Spaeth fragt (58) ( Gastautor werden )

"Herr Kliese, warum buchen Passagiere bei Ihnen Zwölf-Stunden-Flüge zum Nordpol?"

05.05.2016 - 08:14 0 Kommentare

In zwölf Stunden von Düsseldorf und Nordpol - diese Charterflüge sind sehr beliebt. Andreas Spaeth hat jetzt mit dem Veranstalter gesprochen und ihn gefragt, woran das liegt.

Manuel Kliese

Manuel Kliese
© Airevents

Auf ein Flugziel der besonderen Art weist diese Anzeigetafel hin.

Auf ein Flugziel der besonderen Art weist diese Anzeigetafel hin.
© Thomas Bujack

Manuel Kliese (33) ist Luftfahrtenthusiast und hat mit ein paar Gleichgesinnten 1998 den Spezialveranstalter Airevents in Essen gegründet. Zunächst bot die kleine Firma Reisen für Flugzeugfans mit seltenen Jets an, wie etwa im Iran mit der Boeing 707 oder der 747SP. Seit dem ersten Flug 2007 haben sich die seitdem jährlich Ende April angebotenen Sightseeing-Flüge mit einer bei Air Berlin gecharterten A330 von Düsseldorf zum Nordpol und zurück zum Dauerbrenner entwickelt. Andreas Spaeth traf den Veranstalter nach seiner Rückkehr vom aktuellen Nordpolflug, auf dem 254 Passagiere aus zehn Ländern 9840 Kilometer in elf Stunden und 57 Minuten zurücklegten.

Herr Kliese, warum buchen Passagiere bei Ihnen Zwölf-Stunden-Flüge zum Nordpol?
Manuel Kliese: Der Nordpol hat für viele eine magische, mystische Faszination. Er ist einer der wenigen ultimativen Punkte auf der Welt, die man erreichen kann. Es gibt ja nur die beiden Pole und vielleicht den Mount Everest in diesem Bereich. Es ist die Mystik dieses eigentlich fiktiven nördlichsten Punktes der Erde, die die Leute fasziniert.

Aber ist es nicht absurd, zwölf Stunden zu fliegen und nirgends wirklich anzukommen?
Kliese: Das mag sich absurd anhören, aber kaum ein Langstreckenflug fühlt sich so kurzweilig an, wie unserer. Wir haben viele Segmente da drin, die im Tiefflug stattfinden, und wir reichern durch viele Inhalte an Bord die Reise an. Das ist ein sehr spannendes Flugerlebnis, das sonst im Langstreckenbereich keiner bieten kann.

Impression vom jüngsten Nordpolflug. Foto: © Thomas Bujack

Wie viele solcher Flüge gab es schon?
Kliese: Das war jetzt der neunte, der stattgefunden hat, und es gab noch einen mit einem Privatjet, da hat sich das ein sehr wohlhabender Herr mit seinem eigenen Flugzeug gegönnt und uns die Planung übertragen. So etwas tun wir normalerweise nicht. Was wir machen, soll für Jedermann erschwinglich sein, wenn man an diesen Punkt will. Die Preise reichen von 499 bis 2222 Euro, je nach Platzkategorie. Das mag sich vielleicht viel anhören, aber gemessen an dem Aufwand, den frühere Entdecker betreiben mussten, um an diesen Punkt zu gelangen, ist das günstig. Das ist das Ergebnis einer großen Evolution, dass man den Nordpol touristisch so erschließen kann.

Sind diese Rundflüge fliegerisch eine Herausforderung?
Kliese: Nein, fliegerisch ist das Ganze relativ normal für die Piloten. Aber natürlich sind die Tiefflugsegmente ein Highlight auch für die Crew, über Spitzbergen gehen wir auf 17.000 Fuß (5181 Meter) runter, über dem Pol sogar auf bis zu 5000 Fuß (1524 Meter), über Ostgrönland auf 15.000 Fuß. Da sieht man Landschaften, die sonst kein Mensch von so Nahem zu Gesicht bekommt. Dazu fliegen wir sogar Kurven, damit die Passagiere einen richtigen 3D-Eindruck bekommen. Das sieht ganz anders aus, als wenn man auf einem Transatlantikflug 40.000 Fuß über Grönland unterwegs ist.

Wie reagieren denn die Passagiere auf diese Eindrücke?
Kliese: Euphorisch, das sind Emotionen die ich sonst bei keinem anderen Flug bislang gesehen habe. Große Begeisterung, Staunen, langes Starren aus den Fenstern, da ist wirklich der Weg das Ziel. Es gibt auch Wiederholer, die uns auch schon drängen, wieder einen Flug anzubieten.

Passagiere an Bord des jüngsten Nordpol-Flugs. Foto: © Thomas Bujack

Steht das in Frage?
Kliese: Air Berlin rüstet derzeit alle A330 mit Flachbett-Sitzen in Business Class aus, und wir können diese Flüge nur mit der A330 machen. Bisher hatten wir immer die All-Economy-Version am Start, die für uns optimal war. Wir müssen also unser Produkt anpassen und sehen, dass es erschwinglich bleibt. Daran arbeiten wir gerade mit Air Berlin. Insgesamt werden wir dort aus der Abteilung Sonder- und Adoc-Flugverkauf immer hervorragend unterstützt, mit denen wir schon lange gut zusammenarbeiten. Air Berlin nutzt ihre Flotte oft für Charterflüge und ist für uns ein sehr offener und innovativer Airline-Partner.

Gibt es außer dem Nordpol noch andere Traumziele für Airevents?
Kliese: Wir würden gern beide Pole anbieten. Ab Australien gibt es ja bereits lange Sightseeing-Flüge über die Antarktis, allerdings nicht bis zum Südpol. Dafür braucht man aber andere Flugzeugtypen als die A330, und es ginge nur ab Ushuaia oder Punta Arenas in Südamerika. Unter Umständen auch ab Kapstadt.

Gibt es einen noch einen seltenen Flugzeugtyp, den Sie gern anbieten würden?
Kliese: In meiner persönlichen "Sammlung" an geflogenen Flugzeugen fehlt mir die DC-8. Von der fliegen ja nur noch einzelne Frachter. Aber damit einen Flug zu organisieren, wäre toll. Und ein ganz großer Traum ist es, das größte Flugzeug der Welt, die Antonow An-225, in irgendeiner Form für Enthusiasten-Flüge verfügbar zu machen.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
( Gastautor werden )
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Anzeige schalten »
  • iPhone-Applikationen von Air Berlin, Lufthansa und HRS Mehr digitale Zuverlässigkeit bitte!

    Digital Passenger (7) Die deutschen Airlines können mit ihren jeweiligen Apps nicht überzeugen. In der schönen digitalen Welt geht bei Lufthansa & Co. so einiges schief. Es fehlt an Sorgfalt, urteilt "Digital Passenger" Andreas Sebayang.

    Vom 02.05.2017
  • Ein Passagier arbeitet an Bord einer Lufthansa-Maschine an seinem Laptop. Platz da, ich will arbeiten!

    Digital Passenger (6) Arbeiten im Flugzeug? Mit Notebook? Gar nicht so einfach - selbst in der Business-Class, findet unser "Digital Passenger" Andreas Sebayang. Eine Lösung bietet sich beispielsweise auf Flügen mit amerikanischen Airlines.

    Vom 18.04.2017

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »