Spaeth fragt (55) ( Gastautor werden ) "Herr Giemulla, wie kann man an Unglücken etwas Konstruktives finden?"

24.03.2016 - 09:35 0 Kommentare

Ein Jahr ist der Germanwings-Absturz jetzt her. Andreas Spaeth sprach mit Luftfahrtjurist Elmar Giemulla über die Aufarbeitung des Flugzeugunglücks. Dabei kritisierte er auch die Lufthansa.

Anwalt und Luftfahrtexperte Elmar Giemulla - © © dpa - Paul Zinken

Anwalt und Luftfahrtexperte Elmar Giemulla © dpa /Paul Zinken

Elmar Giemulla (65) ist einer der bekanntesten deutschen Luftfahrtjuristen und besaß früher selbst eine Privatpiloten-Lizenz. Bei schweren Luftfahrtunfällen mit deutschen Opfern leistet er den Angehörigen seit Jahrzehnten rechtlichen Beistand, vom Lockerbie-Anschlag 1988 bis zum Germanwings-Absturz vor einem Jahr.

Herr Giemulla, wie kann man auch an schlimmen Unglücken noch etwas Konstruktives finden?
Elmar Giemulla: Unglücke sind Katastrophen, aus denen man lernen muss - indem man versucht, Gegenmaßnahmen zu definieren und umzusetzen, die verhindern, das genau dieser Hergang sich ein zweites Mal ereignet. Das ist vor allem für die Angehörigen der Opfer solcher Katastrophen wichtig, Familien die Kinder oder andere geliebte Menschen verloren haben, die dann oft zumindest einen kleinen Trost darin finden. Aber es hilft ihnen, wenn sie die Gewissheit haben, der Tod der Verwandten ist nicht umsonst gewesen, anderen Menschen bleibt dieses Schicksal erspart. Das hilft ihnen, weiterzuleben.

Sie haben in Ihrer Karriere viele Unfälle aufgearbeitet. Entsteht da eine gewisse Routine oder ragt da ein Fall wie Germanwings in seiner Tragik heraus?
Giemulla: Jeder Unfall ist anders und nur scheinbar zunächst ähnlich, weil ein Flugzeug abstürzt und Menschen und Hinterbliebene trauern. Aber in den Ursachen ist jeder Unfall anders, deshalb darf man nicht zur Tagesordnung übergehen. Jeder Unfall muss so genau analysiert werden, als wäre es der erste Unfall, um aus den technischen - oder wie im Fall Germanwings aus den psychologischen - Ursachen Lehren zu ziehen. Für den Gesetzgeber, für die Fluggesellschaften, für die Verwaltung, für jeden, der in der Luftfahrt eine Rolle spielt. Für die Hinterbliebenen ist das jedes Mal erneut die Katastrophe ihres Lebens. Juristen versuchen dann, für die Hinterbliebenen einen Weg zu finden, eine Entschädigung zu bekommen für das, was so ein Unfall in ihrem Leben anrichtet.

Ist denn aus dem Germanwings-Absturz ein Jahr später genügend gelernt worden?
Giemulla: Es wurden umfangreiche Recherchen angestellt, eine Arbeitsgruppe vom Bundesverkehrsministerium eingerichtet, die Easa und die Lufthansa stellen interne Überlegungen an. Hier ist offensichtlich vieles unterwegs, aber einiges davon ist Aktionismus, der allenfalls politisch sinnvoll ist. Wichtig ist, dass die offensichtlichen Mängel im System, die es ermöglicht haben, dass ein Psychopath ins Cockpit einer Fluggesellschaft gelangte, beseitigt werden. Das darf einfach nicht passieren. Niemand will, dass das noch mal passieren kann, da wird sicher von Behörden und Fluggesellschaften jede Gegenmaßnahme überlegt und hoffentlich von den Betroffenen auch ernst genommen.

Buchtipp

Andreas Spaeth zeigt in seinem spannenden Buch "Crashtest. Die verborgenen Risiken des Fliegens" Sicherheitslücken im modernen Luftverkehr auf und versucht, Antworten auf heikle Fragen zu finden. Das Buch ist im Heyne-Verlag erschienen und online beispielsweise auf Amazon erhältlich.

Hat Sie das Germanwings-Unglück menschlich mehr berührt als andere Fälle?
Giemulla: Es war besonders dramatisch, dass so viele Jugendliche gestorben sind. Man fragt sich als Jurist natürlich, inwieweit kann man sich mit dieser Lebenssituation, in der diese Menschen hineingestoßen worden sind, identifizieren, parallel zur eigenen Lebenssituation. Aber wenn es Kinder sind, die der Stolz des eigenen Lebens waren, für viele auch der Sinn des eigenen Lebens, dann trifft das Eltern besonders hart - und das ist schlimm.

Verliert man das Vertrauen in die Luftfahrt ein Stück weit, wenn man so viel mit solchen Unglücksfällen zu tun hat wie Sie?
Giemulla: Das sind Einzelfälle, auch wenn sie leider immer wieder passieren. Aber man muss sie natürlich in Relation sehen dazu, was sich abspielt im Weltluftverkehr, wo jede Sekunde 500.000 Menschen in der Luft sind. Jedes Jahr wird rechnerisch die halbe Menschheit geflogen, und gemessen daran passieren fast keine Unglücke. Seit 2006 liegt die Anzahl der Toten im weltweiten Passagierverkehr konstant unter Tausend. Diese geringe Zahl ist ein wichtiges Merkmal der Sicherheit, die wir hier brauchen.

© airteamimages.com, Felix Gottwald Lesen Sie auch: Germanwings-Absturz: Angekündigte Klage in den USA wird eingereicht

Können Sie aus den von Ihnen aufgearbeiteten Fällen einen nennen, in dem die Abwicklung in jeder Hinsicht vorbildlich funktioniert hat?
Giemulla: Das war eindeutig der Concorde-Unfall aus dem Jahr 2000. Da war auch ein starker politischer Druck dahinter, den Fall schnell abzuschließen, die Concorde sollte schnell wieder in den Himmel kommen. Und das hieß natürlich mit einer Entschädigung, mit der sich die Hinterbliebenen einverstanden erklären konnten. Unabhängig vom Geld muss man sagen, dass sich Air France in dem Fall von Anfang bis zum Abschluss wirklich vorbildlich und menschlich verhalten hat. Das war offensichtlich keine Schau, das war ganz tief und ernst gemeint.

Und wie war das im Vergleich nach dem Germanwings-Unglück?
Giemulla: Lufthansa hat das auch gemacht in den ersten Monaten nach dem Germanwings-Unfall. Dann ist sie allerdings - leider, muss man sagen - zum Business zurückgekehrt. In der Weise, dass die materiellen Ansprüche Anwälten übergeben worden sind, die sich entschuldigt haben dafür, dass sie eben nicht mehr machen können, als Lufthansa ihnen aufträgt. Lufthansa hat andere Dinge an ein Care Center ausgelagert und sich wieder ihrem Geschäft zugewandt. Und dann Meldungen herausgegeben, dass die Buchungszahlen nach dem Absturz nicht zurückgegangen sind. Letzteres kann man ja auch verstehen. Aber dass sie nicht begreifen, was sie mit einer solchen Meldung bei den Hinterbliebenen anrichten - als ob die Buchungszahlen die Hauptsorge wären - das hat schon zur Entfremdung zwischen den Hinterbliebenen und Lufthansa beigetragen.

Fliegen Sie selbst immer noch gerne, nach all diesen Erfahrungen mit den Schrecken der Luftfahrt?
Giemulla: Ja, sehr gern, vor allem wenn es Flüge sind, die mich in ferne Weltgegenden bringen. Fliegen ist für mich immer noch ein Erlebnis, weil es eine für den Menschen ungewöhnlich Art der Fortbewegung ist, und daher so spannend. Ich bin wesentlich lieber im Flugzeug als auf der Autobahn, wo ich nicht nur von einem Psychopathen abhängig bin, sondern möglicherweise von mehreren. Die begreifen einfach nicht, dass sie mit ihrer Geschwindigkeit und ihrem Verhalten auch über die Schicksale anderer bestimmen. Die Sicherheit auf einer Luftstraße ist tausendmal höher als auf der Autobahn.

Alle Meldungen zum Germanwings-Unglücksflug 4U9525.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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