Spaethfolge (140) ( Gastautor werden )

Grönland, mon amour

03.07.2013 - 12:13 0 Kommentare

In der Mitte zwischen Europa und Amerika liegt die größte Insel der Welt, Grönland. Der eisige Mini-Kontinent hat mich schon oft begeistert: Aus dem Flugzeugfenster, am Boden, vom Schiff oder Hubschrauber aus. Eine Hommage.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Zehntausende Passagiere fliegen jeden Tag von Europa aus über den Nordatlantik. Fast alle von ihnen verpassen den absoluten Höhepunkt: Den Überflug Grönlands. Natürlich hüllt sich die größte Insel der Welt oft in Wolken. Und je nach Reiseziel in Amerika verlaufen viele Routen auch zu weit südlich. Wer nach New York oder Miami fliegt berührt Grönland selten oder fast nie. An die Westküste dagegen führt die Route immer über Grönland. Ein Blick auf die interaktive Karte der Flugroute verschafft Klarheit. Wenn die Route nördlich genug verläuft lohnt es sich immer, etwa vier Stunden nach dem Start in in Mitteleuropa mal einen Blick aus dem Fenster zu werfen anstatt auf das Bordunterhaltungsprogramm zu starren oder nach beendeter Mahlzeit tief zu schlummern.

Besonders Ostgrönland, also die Europa zugewandte Küste, bietet bei klarer Sicht absolut spektakuläre Natur. Ich habe es erst vergangene Woche wieder aufgesogen, auf dem Flug von London nach Seattle. Soweit ich sehen konnte, war ich im Oberdeck der 747 der einzige, der dieses Schauspiel genossen hat: Tiefe, auch Ende Juni noch zugefrorene Fjorde. Kalbende Gletscherabbrüche, riesige Eisberge, bizarr durch die kilometerdicke Eisdecke ragende Felsspitzen, Rennbahn-ähnliche Moränen an den Rändern herabfließender Gletscher. Ich presse jedes Mal wieder staunend meine Nase ans Fenster.

Grönland, das beinahe ein fast vollständig von ewigem Eis bedeckter Kontinent ist, aber nur so viele Einwohner hat wie Lüneburg oder Landshut, spielte für die Luftfahrt schon immer eine wichtige Rolle. Alle heutigen Flughäfen dort stammen aus dem zweiten Weltkrieg, wo die Kampfflieger und Transporter bei der Atlantiküberquerung auf einen Zwischenlandepunkt angewiesen waren. Vor allem aber ist Grönland selbst ohne Fliegerei nicht existenzfähig. Das habe ich bei Besuchen dort schon mehrfach erlebt.

Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es zum Beispiel einen derart dichtmaschigen Linienverkehr mit Hubschraubern. Ich bin mehrfach mit dem Sikorsky S61 über Gletscher und Fjorde geflogen, mit 25 Sitzen fast so groß wie ein kleines Verkehrsflugzeug. In den Sitztaschen der knatternden Ungetüme steckten neben den Sicherheitshinweisen immer auch Tipps für das Überleben in arktischer Wildnis. Leider sind die eindrucksvollen, aber völlig veralteten Rotor-Veteranen Ende 2012 endgültig ausgemustert worden. Hubschrauber-Linienverkehr ist unter den harten Wetter-Bedingungen in Grönland immer auch Glücksache, daher stammt der einheimische Spitzname für Air Greenland: Imaqaa Airways, was in der Inuit-Sprache soviel heißt wie „Vielleicht-Luftlinie“. Man weiß nie, ob sie wie geplant startet.

Ich bin auch auf mehreren abenteuerlichen Überführungsflügen vor Jahren zweimal in Grönland gelandet. Einmal brachten wir eine Dash 8-300 von Augsburg Airways zurück zum Hersteller nach Kanada und machten in Narsarsuaq an der Südspitze Station zum Auftanken. Das andere Mal war ich auf einem Ferry-Flug einer neuen Bombardier Q400 dabei, vom Werk in Toronto nach Augsburg. Das war im Februar. Der wichtigste grönländische Flughafen Kangerlussuaq (Söndre Strömfjord) an der Westküste empfing uns mit minus 37°C und grandiosen Nordlichtern. Ich habe diese Extremtouren extrem genossen.

Und noch ein Grönland-Trip ist mir in besonderer Erinnerung: Ein Rundflug mit Air Berlin von Düsseldorf zum Nordpol, was zunächst mehr der Symbolik Ehre macht als dem Naturerlebnis. Dann aber auf dem Rückweg vier Stunden lang im Tiefflug entlang der spektakulären, kaum bereisten und fast völlig unbewohnten Ostküste Grönlands zu fliegen war eines meiner schönsten Flugerlebnisse überhaupt. Das machte mich so neugierig, endlich auch den Osten am Boden sehen zu wollen, dass ich vor zwei Jahren eine Expeditions-Schiffsreise dorthin unternahm. Die Überfahrt von Island war schrecklich bei Windstärke 10 und extremen Wellen, aber strahlendem Sonnenschein. Und was konnte ich beim Kampf gegen die Seekrankheit am Himmel verfolgen? Ein Flugzeug nach dem anderen, auf dem Weg nach Amerika.

Also, bei der nächsten Amerika-Reise unbedingt dran denken: Zwischen dem Wegdösen nach dem Essen und den manchmal nervigen Zuständen bei der Einreise in die USA oder Kanada wartet vielleicht noch ein unerwarteter Höhepunkt. Es lohnt sich, am Fenster zu sitzen und beizeiten die Sichtblende mal hochzuschieben. Wen Grönland einmal gepackt hat, den lässt es so schnell nicht mehr los.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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