Spaeth fragt (77) ( Gastautor werden )

"Herr Parvaresh, was ist Ihre Vision für die neue Iran Air?"

26.01.2017 - 09:00 0 Kommentare

Nach der Aufhebung des Embargos erhält Iran Air erstmals seit 1994 wieder neue Flugzeuge. Andreas Spaeth sprach mit Airline-Chef Farhad Parvaresh über die Golf-Konkurrenz und die doch nicht bestellten A380.

Farhad Parvaresh, Chairman und CEO der Iran Air. - © © Andreas Spaeth -

Farhad Parvaresh, Chairman und CEO der Iran Air. © Andreas Spaeth

Am Ende ging alles ganz schnell: Am 22. Dezember 2016 unterzeichnete die staatliche Iran Air mit Airbus den endgültigen Vertrag über hundert neue Flugzeuge, am 11. Januar wurde in Toulouse bereits die erste A321 an Iran Air ausgeliefert. Die Renaissance der iranischen Luftfahrt, nach dem Atomdeal 2015 und der Aufhebung des Embargos, sei eine der wichtigsten Entwicklungen der Luftfahrtbranche seit langem, sagte Airbus-Chef Fabrice Brégier.

Am Rande der Zeremonie in Toulouse befragte Andreas Spaeth den Chairman und CEO von Iran Air, Farhad Parvaresh. Er ist seit vielen Jahren bei der nationalen Airline und steht seit siebeneinhalb Jahren an deren Spitze.

Herr Parvaresh, was ist Ihre Vision für die neue Iran Air?
Parvaresh: Iran Air hat bereits vor 40 Jahren tägliche Flüge von Teheran nach New York mit der Boeing 747SP angeboten. Unsere Bevölkerung hat sich seither verdreifacht, daher sehe ich schon aus dem Iran selbst heraus eine große Nachfrage. Zumal drei Millionen Perser in Übersee leben, die jetzt häufiger zu Besuch kommen, plus Geschäftsreisende und Touristen. Allein in den vergangenen sechs Monaten nach dem Abkommen ist unser Verkehr um 20 Prozent gewachsen. Wir müssen in Zukunft mit den Fluggesellschaften vom Persischen Golf konkurrieren. Sobald die Infrastruktur geschaffen ist, könnten wir ein großes Drehkreuz in Teheran einrichten. Damit lassen sich Europa und Fernost viel effizienter verbinden als etwa via Dubai. Durch unsere Lage spart man bis zu zweieinhalb Flugstunden auf dem Weg von Europa nach Asien ein. Auch da hat der Iran großes Potenzial.

Wie haben Sie die neuen Freiheiten nach dem Atomdeal genutzt?
Parvaresh: Wir haben mit allen westlichen Flugzeugherstellern gesprochen, nicht mit russischen oder chinesischen. Und mit Airbus, Boeing und ATR Abschlüsse über zusammen 200 Flugzeuge erzielt. Das ist eine sehr eindrucksvolle Zahl und sollte genug für die nächsten zehn Jahre sein. Vor allem angesichts der Tatsache, dass Iran Air derzeit gerade 23 einsatzfähige Flugzeuge besitzt, die im Schnitt fast 25 Jahre alt sind.

Wie sieht es in der iranischen Luftfahrt insgesamt aus?
Parvaresh: Bei allen 16 Airlines gibt es gerade 150 aktive Verkehrsflugzeuge, bei einer Bevölkerung von 80 Millionen Menschen. Nur sechs iranisch registrierte Flugzeuge waren, vor unserer ersten Auslieferung, nach dem Jahr 2000 gebaut. Es handelt sich dabei um die gebrauchten A340-600 bei Mahan Air. Das zeigt den Nachholbedarf. Unsere eigene Flotte ist zuletzt stark geschrumpft, vor sechs Jahren hatten wir noch 54 Flugzeuge in der Luft. Seitdem mussten wir etwa alle acht Boeing 747 stilllegen, weil dort große Wartungen oder Triebwerkswechsel anstanden, doch das wäre nicht wirtschaftlich gewesen.

© dpa, Lukas Schulze Lesen Sie auch: Iran und Airbus zurren Großauftrag fest

Wie konnte Iran Air diese alten Flugzeuge überhaupt so lange in Betrieb halten?
Parvaresh: Joe Sutter, der Vater der Boeing 747, hat uns im vergangenen Jahr einen Brief und ein Video geschickt, vor seinem Tod, als es erstmals wieder offizielle Kontakte zwischen Iran Air und Boeing gab. Er hat 1976 die erste Boeing 747SP persönlich an uns übergeben. Er bekundete seine Bewunderung für unsere Wartung, die es ermöglichte, diese Flugzeuge all die Jahre sicher am Fliegen zu halten - trotz der Sanktionen. Wir hatten immer eine oder zwei Boeing 747SP in Betrieb, bevor wir sie im vergangenen Jahr endgültig stilllegten. Wir haben immer noch eine aktive A300B4 von 1980 in der Flotte, das ist ein gutes Omen für die Langlebigkeit von Airbus-Flugzeugen. Wir wollen die EP-IBS noch so lange weiter in Betrieb halten wie möglich, auch wenn es häufig neue Service-Bulletins gibt, die kostspielige Modifikationen vorschreiben.

Warum haben Sie jetzt doch nicht, wie ursprünglich angekündigt, zwölf Airbus A380 bestellt?
Parvaresh: Die nötige Infrastruktur im Iran wäre mittelfristig nicht fertig gewesen, um die A380 abzufertigen. Daher haben wir entschieden, darauf zu verzichten und uns durch andere Großraumflugzeuge wie die A350-1000 und die Boeing 777-300ER erst mal daran zu gewöhnen. Wir haben definitiv derzeit keine Pläne, Boeing 747-8 oder A380 zu bestellen. Vielleicht in Zukunft, wir werden sehen.

Was bedeuten die neuen Flugzeuge bei Iran Air für den normalen Bürger im Land?
Parvaresh: Ich denke, viele Leute werden glücklich darüber sein. Dies ist ein sichtbares Zeichen für die Aufhebung des Embargos, und die Leute wollen, dass sich das in ihrer Realität widerspiegelt. Andere Dinge - wie erhöhte Ölexporte - sind eben nicht sichtbar. Neue Flugzeuge für den Iran, gerade angesichts all der Probleme die wir haben, können ein Symbol für normale Leute sein. Es zeigt, dass das Abkommen für sie Verbesserungen bringt.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Speath für airliners.de
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