Spaeth fragt (64) ( Gastautor werden )

"Herr Peukert, müssen Piloten auf Nachtflügen durch mehr Licht wachgehalten werden?"

28.07.2016 - 11:11 0 Kommentare

Müdigkeit im Cockpit ist eine Gefahr. Durch hellere Beleuchtung könnte der Arbeitsplatz der Piloten sicherer werden, sagt die Forschung. Andreas Spaeth wollte jetzt Genaueres wissen.

Maximilian Peukert ist Master-Student der Verkehrspsychologie an der TU Dresden. - © © M. Peukert -

Maximilian Peukert ist Master-Student der Verkehrspsychologie an der TU Dresden. © M. Peukert

Endlose Stunden im Cockpit zu Zeiten, wo der Rhythmus des Körpers auf Tiefschlaf gepolt ist, dazu die Monotonie endloser Flüge bei Dunkelheit, führen immer wieder zu Problemen bei der Leistungsfähigkeit von Piloten. Verkehrspsychologen forschen daran, ob eine intensivere Beleuchtung der Pilotenkanzel das Problem verringern könnte. Maximilian Peukert (25), Master-Student der Verkehrspsychologie an der TU Dresden, nimmt das Thema derzeit für seine Masterarbeit unter die Lupe. Neben einer Studie im Flugsimulator ist er selbst kürzlich auf einem Umlauf von Deutschland nach Brasilien und zurück mitgeflogen, um die Forschungsergebnisse zu validieren. Andreas Spaeth befragte ihn dazu.

Herr Peukert, müssen Piloten auf Nachtflügen durch mehr Licht wachgehalten werden?
Maximilian Peukert: Man kann durch mehr Licht verhindern, dass Piloten auf Nachtflügen einschlafen. Durch die richtige Beleuchtung kann Müdigkeit verringert und somit die Aufgaben des Piloten erleichtert werden. Müdigkeit im Cockpit ist eines der größten Probleme der Luftfahrt, nach Umfragen haben 92 Prozent der deutschen Piloten selbst schon Müdigkeit bei der Arbeit erlebt, sogar 93 Prozent von diesen gaben an, schon Fehler aufgrund von Müdigkeit gemacht zu haben. Andere Studien haben objektiv gezeigt, dass 60 Prozent bereits einmal im Cockpit eingeschlafen sind.

Betrifft das vor allem Langstrecken?
Peukert: Ja, und das liegt auch an der Monotonie, der sie dabei ausgesetzt sind, wenn über einen langen Zeitraum sehr wenig passiert. Die Automatisierung ist weit fortgeschritten, da steuert der Autopilot das Flugzeug. Dies führt zu Unterbeanspruchung und damit schnell zu Müdigkeit. Natürlich spielen dabei auch die Flugzeiten, oft nachts, eine maßgebliche Rolle. Allerdings gibt es das Problem auch auf Kurzstrecken, wo aber eher Überbeanspruchung, beispielsweise durch viele Starts und Landungen, die Ursache ist.

Welche Rolle kann denn mehr Licht bei der Lösung des Problems spielen?
Peukert: Licht spielt eine größere Rolle, als man im Alltag annehmen würde. Licht ist viel mehr, als dass es nur unsere Sehleistung betrifft. Es löst in uns Stimmungen oder Gefühle aus und bestimmt maßgeblich unseren Schlaf-Wach-Rhythmus. Es kann uns aktivieren, vor allem helles und kalt-weißes Licht, und so Müdigkeit verringern beziehungsweise ihr vorbeugen.

Wie könnten praktische Schritte dazu aussehen – Neonleuchten im Cockpit?
Peukert: Unsere Forschung ist noch nicht so weit, dass man direkt eine Empfehlung geben kann. Dafür muss noch viel mehr untersucht werden. Klar ist aber bereits: Auf Nachtflügen ist die Beleuchtungsstärke in Cockpits heute zu gering. Es geht darum, vermutlich oberhalb von 10.000 Fuß Flughöhe das Cockpit intensiver zu beleuchten, unterhalb davon wäre die Sichtbarkeit etwa auf andere Flugzeuge in der Umgebung zu stark eingeschränkt. Durch moderne LED-Technik mit entsprechender Lichtsteuerung lassen sich in Zukunft vielfältige Lichtszenarien realisieren.

Gibt es nicht heute schon ausreichend Licht im Cockpit?
Peukert: Die vorhandene Beleuchtung ist aus verschiedenen Gründen ungeeignet, Piloten zu aktivieren und Müdigkeit zu verringern. Zudem nutzen Piloten die vorhandene Deckenbeleuchtung sehr unterschiedlich, nur etwa die Hälfte schaltet sie auf Nachtflügen bereits bewusst ein. Aber selbst die sogenannten Flood Lights, die das ganze Cockpit beleuchten, sind noch zu dunkel. Ich habe selbst auf Nachtflügen Messungen durchgeführt und festgestellt, dass die vorhandene Beleuchtungsstärke am Auge zwischen 10 und 20 Lux beträgt. Dabei sollten es nach einschlägigen Studien mindestens 300 Lux sein, um wirklich einen Wachheits-Effekt zu erzeugen.

Kann stärkeres Licht an Bord als bisher auch Jetlag vermindern?
Peukert: Ja, Licht hat durchaus Auswirkungen auf Jetlag. Bestimmte Wellenlängen im Licht steuern unseren Biorhythmus. Kälteres Licht wirkt aktivierend, wärmeres Licht entspannend. So könnte man auch im Cockpit Beleuchtungen nutzen, die ihre Lichtfarbe verändern, und so Jetlag bei Piloten vermindern. Langfristig kann das richtige Licht zur richtigen Zeit so einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Gesundheit der Piloten leisten, insbesondere wenn sie zum Beispiel für Kurierdienste Nachtflüge auf Kurzstrecken machen und im Winter dann gar kein Tageslicht sehen. Das ist das Fernziel unserer Forschung.

Wie können denn auch Passagiere in der Kabine von Ihrer Lichtforschung profitieren?
Peukert: Da ist die Forschung tatsächlich schon weiter als im Cockpit, wir sehen ja auch in modernen Kabinen die neuen LED-Lichtsysteme, das sogenannte Moodlighting, dem auch Jetlag-mindernde Eigenschaften nachgesagt werden. Aber um wirklich effektiv zu sein, müssen Maßnahmen gegen Jetlag bereits vor und auch nach dem Flug getroffen werden. So könnte man etwa Lounges vor Abflug bereits an die Zeit des Ankunftsortes anpassen. Eine wichtige Rolle spielt auch das Verhalten der Passagiere. Klar ist aber: Jetlag kann man nie ganz verhindern, Jetlag wird immer auftreten. Es können maximal seine Auswirkungen verringert werden.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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