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"Herr Estoppey, werden Swiss-Flugzeuge jetzt zur fliegenden Telefonzelle?"

25.02.2016 - 10:01 0 Kommentare

Telefonieren mit dem Handy an Bord von Flugzeugen ist bisher die große Ausnahme. In der neuen Boeing 777-Flotte von Swiss ist das jetzt möglich und erlaubt. Andreas Spaeth fragte Paul Estoppey, Chef der Swiss-Bordunterhaltung, warum.

Paul Estoppey, Direktor für Kabinenausstattung und Bordunterhaltung bei Swiss Foto: © Swiss,

Sprach-Telefonie über den Wolken ist bei den meisten Airlines verpönt. Gerade die Lufthansa hat sich bisher vehement dagegen gewehrt, die Kunden wollten das nicht, hieß es. Selbst Internet-Telefonie, etwa Skype, über das FlyNet-System verbittet sich die Kranich-Linie. Doch jetzt prescht Konzerntochter Swiss vor. In der neuen Boeing 777, die seit vergangenem Wochenende auf Langstrecken eingesetzt wird, ist das Telefonieren mit dem Handy erstmals erlaubt. Offenbar haben sich die Zeiten geändert, Telefonieren in allen Lebenslagen wird als Normalfall empfunden. Andreas Spaeth befragte dazu Paul Estoppey, Direktor für Kabinenausstattung und Bordunterhaltung bei Swiss.

Herr Estoppey, werden Swiss-Flugzeuge jetzt zur fliegenden Telefonzelle?
Paul Estoppey: Nicht mehr als sie es ohnehin schon sind, sobald man Internet-Zugang an Bord anbietet. Das findet ja über Internet-Telefonie bereits statt, und wir erweitern das jetzt um die Möglichkeit der Handy-Telefonie. Ich glaube nicht, dass es an Bord allzu viele Telefongespräche geben wird.

Andere Airlines haben das Thema eher dämonisiert. Warum glaubt Swiss, dass Telefonierer an Bord rücksichtsvoll sein werden?
Estoppey: Wir haben natürlich Marktforschung betrieben und man kann davon ausgehen, dass heute eine gewisse Akzeptanz dafür da ist. Darüber hinaus vertrauen wir auf die gegenseitige Rücksichtnahme unserer Fluggäste. Zudem wird auch unser Bordpersonal darauf achten, dass das Wohlbefinden des Einzelnen nicht beeinträchtigt wird.

Also passen Sie sich jetzt nur an eine Entwicklung an, die anderswo ohnehin schon vollzogen ist?
Estoppey: Wir haben sowieso die technische Möglichkeit, die Sprachtelefonie jederzeit abzuschalten. Wenn sich jemand aber ein Datenpaket kauft und das für Internet-Telefonie nutzt, können wir das zumindest technisch nicht verhindern. Man muss einfach mit der Zeit gehen und ich glaube, es ist ein Phänomen heutzutage, dass die Leute erreichbar sein wollen. Und bei Leuten, die miteinander laut diskutieren, haben sie im schlimmsten Fall den gleichen Effekt.

Wie sieht denn die Telefon-Etikette an Bord der Swiss-777 aus?
Estoppey: Wir kommunizieren ganz klar auf Nachtflügen, dass dort das Telefonieren nur während der Service-Zeiten erlaubt ist. Danach wird es ausgeschaltet. Unser Provider schickt den Passagieren darüber hinaus eine SMS, dass sie jetzt per Roaming telefonieren können, wenn es aktiv ist. Schon dort wird aber darauf hingewiesen, dass sie bitte auf die die anderen Passagiere Rücksicht nehmen sollen.

Wird es irgendwann keine Airline mehr geben, die es sich leisten kann, auf Telefonie an Bord zu verzichten?
Estoppey: Ja, das ist einfach eine gesellschaftliche Strömung, wenn sie überall WLAN haben, dann können Sie sich dem irgendwann auch im Flugzeug nicht mehr verschließen.

Warum bietet Swiss nicht wie Lufthansa eine Flat Rate zum Surfen an, sondern für den Kunden teurere Datenpakete?
Estoppey: Wir haben das Volumen-Modell und nicht das Zeit-Modell gewählt, weil wir das komplette Risiko auf unserer Seite haben. Speziell die jüngere Generation, die jetzt zunehmend zu unseren Fluggästen wird, hat damit auch kein Problem, die wissen sehr genau, wann ihre verfügbare Datenmenge aufgebraucht ist. Wir verdienen damit kein Geld, die Gebühren der Nutzer sind ein Unkostenbeitrag, um das ganz klar zu sagen. Die Investitionen in solche Systeme und ihr Unterhalt lassen sich mit den Gebühreneinnahmen gar nicht abdecken.

Das Telefonieren an Bord ist zunächst als Test für ein Jahr deklariert. Wie wird der Test ausgehen nach Ihrer Einschätzung?
Estoppey: Ich denke das Angebot wird gut akzeptiert werden und keine Probleme an Bord verursachen. Würden wir davon ausgehen, dass es Probleme geben könnte, dann hätten wir das gar nicht angefangen. In fernerer Zukunft wird wahrscheinlich ein Großteil aller Flugzeuge weltweit Telefonie und Internet-Zugang bieten.

Ist damit die Zeit des handyfreien Refugiums über den Wolken jetzt schon endgültig vorbei?
Estoppey: Das ist jedem selbst überlassen. Wenn er es nutzen muss oder will, ist er froh, wenn er so ein System hat - und natürlich kann er es ausschalten.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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