Spaeth fragt (68) ( Gastautor werden ) "Herr Bachmann, hatten es Piloten im offenen Cockpit besser?"

22.09.2016 - 11:11 0 Kommentare

Die einmotorige Junkers F13 von 1919 legte den Grundstein für die moderne Verkehrsluftfahrt. Jetzt fliegt sie wieder, als Nachbau. Wie das ist, wollte Andreas Spaeth vom Testpiloten Oliver Bachmann wissen.

Der schweizerische Flugversuchsingenieur und Testpilot Oliver Bachmann im Cockpit eines Nachbaus der Junkers F13. - © © Rimowa -

Der schweizerische Flugversuchsingenieur und Testpilot Oliver Bachmann im Cockpit eines Nachbaus der Junkers F13. © Rimowa

Spartanische Instrumentierung und ein offenes Cockpit – so sah der Arbeitsplatz eines Verkehrspiloten vor knapp hundert Jahren aus. Die Junkers F13 für vier Passagiere war das weltweit erste Ganzmetall-Verkehrsflugzeug und ein großer Erfolg. Fast 350 Exemplare wurden bis 1930 gebaut und in über 40 Länder verkauft. Jetzt fliegt die F13 wieder – als Nachbau. Sie soll auf Flugschauen gezeigt werden, für 2,5 Millionen US-Dollar (rund 2,24 Millionen Euro) kann man sich auch ein eigenes Exemplar bestellen. Der schweizerische Flugversuchsingenieur und Testpilot Oliver Bachmann (43) war beim Erstflug am 5. September und den nachfolgenden bisher neun weiteren Testflügen an Bord. Andreas Spaeth befragte ihn zu seinen Eindrücken in diesem Neubau eines historischen Verkehrsflugzeugs.

Herr Bachmann, hatten Verkehrspiloten es vor hundert Jahren im offenen Cockpit besser als heute?
Oliver Bachmann: Nein, das würde ich nicht sagen. Sie mussten vermutlich viel mehr technisches Wissen haben für die Bedienung des Motors und die Wartung, während heutige Airline-Piloten mehr Computer- und Elektronik-Kenntnisse benötigen. Aber es war auf jeden Fall eine andere Fliegerei damals. Piloten waren im Vergleich zu heute eher Abenteurer, sie konnten sich viel schlechter vorbereiten. Etwa beim Wetter, wo sie nie wussten, wie ist es am Zielort aussieht.

Was war es für ein Gefühl für Sie, jetzt zum ersten Mal die F13 zu fliegen?
Bachmann: Super, das macht man ja nicht alle Tage. Das ist vom Design her ein hundertjähriges Flugzeug, das ist ein sehr spezielles Gefühl. Das Cockpit hat nur sehr wenige Instrumente, da hätte ich gern noch einige mehr, um genauer und präziser fliegen zu können. Etwa ein Variometer, das mir die Steig- und Sinkrate anzeigt, oder ein GPS zur Positionsangabe, das fehlt alles, aber es passt eben nicht in so ein altes Flugzeug. Und es sind ja trotzdem Kompromisse eingegangen worden, etwa indem ein Funkgerät eingebaut wurde. Das ist heute genauso zwingend wie ein Transponder.

Warum ist das Cockpit der F13 überhaupt offen?
Bachmann: Das war die Philosophie früher, vermutlich um eine größere Verbindung der Piloten mit der Natur herzustellen. Sie konnten den Wind spüren und wussten daher, wie schnell sie etwa waren, auch wegen der Geräuschkulisse. Dieses Flugzeug wurde natürlich viel mehr nach Gefühl geflogen als nach Instrumenten. Denn man hatte ja kaum Instrumente, daher waren damals die Cockpits offen.

Und wie ist es, da vorn draußen zu sitzen?
Bachmann: Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, man hört die Geschwindigkeit, und man spürt sie in der F13. Das ist schon sehr ungewohnt, aber wir hatten bisher immer gutes Wetter, und daher war das kein schlechtes Gefühl. Ein bisschen wie Autofahren im Cabriolet. Für die Passagiere hinten ist es ein wenig wie Reisen in der Kutsche. Sie sitzen hinten drinnen mit großem Komfort, während die Piloten vorn draußen arbeiten. Die Kabine ist mit sehr schön gepolsterten Ledersitzen ausgestattet und sogar beheizbar – einen Luxus, den wir vorn im Cockpit nicht haben.

Wie haben Sie den Erstflug erlebt?
Bachmann: Das war schon sehr speziell. Es ist ein sehr altes Design, ein sehr altes Flugzeug, man hatte wenig Kenntnisse. Wir haben uns vorbereitet, in dem wir alte Berichte von damaligen Piloten gelesen haben, wir wollten ja nicht die gleichen Fehler machen, die vor hundert Jahren schon gemacht wurden. Das hat uns viel gebracht. Die große Überraschung war zu erleben, wie fliegt das Flugzeug wirklich, und das hat ganz gut funktioniert. Wir haben bereits auf neun Flügen fünf Flugstunden absolviert und hoffen, dass nach vielleicht 30 Stunden Mitte 2017 die Zertifizierung durch das schweizerische Bundesamt für Zivilluftfahrt beziehungsweise die EASA erfolgen kann.

© airliners.de, Lesen Sie auch: "Herr Bitterle, warum baut eine Kofferfirma die Junkers F13 von 1919 neu?"

Welchem Piloten würden Sie empfehlen, sich eine neue F13 zu bestellen?
Bachmann: Die F13 ist schon speziell – man muss Spaß an der Junkers-Konstruktion, der besonderen Form haben. Und sich bewusst sein, dass es ein langsames Flugzeug ist, man braucht ziemlich viel Erfahrung mit Spornrad-Flugzeugen.

Fast jeder kennt die "Tante" Ju-52, ist die F13 ihr nahe verwandt?
Bachmann: Absolut, die sind praktisch identisch. Gerade wegen der engen Synergien mit der Ju-Air in Dübendorf bei Zürich entsteht die F13 ja auch trotz ihres deutschen Investors in der Schweiz. Die Ju-52 ist natürlich schon einige Schritte weiter, aber die Grundkonstruktion ist genau gleich wie bei der F13. Und das sind einfach absolut zeitlose Designs.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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