Spaeth fragt (66) ( Gastautor werden )

"Herr Niedermann, wie können Sie Airline-Besatzungen aus ihrer Einsamkeit befreien?"

25.08.2016 - 10:07 0 Kommentare

Wer fliegt ist oft einsam, doch die neue "Follow Me"-App bringt Crews wieder mit Freunden und Familie zusammen. Andreas Spaeth sprach mit Andreas Niedermann, einem der beiden Köpfe hinter der App.

Andreas Niedermann - © © privat -

Andreas Niedermann © privat

Dienstpläne von Airlines sind oft so verschlüsselt wie Geheimdokumente. Schon Kollegen bei anderen Gesellschaften verstehen Abkürzungen und Angaben häufig nicht, Mitmenschen außerhalb der Luftfahrtbranche schon gar nicht. Wegen ihrer zwangsläufig unregelmäßigen Arbeitszeiten und Aufenthaltsorte droht dem fliegenden Personal manchmal Einsamkeit. Deshalb haben zwei Schweizer Lufthansa-Piloten in ihrer Freizeit die kostenlose App "Follow Me" entwickelt, die es ermöglicht, leichter in Kontakt mit Kollegen, Familie und Freunden zu bleiben. Andreas Spaeth sprach mit Andreas Niedermann (34), der seit über fünf Jahren im Cockpit einer A320 auf dem rechten Sitz fliegt, einem der beiden Köpfe hinter der App.

Herr Niedermann, wie können Sie Airline-Besatzungen aus ihrer Einsamkeit befreien?
Andreas Niedermann: Wir schaffen mit der App die Möglichkeit, den eigenen Dienstplan in transparenter Form immer zur Hand zu haben und ihn mit Kollegen und anderen zu teilen. So dass alle immer wissen, wo man sich gerade befindet auf der Welt. Denn als Crew hat man keine Regelmäßigkeit in irgendeiner Form, und irgendwann weiß niemand mehr, wo man gerade ist. Man wird dann mitunter gar nicht mehr zu irgendwas eingeladen, weil die Leute denken, 'der ist doch sowieso wieder unterwegs.' Wir haben da eine Bringschuld.

Wo liegt denn bisher das Grundproblem für Flugbesatzungen?
Niedermann: Wir bekommen alle unsere Dienstpläne in einem unhandlichen Format, ein anderes bei fast jeder Airline. Bei uns war das ein PDF, das ich meinen Freunden weitergeleitet habe, aber das haben die schon nicht verstanden, weil es voller Codes und Abkürzungen ist, die keiner außerhalb der Branche versteht. Deshalb hat es keiner mehr angeschaut, sondern gefragt, ob ich an einem bestimmten Termin vielleicht da bin. Aber irgendwann wurde den Freunden das Nachfragen zu mühsam, und ich und mein Kollege und Mitstreiter Michael Porr wurden gar nicht mehr gefragt, weil es zu kompliziert war. Das birgt die Gefahr, dass die sozialen Kontakte außerhalb der Fliegerei irgendwann verkümmern. Deshalb wollten wir etwas ändern.

Und haben die App "Follow Me" entwickelt...
Niedermann: Ja, und die ist einfach verständlich, ohne Flughafen-Codes und Zeitumrechnung. Und man hat sie immer dabei. Seit Mai 2015 ist sie verfügbar, knapp 30.000mal wird sie bereits genutzt.

Ist dieses so andere Leben der Grund, dass Flugbesatzungen oft untereinander heiraten, weil andere Menschen gar nicht mit einem in Kontakt bleiben können?
Niedermann: Wir beide haben Freundinnen, die nicht fliegen, weil das eben auch Vorteile hat, wenn man nicht immer übers Fliegen redet. Andererseits ist das Verständnis für die spezifischen Bedingungen dieses Jobs natürlich größer, wenn der andere auch fliegt. Das stößt sonst schon oft auf Unverständnis, die eigene Inflexibilität bei Terminen. Aber auch bei Paaren, wo beide fliegen, ist wegen der Dienstpläne immer die Gefahr, dass man sich dann gar nicht mehr sieht. Da kenne ich viele Fälle, wo immer der eine geht wenn der andere gerade wiederkommt.

Die App "FollowMe.aero" deckt unter anderem die Airlines der Lufthansa Group, aber auch Air Berlin und Germania ab. Foto: © followme.aero, Screenshot: airliners.de

Wie ist denn die Reaktion aus der Branche auf Ihre App?
Niedermann: Wir kriegen viele Dank-Mails von Paaren, die sagen dass wir ihr Leben sehr erleichtert haben mit der App, vor allem wenn beide bei verschiedenen Airlines arbeiten. Da ist die Koordination nämlich noch viel schwieriger. Wenn beide Partner in der Fliegerei sind, so haben wir beobachtet, nimmt die Nutzung der "Follow Me"-App proportional zu.

Wie viele andere Dienstpläne schaut sich denn der durchschnittliche Nutzer an?
Niedermann: Durchschnittlich 6,2. Ein Drittel der Nutzer sind Angehörige, die oft nur einer Person folgen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass Flieger meist zehn oder mehr anderen Fliegern folgen. Wir selbst folgen jeweils 20 oder 30 anderen.

Wie sieht denn die praktische Nutzung der App bei Ihnen selbst aus?
Niedermann: Lufthansa hat ja Crews in Frankfurt und München stationiert. Bisher hatte man da vielleicht mit Freunden und Kollegen einen Nachtstopp zur selben Zeit am gleichen Ort, aber wusste das vielleicht gar nicht. Oder ich, der ich ja in der Schweiz wohne, sitze oft in Frankfurt rum, habe einen freien Tag, und kann dann schauen, wer von meinen Fliegerfreunden gerade auch einen Tag frei hat und auch in Frankfurt ist. Früher musste ich jedem einzelnen eine Nachricht schicken und nachfragen. Deshalb nutzen jetzt etwa bei Swiss bereits 30 Prozent der Crews unsere App – obwohl wir gar keine Werbung machen. Aber es gibt Fälle wie Austrian Airlines. Die fanden die App so toll, dass sie jedem fliegenden Mitarbeiter einen Flyer dazu ins Postfach gelegt haben.

Es geht also fix voran mit der App, wie sehen die weiteren Pläne aus?
Niedermann: Ja, es hat sich schnell entwickelt zuletzt, vor allem mit Airlines aus Mitteleuropa, deren Dienstpläne wir anzeigen können. Insgesamt sind es schon rund 60 verschiedene Airlines, die für die App kompatibel sind mit ihren Dienstplänen. Der nächste große Schritt wird Turkish Airlines sein, dann soll Emirates hinzukommen und es sind amerikanische Airlines auf der Wunschliste. Irgendwann soll es weltweit die Apps für Crews sein.

Wann wird der Erfolg der App in der Weise messbar sein, dass es mehr "Follow Me"-Babys gibt, wenn sich Paare dadurch einfacher treffen können?
Niedermann (lacht): Keine Ahnung, aber die müssen dann auf jeden Fall alle Michael und Andreas heißen wie wir, oder ansonsten Michaela und Andrea...

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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