Spaeth fragt (59) ( Gastautor werden ) "Herr Pozyn, warum erlösen Sie St. Helena mit Ihren Flügen aus der Isolation?"

19.05.2016 - 11:10 0 Kommentare

Bisher war die Insel St. Helena im Südatlantik nur per Schiff zu erreichen, doch jetzt beginnt mit dem neuen Flughafen auch dort die Ära der Luftfahrt. Warum, wollte Andreas Spaeth von Comair-Marketingchef Shaun Pozyn wissen.

Shaun Pozyn ist Marketingchef der zweitgrößten südafrikanischen Fluggesellschaft Comair. Foto: © Comair,

Shaun Pozyn (37) ist Marketingchef der zweitgrößten südafrikanischen Fluggesellschaft Comair, die als British-Airways-Franchise in den Farben der Engländer unterwegs ist. Seine Airline gewann eine Ausschreibung der britischen Regierung zur Bedienung der Insel St. Helena und schickte am 18. April als erstes Verkehrsflugzeug eine Boeing 737-800 zu einem Testflug auf die zu Großbritannien gehörende Insel. Die war seit ihrer Entdeckung 1502 bisher nur auf einer fünftägigen Schiffsreise ab Kapstadt erreichbar. Die Briten ließen auf der vulkanischen Tropeninsel mit rund 4.200 Bewohnern seit 2012 einen Flughafen bauen, der nach einer Verschiebung der zuletzt für den 21. Mai geplanten Eröffnung trotzdem noch in diesem Jahr den Betrieb aufnehmen soll. Andreas Spaeth traf Shaun Pozyn in Johannesburg.

Herr Pozyn, warum erlösen Sie St. Helena mit Ihren Flügen aus der Isolation?
Shaun Pozyn: Das ist wirklich Neuland. Alles auf der Welt ist irgendwie schon entdeckt worden, der Mensch ist schon vor langer Zeit zum Mond geflogen. Aber kaum jemand weiß etwas von dieser wunderschönen, abgelegenen Tropeninsel, versteckt im Südatlantik, 2.000 Kilometer vom nächsten Festland in Namibia entfernt. Allenfalls dass dort 1815 Napoleon in die Verbannung geschickt wurde. Der neue Flughafen wurde erst am 10. Mai für den Flugbetrieb zertifiziert, und wir werden die erste Airline sein, die dahin fliegt, das ist sehr aufregend.

Was haben denn Ihre Kollegen erzählt, die mit dem Testflug dort waren?
Pozyn: Also der Flugbetrieb an sich, die Abläufe auf dem Flughafen, die Sicherheitskontrollen und alles haben brillant funktioniert. Aber es gibt Bedenken wegen der Turbulenzen und vor allem wegen der Scherwinde im Anflug. Jetzt haben wir eine Arbeitsgruppe mit den Behörden von St. Helena gebildet um herauszufinden, wie wir trotz dieser Windscherungen einen sicheren Flugbetrieb durchführen können.

Aber sind solche für die Fliegerei gefährlichen Winde nicht auch dort die Ausnahme?
Pozyn: Dort ist es wohl immer unglaublich windig, wenn man die Angel mit dem Köder auswirft, kommt der geradewegs zurück, erzählen Kollegen. Es scheint dort fast andauernd diese Scherwinde zu geben, und das schafft ein paar Probleme. Wir müssen entscheiden, wohin wir ausweichen könnten, da bietet sich nur die fast zwei Flugstunden nördlich gelegene Insel Ascension an. Dorthin werden wir ohnehin einmal pro Monat einen Weiterflug anbieten. Aber ich hoffe, dass wir zunächst mal bald die Situation auf St. Helena lösen können.

Welche Arten von Passagieren werden denn die neuen Flüge nutzen, sobald sie angeboten werden?
Pozyn: Es gibt da viele Auswanderer aus Großbritannien, die nach Hause wollen, aber auch viele Briten, die die Insel wieder verlassen haben und gern mal zurück möchten. Und natürlich werden auch die Franzosen an einem Besuch Interesse haben, mit der ganzen Napoleon-Geschichte. Also eine Mischung aus Passagieren, die Verwandte und Freunde besuchen, und Touristen, die ein Ziel völlig jenseits ausgetretener Pfade besuchen wollen. Die Vegetation und Natur von St. Helena ist faszinierend. Es gibt auch großartige Möglichkeiten zum Angeln von Hochseefisch direkt von der Insel, man kann sogar mit Schildkröten schwimmen, die Vogelwelt wird auch Besucher locken.

Aber kann St. Helena überhaupt so viele Menschen aufnehmen, Ihre 737-800 fassen ja über 160 Passagiere?
Pozyn: Wir erwarten im Schnitt etwa 120 Passagiere auf unseren Flügen. Natürlich ist die Insel ziemlich klein, es gibt nicht so viele Hotels, viele Besucher werden in Bed-and-Breakfast-Unterkünften wohnen. Es gibt bisher gar nicht die Infrastruktur dort, um mit einem solch plötzlichen, großen Einfall an Menschen fertig zu werden, das hat es dort ja noch nie gegeben. Aber wir haben keine Gewichtsbeschränkungen auf diesen Flügen und könnten theoretisch auch alle Plätze an Bord verkaufen, wenn die Nachfrage steigt.

Aber ein Risiko gehen Sie ja eh kaum ein, denn die Flüge sind von der britischen Regierung subventioniert...
Pozyn: Ja, wir haben eine Partnerschaft mit der britischen Regierung. Mal sehen wie das funktioniert. Denn noch konnten wir ja gar nicht für das neue Ziel werben, weil wir eben nicht genau wissen, wann die Flüge starten. Erst sollte es im April sein, dann Mai, jetzt heißt es Juni oder gleich August, es ist eben nicht sicher wann wir den Umgang mit den Scherwinden geklärt haben. Klar ist, dass wir jeden Samstag morgens von Johannesburg aus fliegen wollen, der Flug gut vier Stunden dauert und wir nachmittags zurückfliegen.

Wollen Sie selbst gern mal nach St. Helena?
Pozyn: Ja, auf jeden Fall, da bin ich ganz heiß drauf. Ich will unbedingt Fischen dort und überhaupt diesen abgeschiedenen Flecken Erde im Atlantik sehen. Anderswo ist alles so kommerzialisiert, und das gibt es dort nicht, das genau ist der Reiz.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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