Interview

"Große Airports wollen Verantwortung übernehmen"

02.07.2018 - 13:41 0 Kommentare

Erster Arbeitstag bei der ADV: Fraport-Chef Schulte ist nun Verbandspräsident. Im Gespräch mit airliners.de erklärt er, an welchen Stellen es an den deutschen Airports hakt und was in anderen Ländern besser läuft.

Stefan Schulte:

Stefan Schulte: "Die Aufsicht an den Kontrollen muss staatlich bleiben." © airliners.de /David Haße

Es ist das erste Interview von Fraport-Chef Stefan Schulte als Präsident des Flughafenverbands ADV. Er übernimmt die Führung des Verbands in einer heißen Phase: War der Sommer 2017 noch geprägt von der Air-Berlin-Pleite und die öffentliche Aufmerksam fiel den Airlines zu, geht es in diesem Jahr nicht nur um die Neuordnung der Kraftverhältnisse nach der Insolvenz, sondern die deutschen Airports bekommen auch schmerzlich vor Augen geführt, dass sie nicht mehr in allen Punkten "best in class" in Europa sind.

airliners.de: Herr Schulte, lange Schlangen an den Kontrollen in vor allem Berlin, Düsseldorf und Frankfurt. Woran krankt das deutsche Security-System?
Stefan Schulte: Wie üblich ist es meist eine Mischung von verschiedenen Themen, die auch nicht an jedem Standort gleich sind. Grundsätzlich gilt, dass der Aufbau der Sicherheitskontrollen wie auch der Ablauf des Kontrollprozesses heute an den deutschen Flughäfen nicht mehr dem Standard entspricht, der in Europa "best in class" üblich ist. Dadurch haben wir eine deutlich geringere Anzahl an Passagieren, die pro Stunde pro Kontrolllinie kontrolliert werden können, bei starken Verkehrszeiten mithin leider längere Wartezeiten für die Passagiere. Hinzu kommt das an einigen Standorten deutlich über den Prognosen liegende Passagierwachstum mit der Konsequenz, dass neues Sicherheitspersonal erst ausgebildet werden muss und damit manchmal Personal fehlt.

Zum Interviewpartner

Stefan Schulte ist seit 2009 Chef des Flughafenbetreibers Fraport und steht somit auch an der Spitze des Flughafens Frankfurt - mit zuletzt 64,4 Millionen Passagieren (2017) der größte Flughafen in Deutschland. Nach Bankenlehre und BWL-Studium kam er nach Stationen unter anderem bei der Deutschen Bank und Mannesmann Arcor 2003 zu Fraport. Zunächst verantwortete er als Finanzchef dort den kaufmännischen Bereich, die IT-Dienstleistungen und das Beteiligungsgeschäft. Daneben sitzt er im Aufsichtsrat der Deutschen Post und ist Mitglied im Präsidium des CDU-Wirtschaftsrats. Am 1. Juli 2018 übernahm er die Präsidentschaft der ADV von Münchens Airport-Chef Michael Kerkloh.

Was macht zum Beispiel Amsterdam anders als Frankfurt?
In Amsterdam wie auch an anderen Flughäfen im Ausland sind bereits leistungsfähigere Prozesse umgesetzt, die einen flexibleren Ablauf, also quasi Überholen ermöglichen, sodass die Dauer des Gesamtprozesses nicht von dem langsamsten Prozessschritt bestimmt wird. Hinzu kommt die Beauftragung der Dienstleister mit dem Sicherheitspersonal für die Durchführung der Kontrollen dergestalt, dass diese auch finanzielle Anreize für eine bessere Performance haben, also für kürzere Wartezeiten. Damit lassen sich die Kontrollprozesse deutlich effizient organisieren - selbstverständlich ohne Abstriche bei der Sicherheit.

Warum geht das in Deutschland nicht?
Die Verantwortung für die Organisation der Kontrollstellen, die eingesetzte Technik und die Beauftragung von Sicherheitsdienstleistern liegt beim Bund beziehungsweise dem Beschaffungsamt des Bundes. Die damit verbundenen behördlichen Prozesse wie die Genehmigung von Haushaltsmitteln für Investitionen oder die Ausschreibungen für neue Technik brauchen ihre Zeit. In Amsterdam ist der Flughafenbetreiber hierfür verantwortlich, natürlich in Koordination mit den zuständigen Behörden. Damit sind Verbesserungen im Prozessablauf oder Beschaffung neuer Technik wesentlich schneller umsetzbar. Die notwendigen Sicherheitsstandards und die Fachaufsicht muss allerdings immer staatlich bleiben.

Sie sind nicht nur ADV-Präsident, sondern auch selbst Chef eines Airports, an dem es an den Kontrollen hakt. Was muss sich aus Sicht der Flughäfen am System ändern?
Die Prozesse an den Sicherheitskontrollen der deutschen Flughäfen müssen effektiver, wirtschaftlich effizienter und passagierfreundlicher gestaltet werden. Dabei muss die Sicherheit immer höchste Priorität behalten. Gleichzeitig sind bei der Auswahl von privaten Dienstleistern in den Sicherheitskontrollprozessen mehr Anreize zu hochwertiger und servicefreundlicher Arbeit zu setzen. Das angenehme und komfortable Reisen des Passagiers muss auch an den Kontrollstellen gegeben sein.

In Düsseldorf hat der Airport zusammen mit Klüh, die die Personalkontrollen durchführen, ein Unternehmen gegründet, um Dienstleister Kötter bei den Passagierkontrollen unterstützen zu dürfen. Sind das Modelle, die Sie gut heißen?
Zur Lösung der dringenden Probleme sind an jedem Standort individuelle und manchmal kreative Lösungen erforderlich. Wenn der Flughafenbetreiber seine operative Expertise einbringen kann und bereit ist, sich wirtschaftlich zu engagieren, ist das sicher der richtige Weg.

Der Airport als Akteur ist die eine Seite, eine andere ist zweifelsohne auch die Bundesregierung: Was erhoffen Sie sich in dem Bereich von der Politik? Immerhin ist die Neuregelung der Kontrollen ja im Koalitionsvertrag festgeschrieben.
Ich begrüße es sehr, dass der Koalitionsvertrag dieses wichtige Thema beinhaltet. Eine Neuregelung der Luftsicherheitskontrollen durch die Politik ist dringend geboten. Entscheidend sind jetzt zeitnahe politische Entscheidungen. Die großen Flughafenstandorte sind bereit, Verantwortung vom Bund und der Bundespolizei zu übernehmen. Das beinhaltet auch die Auswahl und Steuerung der Dienstleister. Die Luftsicherheitskontrollen als Teil der Gefahrenabwehr sind eine hoheitliche Aufgabe und damit in staatlicher Verantwortung. Folglich sollte der Staat auch einen Teil der Luftsicherheitskosten tragen. Hierzu sind wir bereits in Gesprächen mit den politisch Verantwortlichen, aber die Zeit drängt. Wir brauchen schnelle Lösungen.

Zum Verband

Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen vertritt seit 1947 die Interessen von mittlerweile 22 Airports in Deutschland. Neben dem Austausch in Ausschüssen und Arbeitsgruppen, unterstützt der Verband auch die wissenschaftliche Forschungsvorhaben im Airport-Bereich. Als dritte Säule berät die ADV auch die nationalen und internationalen Behörden bei Gesetzesvorhaben.

Passagierzahlen der ADV-Airports
Fluggäste 2017
FRA 64409703
MUC 44546263
DUS 24624895
TXL 20455278
HAM 17592278
SXF 12856738
CGN 12372386
STR 10944096
HAJ 5855540
NUE 4174639
SCN 3182749
BRE 2535543
HHN 2358215
LEJ 2349612
DTM 2000695
NRN 1885005
DRS 1702572
FKB 1236605
FMO 959493
PAD 732612
FDH 514601
ERF 275748

Quelle: ADV

Schlagen wir den Bogen zu einem anderen Thema, das Airlines und somit eben auch die Flughäfen in letzter Zeit umtreibt: Die flugsicherungsbedingten Verspätungen nehmen deutlich zu. Was muss aus Sicht der Flughäfen dagegen getan werden?
Alle Beteiligten, ob Fluggesellschaften, Flugsicherungen oder auch die Flughäfen wollen, dass die Flüge so pünktlich wie möglich erfolgen. Luftverkehr ist aber ein sehr komplexes Gebilde über Ländergrenzen hinweg. Deswegen können wir an Maßnahmen zur Verbesserung der Pünktlichkeit nur gemeinsam arbeiten und genau das machen wir - jeder einzelne in seiner Verantwortung und wir alle gemeinsam. Dazu brauchen wir dann auch die Unterstützung der Politik in Deutschland und Europa, wenn Sie zum Beispiel an die Kapazitätsprobleme im Luftraum denken. Nicht vergessen sollten wir dabei, dass ein Großteil der Verspätungen auf zahlreiche Streiks der Fluglotsen in Frankreich, Griechenland und Spanien sowie langanhaltende schwierige Wetterlagen quer durch Europa zurückzuführen sind.

Ebenfalls seit Längerem auf der Agenda: das Fluglärmschutzgesetz. Bedarf es einer Novellierung der Fluglärmgrenzwerte?
Es gibt keinen Anlass für eine Änderung des Fluglärmschutzgesetzes. Weder gibt es neue wissenschaftliche Erkenntnisse der Lärmwirkungsforschung noch ein Regelungsdefizit für die Umsetzung der Schallschutzes. Tatsächlich hat sich die Neuregelung der Fluglärmgesetzgebung in der Praxis bewährt. Eine Absenkung der Lärmwerte halte ich für nicht erforderlich, ja sogar für kontraproduktiv. In den letzten Jahren haben wir große Erfolge beim aktiven Schallschutz erreicht. Flugzeuge werden immer leiser. Es ist das falsche Signal, diesen erfolgreichen Anstrengungen für mehr Lärmschutz mit einer Verschärfung der Lärmwerte und neuen finanziellen Verpflichtungen für die Luftverkehrswirtschaft zu begegnen.

Wie haben die Flughäfen die Air-Berlin-Pleite weggesteckt?
Grundsätzlich gut, auch wenn die Auswirkungen an einzelnen Standorten noch deutlich spürbar sind. Dennoch ist festzuhalten, dass die Angebotslücke durch den Air-Berlin-Marktaustritt im Verlaufe der Sommerflugplanperiode kompensiert ist. Viele frühere Air-Berlin-Strecken werden jetzt von anderen Airlines geflogen.

Haben wir nicht zu viele Airports in Deutschland?
Der Luftverkehrsstandort Deutschland gewinnt seine Stärke aus der sinnvollen Ergänzung von großen und kleinen Flughäfen, die natürlich jeweils ihren eigenen Markt erschließen und bedienen. Das historisch gewachsene polyzentrische Flughafensystem in Deutschland bildet die Grundlage für die luftverkehrliche Anbindung unserer starken Regionen. Die enge Verflechtung von internationalen und regionalen Flughäfen stärkt den Luftverkehrsstandort Deutschland.

Ist der Ausbau beispielsweise von Amsterdam, Istanbul oder Heathrow eine ernste Bedrohung für den Flughafenstandort Deutschland?
Der Ausbau von Flughafenkapazität an konkurrierenden Standorten zieht immer auch entsprechendes Luftverkehrswachstum nach sich und bindet Passagierströme an diesen Knoten. Deshalb ist es ja wichtig, dass auch Deutschland seine Flughafenkapazitäten der Nachfrageentwicklung anpasst und ausbaut. Erfolgt dies nicht, gerät der Luftverkehrsstandort Deutschland ins Hintertreffen, gerade auch angesichts des in den kommenden Jahren erwarteten Wachstums im Luftverkehr. Im Jahr 2017 nutzten mehr als 234,7 Millionen Passagiere das Angebot der deutschen Verkehrsflughäfen. Für 2030 sagen Prognosen einen Zuwachs auf über 300 Millionen Passagiere voraus. Wir brauchen leistungsfähige Flughäfen, die dieses Wachstum auffangen.

Was bedeutet die Marktdominanz der Lufthansa Gruppe für die Flughäfen?
Die deutschen Flughäfen haben ein Interesse an starken und gesunden Airlines, die sich dem Angebotswettbewerb stellen. Seien wir also Stolz darauf, dass wir in Deutschland so eine starke Heimat-Airline haben. Gleichzeitig gilt im Luftverkehr das gleiche wie in allen anderen Branchen: Der Wettbewerb sichert markt- und nachfragerechte Angebote, von denen die Passagiere profitieren. Auf dieser Grundlage können Flughäfen mit den Airlines ein möglichst umfassendes Verkehrsangebot für ihre Region entwickeln.

Wie könnte mehr Konkurrenz stimuliert werden? Bedarf es beispielsweise weiterer Verkehrsrechte für chinesische oder arabische Airlines?
Wir sehen bereits heute in Deutschland einen sehr intensiven Wettbewerb, sowohl zwischen Fluggesellschaften als auch zwischen Flughäfen. Dieser Wettbewerb sorgt für eine exzellente Anbindung Deutschlands in Europa und weltweit, was ein entscheidender Standortfaktor für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist. Derzeit ermöglichen etwa 300 Fluggesellschaften den Reisenden von deutschen Flughäfen im Direktflug circa 600 Flugziele in 111 Ländern. Deutschland profitiert von einer Vielzahl direkter interkontinentaler Verbindungen. Dort, wo bilateral nachfrageseitig ein Bedarf für zusätzliche Verkehrsrechte gegeben ist, sollte Deutschland die entsprechenden Luftverkehrsabkommen weiterentwickeln - immer aber unter der Voraussetzung fairer Wettbewerbsbedingungen.

Abschließend noch ein Blick nach Großbritannien: Ab März zwar noch ein Nachbar, aber kein politischer Partner mehr. Ist es noch zu früh, um die Auswirkungen des Brexits auf die deutschen Flughäfen abzuschätzen?
Hier ist es zuerst Aufgabe der europäischen Politik, die Austrittsverhandlungen mit Großbritannien mit der notwendigen Konsequenz erfolgreich zu Ende zu führen. Über 1000 Flüge pro Woche in diesem Sommer zwischen Deutschland und Großbritannien zeigen, welche hohe Bedeutung der Luftverkehr für die Verbindung beider Länder hat und wie wichtig frühzeitige, klare Regelungen für unsere Branche sind.

Herr Schulte, vielen Dank für das Gespräch.

Von: cs, dh
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