Spaeth fragt (60) "Herr Villwock, wie können Meeresforscher bei der Flugzeugsuche unter Wasser helfen?"

Zum vierten Mal innerhalb von sieben Jahren wird jetzt wieder im Wasser nach einem Flugzeug gesucht. Meeresforscher können dabei helfen - wie, das erklärt Andreas Villwock im Interview mit Andreas Spaeth.

Andreas Villwock - © © Geomar -

Andreas Villwock © Geomar

Es begann 2009 mit dem Absturz von Flug Air France 447 über dem Südatlantik. Der Fund des Wracks, zwei Jahre später, war das Meisterstück der Meeresforscher, entscheidend beteiligt ein autonomes Unterwasserfahrzeug des Kieler Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung. Dann folgten die Abstürze von MH370 und einer A320 von Air Asia 2014, vor zwei Wochen verschwand eine A320 von Egypt Air bisher rätselhaft über dem Mittelmeer. Bei AF447 und MH370 halfen die Meeresexperten bei der Suche und der Analyse von Strömungen und Funden. Andreas Villwock (53) ist Sprecher der Kieler Wissenschaftler von Geomar und stellte sich den Fragen von Andreas Spaeth.

Herr Villwock, wie können Meeresforscher bei der Flugzeugsuche unter Wasser helfen?
Andreas Villwock: Heute gibt es robotergestützte Technologien, die wir in der Meeresforschung einsetzen, mit denen wir kleinere Gegenstände am Meeresboden aufspüren können. Mit schiffsgestützten Systemen erkunden wir die Struktur des Meeresbodens, und damit kann man natürlich auch Dinge finden, die da nicht hingehören - wie etwa Flugzeuge.

Sind Sie überrascht, dass Meeresforscher neuerdings häufiger mit Suchaktionen nach Flugzeugen konfrontiert sind?
Villwock: Ja, daran hätte vor ein paar Jahren noch niemand bei uns gedacht. Wir sind vermutlich auch erst seit Kurzem in der Lage, überhaupt den Meeresboden in so einer Detailschärfe zu untersuchen und damit bei so einer Suche überhaupt zu helfen. Die Technologie hat sich enorm weiterentwickelt, und das konnten wir bei der Suche nach AF447 erstmals sinnvoll für solch einen Zweck nutzen.

Welche Geräte sind denn dafür besonders wichtig?
Villwock: Zum Beispiel schiffsgestützte Fächerlote oder akustische Empfänger, mit denen man etwaige Signale der Black Boxes empfangen und den Meeresboden kartieren kann, um dann in entsprechender Auflösung größere Gegenstände zu finden. In größeren Tiefen kommen tief geschleppte Sonare zum Einsatz, oder autonome Unterwasserfahrzeuge.

Von MH370 wurde bisher ebenso wenig Entscheidendes geortet wie von Egypt Air 804. Sind denn solche Funde trotz Hightech immer noch vor allem Glücksache?
Villwock: Man muss jeweils erst mal den richtigen Heuhaufen finden, ehe man die Stecknadel suchen kann. Das ist bei MH370 das Problem, wo das Suchgebiet einfach immens groß ist. Bei der Suche nach Egypt Air 804 werden derzeit noch schiffsgestützte Geräte verwendet, mit denen man hofft, akustische Signale der Black Boxes zu empfangen. Solange innerhalb eines Monats nach Absturz diese Hoffnung besteht, wird man das versuchen, und danach dann andere Methoden anwenden.

Welche Schlüsse lassen sich denn aus dem Muschelbewuchs der gefundenen Teile von MH370 ziehen?
Villwock: In tropischen Gewässern bildet sich solcher Bewuchs sehr schnell. Die Untersuchung der Organismen kann auch dabei helfen, herauszufinden, wie die Strömung verlaufen ist und wo dieses Teil ins Meer gefallen sein könnte.

Das Geomar hat auch zu MH370 eigene Berechnungen angestellt. Hat das die Suche beeinflusst?
Villwock: Wir haben in den letzten Monaten noch verfeinerte Untersuchungen angestellt, die haben wir den australischen Kollegen zur Verfügung gestellt. Es ist da angekommen, aber ihre Suchkampagne hat sich bisher noch nicht geändert bisher. Prinzipiell unterstützen die jetzigen Funde unsere früheren Berechnungen. Die aktuell aufgetauchten Teile stellen eine weitere Verdriftung entlang des bisher schon angenommenen Pfades dar.

© dpa/EPA, PATRICK BECOT/FAZSOI Lesen Sie auch: MH370-Suchgebiet wird trotz Kieler Analyse nicht verändert

Muss nach so vielen Fällen jetzt die Job-Beschreibung von Meeresforschern um den Aspekt "Flugzeugsuchen" erweitert werden?
Villwock: Nein, das gehört nicht zu unserem Kerngeschäft und wird es hoffentlich auch in Zukunft nicht sein.

Aber solche aufwändigen Flugzeugsuchen bringen doch sicher auch Meeresforschern neue Erkenntnisse?
Villwock: Auf der Suche nach AF447 sind riesige Meeresboden-Gegenden untersucht und kartiert worden, über die man zuvor nie etwas wusste. Wir kennen überhaupt nur zehn Prozent des Meeresbodens bisher genau. Das heißt, bei einer solchen Suche gewinnen wir auch neue Erkenntnisse, zum Beispiel über heiße Quellen in der Tiefsee, die man dabei finden kann, oder etwa Rohstoffvorkommen.

Sie haben doch auch schon Schiffswracks gefunden?
Villwock: Ja, das kommt immer wieder bei diesen Aktionen vor, aber auch viele unbekannte Lebensformen in der Tiefsee, denn das sind ja bisher weiße Flecken auf diesem Planeten. Versunkene Goldschätze haben wir aber leider noch nicht entdeckt.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de

Datum: 02.06.2016 - 10:01

Adresse: http://www.airliners.de/herr-villwock-meeresforscher-flugzeugsuche-wasser-spaeth-60/38739