Spaeth fragt (50) "Herr Richter, ist das Fliegen so sicher, dass Sie bald arbeitslos werden?"

14.01.2016 - 12:07 0 Kommentare

Der JACDEC-Betreiber Jan-Arwed Richter ist immer zum Jahreswechsel gefragt – wenn es um die Bewertung des abgelaufenen Jahres in Sachen Flugunfälle geht. Die umweht eine ganz eigene Faszination, dazu fragte ihn Andreas Spaeth.

Jan-Arwed Richter Foto: © Andreas Spaeth,

Gelernt hat der Hamburger Jan-Arwed Richter (48) eigentlich den Job des Stadtplaners. Als Student begann er 1989 mit einem Freund, eine Datenbank über Flugunfälle aufzubauen. Daraus ist das Flugunfallbüro JACDEC (Jet Airliner Crash Data Evaluation Centre) geworden. Heute arbeitet Richter als vermutlich einziger Experte in Deutschland hauptberuflich an der Sammlung, Analyse und Aufbereitung von Flugunfalldaten. Andreas Spaeth befragte ihn zu den Hintergründen.

Herr Richter, ist das Fliegen so sicher dass Sie bald arbeitslos werden?
Jan Richter: Das ist ein Paradoxon, früher gab es mehr Todesopfer bei weniger Verkehr. Jetzt gibt es weniger Tote bei mehr Verkehr, da könnte man denken, der Job ist getan. Es ist aber tatsächlich so, dass sich die Leute mehr Sorgen um das Fliegen machen, je sicherer die Luftfahrt wird. Das ist vielleicht ein psychologischer Effekt, dass man denkt, der eigene Flug sei doch irgendwie anders zu bewerten und sich mehr Gedanken um Sicherheit zu machen.

Erzeugt nicht auch die Fülle heute verfügbarer Informationen über jeden kleinsten Zwischenfall diese größere Sorge?
Richter: Richtig, jedes kleine Ereignis, das es früher nie in die Öffentlichkeit geschafft hätte, wird heute zeitnah vor allem über soziale Medien verbreitet. Da entsteht natürlich vor allem bei deren Nutzern eher der Eindruck, es würde ständig etwas passieren und Fliegen sei doch gar nicht so sicher. Das liegt aber eher an der Zahl der veröffentlichten Meldungen. Wenn ein Reifen platzt oder ein Druckabfall geschieht sind das beherrschbare Zwischenfälle, aber die mediale Verbreitung sorgt für ein Unsicherheitsgefühl.

Warum sind Flugunfälle überhaupt so faszinierend?
Richter: Der Unfall selber ist weniger faszinierend als sein Hergang und seine Ursachen. Uns geht es vor allem darum herauszufinden, warum Unfälle passieren und wie man sie verhindern kann. Ich empfinde dabei eine faszinierte Neugier und Spannung darüber, was die Ermittler herausbekommen, woran es gelegen hat. Ich beschäftige mich mit dem menschlichen Leid und den persönlichen Auswirkungen von Unfällen auf Menschen nur am Rande. Wir konzentrieren uns eher darauf, wie sich aus der Ursachenermittlung Lehren ziehen lassen, die das Fliegen insgesamt noch sicherer machen. Wir sind da immer recht nahe dran an den Behörden nach einem größeren Unfall und verfolgen genau, welche Details herauskommen. Es ist oft frappierend zu sehen, wie wenig am Ende von den Spekulationen über Ursachen übrig bleibt, über die die Medien am Anfang berichten. Mit Geduld und Abwarten kommt dann oft ein ganz anderes Bild heraus als das, welches sich am Anfang aufzudrängen schien.

Was macht eigentlich ein Flugunfallbüro?
Richter: Diesen Beinamen haben wir uns gegeben, weil wir ja keine Behörde sind oder keine offizielle Institution. Wir beschäftigen uns mit Flugsicherheit auf allen Ebenen. Wir schaffen die Datengrundlage für unser Flugsicherheits-Ranking und alle Produkte, die wir anbieten. Da müssen wir mehrfach täglich schauen was neu passiert ist und welche neuen Erkenntnisse es etwa von Behörden es gibt und diese Erkenntnisse einpflegen, das ist schon ein Vollzeitjob.

© dpa, Julian Stratenschulte Lesen Sie auch: Rangfolge bei Airline-Sicherheitsranking nicht das Entscheidende

Kann man damit Geld verdienen?
Richter: Ja, indem JACDEC auf Grundlage unserer Datenbank verschiedene Produkte anbietet, etwa Flugsicherheitsreports für Airlines, aber auch für Individualreisende. Travel Manager größerer Firmen gehören vor allem zu unseren Kunden, die ihre Mitarbeiter durch die Welt schicken, aber nicht genau wissen wie man bestimmte Airlines in ihrem Sicherheitsniveau einschätzen soll. Wir machen auch eine täglich aktualisierte Vergleichstabelle aller Airlines oder Länderreports, solche Dinge sind durchaus nachgefragt und schon ab etwa 25 Euro zu haben.

Was war Sie der spannendste Fall, solange Sie Flugunfälle analysieren?
Richter: Für mich die spannendste Geschichte ist der Crash einer DC-10 von Air New Zealand 1979 am Mount Erebus in der Antarktis, wo leider niemand überlebt hat. Der Hergang, die Ursachen, der Gerichtsstreit darüber und der Unfallort am Ende der Welt, in der Eiswüste, machen diesen Unfall so besonders.

Unvermeidliche Schlussfrage: Wann wird MH370 gefunden und was war nach Ihrem Empfinden die wahrscheinlichste Ursache?
Richter: MH370 ist ein Sonderfall, den es so noch nie gab. Ein scheinbar unauffindbares Großraumflugzeug hätte ich mir bei der heutigen Technologie auch nicht vorstellen können. Die Suche soll ja offenbar im Juni eingestellt werden, wenn bis dahin nichts gefunden wird, muss man das Flugzeug wohl für verschollen erklären. An der Ursachen-Spekulation möchte ich mich nicht beteiligen. Da ich aber grundsätzlich Optimist bin, würde ich nach Bauchgefühl sagen, dass wir den Hergang und die Ursache irgendwann erfahren werden.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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