Spaeth fragt (67) ( Gastautor werden )

"Herr Friedemann, müssen Flugunfall-Untersucher mehr YouTube-Filme anschauen?"

08.09.2016 - 11:17 0 Kommentare

Berichte über spektakuläre Flug-Zwischenfälle finden sich oft zuerst im Internet, nicht bei den Unfallermittlern. Vom Sprecher der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung, Jens Friedemann, wollte Andreas Spaeth Näheres zum Thema wissen.

BFU-Sprecher Jens Friedemann  - © © BFU -

BFU-Sprecher Jens Friedemann © BFU

Die Boeing 737 der Royal Air Maroc machte einen Hüpfer auf der Startbahn 18 in Frankfurt, ehe sie beinahe einen Tailstrike erlitt, bevor sie endlich mühsam in die Luft kam. Das Video des seltsamen Starts am 23. Juli wurde aufgenommen von einem britischen Spotter, und verbreitete sich einen Monat später im Netz. Die zuständige Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig, seit 1998 eine eigenständige Bundes-Oberbehörde, wusste von dem Fall nichts. Andreas Spaeth befragte dazu BFU-Sprecher Jens Friedemann (49). Der gelernte Ingenieur und Pilot arbeitet seit 27 Jahren als Unfallermittler bei der BFU und war bei vielen wichtigen Untersuchungen vor Ort, etwa in Überlingen 2002 oder nach dem MetroJet-A321-Absturz über dem Sinai 2015.

Herr Friedemann, müssen Flugunfall-Untersucher mehr YouTube-Filme anschauen?
Jens Friedemann: (lacht) Die Untersucher selbst nicht, aber die BFU als solches durchaus schon. Aber wir scannen sicher nicht YouTube auf neue Videos oder das Netz auf neue Fotos. Aber natürlich sind Bilddokumente solcher Ereignisse in der Luftfahrt für uns hoch interessant und haben schon in vielen Fällen sehr bei der Aufklärung geholfen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Friedemann: Wir haben etwa eine Videoaufnahme von Bord eines verunglückten Flugzeuges benutzt, um anhand der Tonspur das Runterfahren einer der Motoren zu verfolgen. Das ist der Cockpit Voice Recorder des kleinen Mannes, könnte man sagen. Die französischen Kollegen konnten bei einem aus dem Cockpit gemachten Video anhand des Geräusches die Abhebegeschwindigkeit rekonstruieren. Die Erkenntnisse, die solche Amateuraufnahmen liefern, sind sehr aufschlussreich und durchaus vergleichbar mit Radar- oder GPS-Daten oder den bordeigenen Aufzeichnungen.

Sollten deswegen alle Spotter im Hinterkopf haben, dass sie Ihnen bei etwaigen Vorkommnissen Material liefern sollten?
Friedemann: Durchaus, wir freuen uns sehr über solche Informationen. Alle Arten von Zeugen, die etwas beobachtet haben, sollten sich melden. Wenn es dazu noch Aufnahmen davon gibt, umso besser. Manchmal, etwa nach Zwischenfällen auf Flugtagen, starten wir auch Aufrufe, um Material zu bekommen. Meist klappt das.

Wie soll man Ihnen solches Material senden, gibt es eine spezielle E-Mail-Adresse?
Friedemann: Nein, aber wir sind 24 Stunden täglich erreichbar, eine Meldung kann telefonisch, per Fax oder Online-Formular erfolgen, dort lassen sich auch Dateien hochladen.

Im Falle der Boeing 737 der Royal Air Maroc in Frankfurt im Juli hat Ihnen aber niemand etwas geliefert, konnten Sie deswegen nicht ermitteln?
Friedemann: Wir haben keine rechtzeitige Meldung bekommen, von keinem der Beteiligten, weder von der Airline, dem Piloten oder demjenigen, der das Video aufgenommen hat. Wir haben erst Wochen später, nachdem die Medien das Video verbreitet haben, davon erfahren. Und dann sind natürlich viele Daten nicht mehr zu bekommen. Deswegen ist es sehr wichtig, dass uns solche Informationen zeitnah zur Verfügung stehen.

Um welche Informationen geht es, und könnten Sie nicht trotzdem ermitteln?
Friedemann: Etwa um Aufzeichnungen des Stimmrekorders, oder auch Angaben zum Beladungszustand des Flugzeugs, die nicht mehr verfügbar sind so lange danach. Auch Radardaten werden von der Flugsicherung nur 30 Tage lang aufgehoben. Ich will damit nicht sagen, dass wir im Fall Royal Air Maroc gar keine Untersuchungen machen könnten, aber das Ergebnis würde keine große Tiefe haben. Daher haben wir uns entschieden, keine Untersuchung mehr einzuleiten, weil die Erkenntnisse nur einen sehr überschaubaren Umfang haben würden.

Bereits am 16. Juli gab es eine extrem harte Landung einer Germania A321 in Fuerteventura, von der die BFU durch das Online-Portal Aviation Herald erst einen Monat später erfuhr. Wird da ermittelt?
Friedemann: Im Fall Fuerteventura ist eine Untersuchung eingeleitet worden, da sind die spanischen Behörden federführend und wir unterstützen sie mit den Informationen, die wir zusammentragen konnten. Aber auch da liegen natürlich keine Daten aus dem Stimmrekorder mehr vor. Da können wir nur schriftliche Aussagen der Besatzung einholen und die Schäden am Flugzeug auswerten.

Gibt es auch Positiv-Beispiele?
Friedemann: Ja, in vielen Fällen gelingt die rechtzeitige Ermittlung, beispielsweise bei der Bodenberührung der Tragflächenspitze einer A320 im Sturmanflug auf Hamburg im März 2008. Damals haben uns alle Daten binnen Stunden erreicht, und wir konnten neben Fotos und Videos auch objektive Daten sichern wie die Aufzeichnungen der Recorder an Bord sowie Radardaten. Aber die Bilder waren wertvolle Zusatzinformationen, aus denen wir Detail-Erkenntnisse gewinnen konnten.

Es hält sich das Gerücht, von Bord der abgestürzten Germanwings-A320 lägen Handy-Videos vor. Stimmt das?
Friedemann: Nach meinen Erkenntnissen hat es keine solchen Aufnahmen gegeben, da ist leider viel Unsinn berichtet worden. Das ist für die Hinterbliebenen besonders bitter.

Ist die BFU zu schlecht ausgestattet mit Budget und Planstellen, um in der nötigen Weise zu ermitteln?
Friedemann: Wir haben noch nie nicht ermittelt, weil wir nicht genügend Leute haben. Und das wird auch nie passieren. Wir müssen oft eine Vielzahl von Fällen gleichzeitig bearbeiten, und das wäre sicher leichter, wenn man noch mehr Untersucher hätte. Wir haben aber in letzter Zeit auch einiges an neuem Personal gewinnen können, das geht also in die richtige Richtung. Wir haben 35 Mitarbeiter derzeit, von denen 19 Unfalluntersucher sind. Damit schaffen wir es in vielen Fällen, wie international üblich, eine Untersuchung innerhalb eines Jahres abzuschließen, leider nicht in allen.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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