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"Herr Steele, ist Ausrasten im Flugzeug ein Kavaliersdelikt?"

15.12.2016 - 09:05 0 Kommentare

Die Anzahl randalierender Passagiere steigt. Im Interview spricht Iata-Manager Paul Steele über den Zusammenhang mit Alkohol und wie die Branche mit dem Problem "Air Rage" umgeht.

Peter Steele - © © Iata -

Peter Steele © Iata

Der Engländer Paul Steele (62) hat eine interessante Karriere als Geschäftsmann außerhalb der Luftfahrt hinter sich. Er arbeitete viele Jahre für den Getränkekonzern Pepsi, auch hinter dem damaligen Eisernen Vorhang, später unter anderem für den World Wildlife Fund (WWF). Seine Umwelt-Expertise brachte ihn schließlich zum Internationalen Luftverkehrsverband (Iata), wo er sich heute als Senior Vice President um Mitgliedsairlines und Außenbeziehungen kümmert.

Auf seiner Agenda steht auch der Umgang der Branche mit Krawall machenden Passagieren. Deren Zahl ist massiv gestiegen: Zwischen 2007 und 2014 gab es gut 49.000 Berichte zu solche Vorfällen, aber allein 2015 waren es fast 11.000. Andreas Spaeth traf ihn im Iata-Hauptquartier in Genf.

Herr Steele, wird das Ausrasten von Passagieren zu sehr als Kavaliersdelikt angesehen?
Paul Steele: Auf jeden Fall ist es das ist es nicht! Alles, was das Flugzeug in seiner Sicherheit gefährdet, müssen wir sehr ernst nehmen. Und unglücklicherweise sehen wir eine starke Zunahme der gemeldeten Zwischenfälle in den letzten Jahren, auf rechnerisch jetzt einen Fall auf jedem 1205. Flug.

© dpa, Daniel Karmann Lesen Sie auch: Laut Iata-Angaben randalieren immer mehr Passagiere an Bord

Man muss nach neuesten Iata-Zahlen 1800 Jahre lang jeden Tag fliegen, um einen Flugunfall zu erleiden, da erscheint diese Zahl hier extrem hoch. Ist das ein Sicherheitsproblem anderer Art?
Steele: Ja. Wenn die Besatzung mit einem solchen Fall beschäftig ist, muss sie sich um diesen einen ausrastenden Passagier kümmern, anstatt die gesamte Sicherheit überall im Flugzeug im Auge zu haben. Und wenn eine Ausweichlandung nötig ist deswegen, entstehen der Airline auch noch hohe Kosten. Zum Glück sind nur elf Prozent dieser Zwischenfälle in einer Kategorie, die körperliche Gewalt oder Beschädigungen des Flugzeugs umfassen. Die große Zahl der Fälle bekommt die Kabinenbesatzung gut in den Griff, die sind geschult in Deeskalation.

Wie geht die Airline-Branche mit dem Problem "Air Rage" um?
Steele: Zuallererst versuchen wir, solche Vorfälle ganz zu verhindern. Dann die Crews zu trainieren, um das ganze unterhalb einer Eskalation zu halten. Aber wenn das alles nicht hilft, wollen wir sicherstellen, dass es Strafen gibt, die sowohl Regierungen als auch Airlines an der Hand haben, um potenzielle Störer abzuschrecken.

Was will die Luftfahrtbranche erreichen im Umgang mit Krawallmachern?
Steele: Wir brauchen eine größere rechtliche Klarheit, welche Schritte Polizei und Airlines unternehmen können, um damit richtig umzugehen. Es muss ein einheitlicher rechtlicher Rahmen festgelegt werden, nach dem die Sicherheitsbehörden in einem solchen Fall handeln können. Indem sie den Unruhestifter aus der Maschine holen und ihn auch belangen können. Oder wie in Neuseeland, wo die Flughafenpolizei Täter an Ort und Stelle mit einer Strafe belegen kann. Eine solche Abschreckung würde sicher die Anzahl der Fälle reduzieren. Im Moment gibt es da noch zu viele Schlupflöcher, die wir schließen müssen.

Wie kommt es überhaupt dazu, dass Passagiere an Bord ausrasten?
Steele: In vielen Fällen verstehen sie einfach die Regeln an Bord nicht, oder wollen sie nicht verstehen. Dann werden sie zum Beispiel aggressiv, wenn sie gebeten werden, ihr Handy auszuschalten. Dabei gibt es ja sehr gute Gründe für solche Regeln, deswegen ist ja Fliegen so sicher. Vielleicht nehmen das manche Leute als gegeben hin und denken, sie können an Bord alles machen, ohne dass es Konsequenzen hat.

Woher kommt denn diese verstärkte Zügellosigkeit unter den bald vier Milliarden Passagieren pro Jahr?
Steele: Es gibt einen generellen Trend in der Gesellschaft, der viele denken lässt, sie müssten ihre persönlichen Bedürfnisse jetzt sofort erfüllen und das tun, was sie gerade wollen. Aber das passiert hier einem sicherheitsrelevanten, engen Raum. Vielleicht müssen wir als Airlines besser erklären, warum es diese Regeln gibt. Eben um die Leute zu schützen, und die müssen sie deshalb beachten. Sonst bringen sie sich selbst und andere Menschen an Bord in Gefahr.

Welche Rolle spielt Alkohol bei dem Thema?
Steele: Bis vor einigen Jahren gab es fast immer eine Verbindung mit Missbrauch von Alkohol oder Drogen. Heute ist das nur noch etwa in einem Viertel der Fälle so. Das ist immer noch zu viel und wir arbeiten mit vielen Beteiligten daran, das noch weiter zu verringern. Es ist sehr schwer zu kategorisieren, warum ein Passagier ausrastet. Aber das Bewusstsein dafür zu schärfen, ist wichtig. So hat der britische Ferienflieger Monarch in London-Gatwick Maßnahmen gegen Besäufnisse vor dem Abflug gestartet - und danach sank die Anzahl der Vorfälle auf Flügen nach Ibiza um 50 Prozent.

Welcher Fall von ausrastenden Fluggästen ist Ihnen besonders in Erinnerung?
Steele: Da gibt es viele. Gerade gestern musste ein Ehepaar aus dem Flugzeug gebracht werden. Der Mann hatte die Kamera aus dem Handgepäck geholt, dann brach ein sehr aggressiver Streit zwischen ihm und seiner Frau aus, sie wollten sich nicht beruhigen. Das begannen etliche andere Passagiere zu filmen, daraufhin begann die Ehefrau auf die Leute zu schimpfen weil sie filmten. Das ist typisch, das ist allein für sich noch nicht bedrohlich, aber eben ein Symptom des unterliegenden Problems.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Speath für airliners.de
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