Spaeth fragt (62) ( Gastautor werden )

"Herr Ringli, was können Flughafenarchitekten heute vom TWA-Terminal in JFK lernen?"

30.06.2016 - 09:18 0 Kommentare

Das in New York erhaltene ehemalige TWA-Terminal am Flughafen John F. Kennedy gilt als eine Ikone der Flughafenarchitektur. Architekt Kornel Ringli hat darüber promoviert. Andreas Spaeth hat ihn zu dem Airport befragt.

Kornel Ringli - © © Ralph Hut -

Kornel Ringli © Ralph Hut

Der Züricher Architekt Kornel Ringli (43) betrat 2008 erstmals das 1962 am Flughafen John F. Kennedy (JFK) in New York eröffnete TWA Flight Center, früher Drehkreuz von Trans World Airlines, und geriet in den Bann des einzigartigen Gebäudes. Der neo-futuristische Bau des finnischen Architekten Eero Saarinen gilt als die Grand Central Station der Luftfahrt und Ikone der Flughafenarchitektur weltweit.

Seit der Fusion von TWA mit American Airlines 2001 ist es stillgelegt und steht seit 1994 unter Denkmalschutz. Über das Zusammenspiel von Architekt und Airline bei Bau und Betrieb des Terminals in der goldenen Ära des frühen Jet-Zeitalters schrieb Ringli seine Doktorarbeit, die auch als lesenswertes Buch erschienen ist. Andreas Spaeth befragte ihn dazu.

Herr Ringli, was können Flughafenarchitekten heute noch vom TWA-Terminal in JFK von 1962 lernen?
Kornel Ringli: Die Kombination von Funktion und Ästhetik ist einzigartig, bis heute. Die Verbindung von absolut extravaganter Form, die einen völlig einnimmt, aber auch die ausgeklügelte Funktionsweise dieses Terminals, das Ergebnis akribischer Studien, sind heute noch wegweisend. Und das, obwohl das Terminal von der Einführung der Jets überrollt wurde - und eigentlich vom ersten Tag an überholt war. Trotzdem gilt das Gebäude heute als Ikone des Düsenzeitalters. An diesem Mythos wollte ich kratzen mit meiner Dissertation.

Das TWA-Terminal am Flughafen John F. Kennedy in New York. (Foto: Roland Arhelger, CC BY-SA 4.0) Foto: © Roland Arhelger

Das TWA-Terminal war wie eine Stein gewordene Werbeanzeige für das Fliegen, lag das am Zeitgeist damals?
Ringli: Das hing ganz stark mit der Zeit damals zusammen, mit der Verbreitung der Konsumgüterindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg. Das gab es auch bei anderen Gebäuden jener Ära, die den Marketing-Aspekt in die Architektur einbrachten. Etwa das Guggenheim Museum in New York oder das Opernhaus in Sydney, die zu Signature Buildings wurden und sich zur Vermarktung eigneten.

Gibt es heute noch Signature Buildings in der Luftfahrt irgendwo auf der Welt?
Ringli: Das geht heute viel weniger als damals, weil die Flughäfen noch viel stärker auf wirtschaftliche Kriterien achten müssen. Da spielen effiziente Abläufe eine größere Rolle als Marketing. Flughäfen sind deshalb heute häufig Orte, an denen man sich nicht gerne aufhält. Jeder möchte da gern schnell wieder weg, daher lohnt es sich auch nicht, dort großartige Gebäude-Ikonen hinzustellen.

Ist Flughafenarchitektur heute generell langweiliger geworden als vor 50 Jahren?
Ringli: Damals gab es auch viele 08/15-Gebäude, die wir heute vergessen haben. Die große Masse der Flughäfen bestand bereits früher aus belangloser Architektur. Ikonen gab es schon damals nur sehr wenige - neben dem TWA-Terminal in JFK war es dort auch der kürzlich abgerissene Pan Am Worldport. Und der Dulles International Airport von Washington DC. Das sind Leuchttürme, von denen diese zwei weiterhin bestehen werden.

Blick in das TWA-Terminal. (Foto: Seamus Murray, CC BY 2.0) Foto: © Seamus Murray

Also ist die Zeit ikonischer Flughafenarchitektur unweigerlich vorbei?
Ringli: Ich glaube nicht, dass Flughafengesellschaften, die Terminals für die Abfertigung vieler Airlines bauen, sie haben kein Bedürfnis für solche Ikonen. Denn es steht ja nicht nebenan noch ein Flughafen, so dass man um Nutzer buhlen müsste. Das war anders damals in JFK, wo die Airlines ihre eigenen Terminals bauen konnten. Da konnte man sich bewusst für TWA oder Pan Am und deren Gebäude entscheiden, das war ein wichtiger Unterschied zu heute. Der TWA-Architekt Eero Saarinen war bekannt dafür, dass er für jeden Bauherren ein spezifisches, äußerlich einzigartiges Gebäude entworfen hat.

Was ist der Stand zur künftigen Nutzung des TWA-Terminals in JFK, nachdem ja das Jetblue-Terminal quasi drum herum entstanden ist?
Ringli: Nach langem Ringen wird es tatsächlich bald zu einem Hotel mit 505 Zimmern und Aussichtsterrasse umgebaut, 2018 soll es eröffnet werden. Ich bin bereits mit dem führenden Bauingenieur zu einem Drink an der Bar dort verabredet, nach der Eröffnung.

Sollte man nicht alle heutigen Flughafenarchitekten verpflichten, dem TWA-Terminal vor Planungsbeginn einen Besuch abzustatten?
Ringli: Das ist eine interessante Idee, aber die sollten besser mein Buch anschauen, das auch den Originalzustand genau beleuchtet. Das Terminal hat im Laufe der Zeit etliche Verunstaltungen und Abänderungen erfahren, die ihm nicht sehr gut bekommen sind.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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