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"Herr Gauss, ist Flugzeugkauf ein Glücksspiel?"

30.07.2015 - 12:31 0 Kommentare

Air Baltic will ihre Flotte erneuern und gehört zu den Erstkunden der Bombardier CS300. Andreas Spaeth hat Airline-Chef Martin Gauss gefragt, wie viel Glück beim Flugzeugkauf dazugehört.

Martin Gauss, CEO der Air Baltic Foto: © Air Baltic,

Martin Gauss (47) ist seit November 2011 Chef der lettischen Air Baltic in Riga und hat die größte baltische Fluggesellschaft durch eine Schrumpfkur wieder in die Profitabilität geführt. Entscheidend ist für den aktiven Boeing 737-Piloten die anstehende Erneuerung der Jet-Flotte. Air Baltic gehört zu den Erstkunden der Bombardier CSerie, 13 Stück der CS300 haben die Balten zu einem offenbar sehr günstigen Zeitpunkt bestellt. Andreas Spaeth traf ihn in Riga.

Herr Gauss, ist Flugzeugkauf ein Glücksspiel?
Martin Gauss: Nein, Flugzeugkauf ist eine ökonomische Entscheidung unter Abwägung aller Parameter. Das betrifft nicht nur den Preis des Flugzeugs, sondern die individuellen Nutzungsanforderungen der jeweiligen Airline. Damit ist es kein Glücksspiel, sondern eine ökonomische Rechnung.

Aber Sie haben trotzdem das große Los gezogen mit dem Zeitpunkt Ihrer Bestellung?
Gauss: Ja, wir hatten Glück. Zu dem Zeitpunkt war wenig Vertrauen in das Flugzeug vorhanden. Wir haben zu einem guten Zeitpunkt einen guten Preis verhandelt und arbeiten jetzt an einer erstklassigen Finanzierung. Jetzt, da die Flugzeuge fliegen, herrscht viel mehr Vertrauen in die C-Serie. Insofern war das sicher gutes Timing mit unserer Bestellung. Entscheidend ist, dass wir sehr genau wissen, was wir mit dem Flugzeug machen werden.

Es klingt so, als würden Sie und andere Kunden erwarten, dass die C-Serie das Fliegen neu erfindet.
Gauss: Wir haben sogar den Beweis schon bekommen, dass das Flugzeug bessere Leistungen liefert als vom Hersteller versprochen und wir daher auch eine bessere Performance bekommen, als wir eingeplant hatten. Und für den Passagierkomfort ist das bei uns wie ein Neustart im Kundenservice: Wir können weiter fliegen und wir können Strecken wieder bedienen, die wir früher schonmal geflogen sind. Etwa von Riga auf die Kanaren oder direkt zum Hub unseres Partners Etihad in Abu Dhabi. Das ging alles nicht mehr in den vergangenen drei Jahren, seit wir die Boeing 757 nicht mehr fliegen. Also eine Neuerfindung ermöglicht uns die C-Serie vielleicht nicht, aber etliche Neuerungen.

© Swiss, Lesen Sie auch: Bombardier schickt CS100 zum ersten Mal nach Zürich

War die Überlegenheit der C-Serie so klar? Oder wäre nicht auch der Sukhoi Super Jet eine Option gewesen?
Gauss: Das ist ein super Flugzeug, es ist modern - aber es hat nicht die Reichweite. Wir sehen es hier in Riga täglich, weil Aeroflot es hierher einsetzt. Da ich aus unserer Sicht ein Flugzeug bis zu 160 Sitzen brauche, war die C-Serie klar die beste Option, die wir nach einer unabhängigen Analyse gewählt haben.

Macht man denn eher ein Schnäppchen, wenn man einen vermeintlichen Ladenhüter bestellt?
Gauss: Man muss nicht nach Ladenhütern schauen, sondern den gesamten Markt sondieren und dann nach einer wirtschaftlichen Abwägung das richtige Flugzeug kaufen. Wenn in den Verhandlungen der Preis zur Sprache kommt, merkt man, wie viel Druck ein Hersteller hat, sein Flugzeug zu verkaufen.

Der Druck muss bei Bombardier zu der Zeit riesig gewesen sein.
Gauss: Bei der C-Serie wusste Bombardier damals nicht, wie es weitergeht, da hatten wir sicher psychologisch einen guten Zeitpunkt gefunden. Das wird es speziell bei neuen Flugzeugprogrammen immer geben: Jemand schlägt zu, wenn die Maschine noch nicht etabliert ist, und hat so einen Vorteil. Wenn ich mir die Bestellungen von Emirates oder Qatar Airways anschaue, haben die sicher auch sehr gute Deals gemacht.

Spielt bei solchen Deals das Bauchgefühl eine Rolle?
Gauss: Ich hoffe nicht. Solche Bestellungen sind so langfristig, dass das keine Rolle spielen darf.

Was erhoffen Sie sich durch die C-Serie bei Air Baltic?
Gauss: Auf jeden Fall wesentlich niedrigere Kosten. Die C-Serie braucht 20 Prozent weniger Treibstoff als unsere Boeing 737 heute. Und für den Kunden eine deutliche Steigerung des Komforts, weil das Flugzeug gegenüber den Vergleichsmodellen Vorteile bietet, die der Kunde direkt spürt. Los geht's ab September 2016, wir haben noch keine spezielle Strecke dafür ausgewählt. Die C-Serie wird auf unserem gesamten Streckennetz fliegen.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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