Stunden Verspätung wie bei Eurowings in Kuba gab es bei uns nicht, aber 32 Stunden haben wir auch einmal geschafft, leider. Aber ich bin sicher, dass Eurowings das wieder vergessen machen kann, wenn der Betrieb runder läuft. Billigflug-Langstrecke kann nur in bestimmten Märkten funktionieren, und ich glaube, dass Deutschland einer davon ist.

Was haben Sie den Lufthansa-Managern geraten, als die sich bei Scoot schlau gemacht haben, wie eine Langstrecken-Billigairline funktionieren sollte?
Wilson: Ja, schon wegen der engen Partnerschaft der beiden Mütter Lufthansa und SIA war klar, dass die sich bei uns umgeschaut haben. Ich denke, der wichtigste Rat war, seinem Geschäftsmodell treu zu bleiben. Sie müssen sich anpassen, gerade als Tochter einer Vollservice-Gesellschaft, bei der Leute von ihnen auch als Billigflieger zunächst vollen Service erwarten. Wenn sie dem zu stark nachkommen, verlieren sie ihre Existenzberechtigung.

Scoot hat eine 787-Flotte, die Europa erreichen kann. Ist das eine Option für Sie, und wäre dann nicht sogar eine Partnerschaft mit Eurowings denkbar?
Wilson: Wirkliche Langstrecken, abgesehen von den eher langen Mittelstrecken, die wir schon nach Australien fliegen, sind durchaus eine Option für uns, das ist auf unserem Radar. Und damit natürlich Europa. Noch haben wir keine Ziele ausgewählt, aber wenn wir nach Deutschland fliegen würden, dann wäre das nur sinnvoll in Partnerschaft mit jemandem. Und natürlich gibt es eine enge Partnerschaft zwischen der SIA- und der Lufthansa-Gruppe, wir wären glücklich, mit denen darüber zu sprechen. Aber das ist alles noch in einem sehr frühen Stadium. Aber klar ist auch, dass Eurowings ein natürlicher Partner für uns wäre.

Ähnlich wie bei Southwest Airlines steht Spaß auch bei Scoot oben auf der Agenda, Sie nennen das "Scootitude". Was war das Lustigste, was bei Scoot je passiert ist?
Wilson: Halloween ist bei uns immer ganz groß, auch der Internationale Frauentag, der gerade am 8. März wieder gefeiert wurde, da verkleiden sich bei uns die männlichen Flugbegleiter als Frauen und umgekehrt - zumindest während des Fluges. Aber sowas können sie den Crews nicht vorschreiben, das muss von denen kommen. Wir sagen: 'Hey, dieser Tag kommt, was wollt ihr tun?' Das macht Spaß, und solange es niemanden verletzt und von denen selbst ausgeht, unterstützen wir das. Erst kürzlich hat ein Paar bei uns auf dem Weg nach Perth geheiratet, sowas lieben die Crews. Und wir hatten einen Rekordversuch, der geglückt ist - ein Paar hat sich am Valentinstag den ganzen Flug von Bangkok nach Singapur ununterbrochen geküsst. Es geht hier vor allem um Spontaneität, und darum, die Crews dabei zu unterstützen.

Würden Sie denn Eurowings auf der Langstrecke zu ähnlichen Aktionen raten, um ihre Marke besser zu platzieren?
Wilson: Jede Firma muss herausfinden, was für sie funktioniert. Für uns klappt das so hervorragend, die Asiaten erwarten von uns inzwischen fast solche Dinge. Wir sehen zu, dass wir nicht nur unsere Besatzungen, sondern auch die Angestellten am Boden dazu animieren, das in ihre Arbeit einzubauen. Das hat wirklich einige unserer Angestellten dazu gebracht, aus sich herauszugehen, in einer asiatischen Kultur, die eher auf Konformität ausgelegt ist. Ob das in Deutschland funktioniert, weiß ich nicht, aber das sollten Gesellschaften wie Eurowings unbedingt herausfinden.

Was würden Sie Eurowings generell als nächsten Schritt raten?
Wilson: Das steht mir nicht zu, dazu weiß ich im Detail zu wenig über deren Betrieb. Aber ich bin sicher, sie werden den nächsten Schritt gehen. Und damit Erfolg haben.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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