Jenny Jetstream (46) ( Gastautor werden )

Geräusche an Bord

28.10.2014 - 12:27 0 Kommentare

Ein Flugzeug ist ein eigenes Universum. Es herrschen andere Gesetze, Gepflogenheiten, Regeln und Geräusche als am Boden. Das ist normal und nicht besorgniserregend, führt aber manchmal zu Verwirrung und Unverständnis.

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. - © © Fotolia.com - Illustration: Zubada

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. © Fotolia.com /Illustration: Zubada

Der aufmerksame Fluggast wird eine Vielzahl an Geräuschen und Ansagen bemerken, die weder im Bus noch im Intercity eine Rolle spielen. So beginnt fast jede Reise, noch bevor der Kapitän oder der Purser die Gäste persönlich begrüßt haben, mit dem klassischen „Boarding completed“. Dies ist das Zeichen an die gesamte Crew, das alle Gäste an Bord sind.

Das Cockpit kann nun die Starterlaubnis beantragen, die Kabinenkollegen können gegebenenfalls Gäste umsetzen, sei es, weil sie keine zusammenhängenden Plätze bekommen haben oder am Notausgang vielleicht Passagiere sitzen, die uns im Notfall bei einer Evakuierung nicht unterstützen könnten. Gäste mit starkem Übergewicht, Gipsbein oder sonstigen körperlichen Beeinträchtigungen dürfen dort leider auch nicht sitzen.

Als nächstes hört man oft einen einfachen Klingelton. Dieses "Ping" verursacht der Pilot mit dem Einschalten der Anschnallzeichen, das Signal für den Purser, in etwa folgende Ansage zu machen: „Cabin Crew, all doors in armed and crosscheck“. Die Wortwahl ist von Airline zu Airline unterschiedlich, gemeint ist jedoch immer das Gleiche: Die Rutschen in den Türen werden zum Start scharf gestellt, damit sie sich bei einer Notöffnung aufblasen würden. Der "crosscheck" ist eine Aufforderung an alle Kollegen nicht nur die eigene, sondern auch die gegenüberliegende Tür zu kontrollieren – ein doppeltes Prüfverfahren, welches zusätzlich noch vom Purser durch Rückruf per Bordtelefon gecheckt wird.

Auch im Cockpit befindet sich eine Anzeige über den aktuellen Status der Türen. So wird verhindert, dass eine Rutsche versehentlich geschossen und damit unbeabsichtigter Schaden angerichtet wird. Dies kann zur großen Gefahr werden, wenn zum Beispiel jemand draußen auf der Treppe steht. Im extremsten Fall ist das Flugzeug nach einer versehentlich aktivierten Rutsche flugunfähig. Ab einem bestimmten Zeitpunkt vor Abflug muss allerdings gewährleistet sein, das alle Ausgänge im Notfall nutzbar sind.

Ominöse Klingeltöne – was bedeuten denn die?

Es gibt noch mehr ominöse Klingeltöne an Bord. Ein weiteres einfaches "Ping" ist zumeist der Rufknopf für die Stewardess: Wird gerne betätigt, wenn der Gast einen Wunsch hat, eigentlich den Lichtschalter sucht oder ein Kleinkind wissbegierig seinen Sitzplatz erforscht. (Dann auch gerne mal im Stakkato.)

Ein doppelter Klingelton, das klassische "Ding Dong", ist der Rufton des Interphones, der Bordeigenen Telefonanlage. Hier kann man von allen Türpositionen und aus dem Cockpit untereinander telefonieren oder Ansagen an die Gäste machen. Ein dreifacher absteigender Ton, "Ding Dong Dung", verlangt den Purser. Wird gerne von der Kabine benutzt, wenn es während des Service im hinteren Teil des Flugzeuges zu warm oder zu kalt ist oder wenn der Chef noch einen dringenden Kaffee bestellen will.

Einen dreifachen Ton derselben Tonlage, "Dong Dong Dong", hören wir gar nicht gern: er kündigt einen ausgelösten Rauchmelder in einem der Waschräume an. Zu 99,9 Prozent hat ein Gast dort heimlich geraucht – trotzdem sorgt dieser Ton jedes Mal für reichlich Adrenalin, besonders mitten über dem Atlantik. Es könnte ja auch ein Toilettenbrand sein und Feuer an Bord gilt es mit allen Mittel zu vermeiden! Da schaut schon so mancher Gast verwundert, wenn die Toilettentüre zügig von außen geöffnet wird, mindestens ein Flugbegleiter mit Atemschutz und Feuerlöscher im Anschlag davor steht und wahrscheinlich wenig amüsiert sein wird, nur weil jemand seiner Nikotinsucht erlegen ist.

Jaulende Hunde im Frachtraum

Neben der ganzen Bimmelei gibt es noch zahlreiche andere Geräusche, die spezifisch für ein Flugzeug sind. Schon vor dem Start kann man zum Beispiel jaulende Hunde im Frachtraum hören. Auch wenn man ab und zu mal wirklich wild kläffende Hunde aus dem Cargo hören kann – dieses Gejaule ist wenig animalisch, sondern wird durch die hydraulisch schließenden Frachttüren verursacht.

Der Krach der Triebwerke beim Beschleunigen und das Rumpeln des einfahrenden Fahrwerkes sind den meisten Gästen vertraut. Etwas merkwürdig hören sich die knarrenden Bewegungen der Klappen und Vorflügel an, die nach dem Start mit zunehmender Geschwindigkeit langsam in ihre Ausgangsposition zurückgefahren werden, da nicht mehr so viel Auftrieb benötigt wird. Richtig leise wird es in der Kabine erst im Reiseflug, dann brummen im Idealfall nur noch monoton die Triebwerke.

Im beginnenden Landeanflug wird diese Monotonie dann wieder gestört durch Schnarren und vermehrtes Rauschen – die Klappen werden wieder schrittweise ausgefahren, um den Auftrieb bei geringerer Geschwindigkeit konstant zu halten und um im Endanflug den Luftwiderstand zu verstärken. Bei flugängstlichen Gästen führt das schon einmal zu Irritationen, aber das hat alles so seine Ordnung. Vielleicht beim nächsten Flug einfach mal einen Platz hinter der Tragfläche buchen, dort kann man die Geräusche der beweglichen Tragflächenteile und dem daraus resultierenden Bewegungen an Bord wunderbar beobachten.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist das veränderte, laute Rauschen im Reiseflug, wo man es doch eigentlich nicht erwartet. Dies deutet zumeist auf eine Änderung der Reiseflughöhe hin, in manchen Fliegern fühlt es sich an wie Fahrstuhl fahren, gerade, wenn man in der Kabine steht: Fühle ich mich ganz schwer, steigt der Flieger, fühle ich mich Elfenleicht, sinkt er.

Die Triebwerke stampfen wie bei einem Dampfer

Die urigsten Geräusche macht so ein Flugzeug allerdings, wenn es bei Turbulenzen richtig zur Sache geht. Die Triebwerke schnurren nicht mehr rund, sondern stampfen bockig wie bei einem Dampfer, bedingt durch die veränderten Geschwindigkeiten und den sich schnell verändernden Luftwiderstand. Die Kabineninnenverkleidung quietscht und knarzt, aber auch das ist normal. Sie muss genauso elastisch und beweglich sein, wie zum Beispiel die Tragflächen auch von ihrer Flexibilität leben. Alles was starr ist, könnte unter Belastung brechen. Alles was beweglich ist, schwingt mit.

Mein Lieblingsgeräusch ist das laute Herausrumpeln des Fahrwerkes. Sitzt man direkt über dem Fahrwerksschacht, kann es sich schon mal so anhören, als wenn sich der Boden unter einem auftut. Tut er ja auch – wenigstens zum Teil, zwischen Kabinenboden und Himmel ist dann nicht mehr viel. Für uns ist der Feierabend dann in greifbarer Nähe, auch wenn es sich vielleicht nur um ein Etappenziel handelt.

Zum Schluss hört man aus dem Cockpit: „Parking position“ – spätestens jetzt stehen alle Gäste gleichzeitig auf und kramen in den Gepäckfächern herum. Für mich ist es das Zeichen für meine letzte Ansage des Fluges: „Cabin crew – all doors in disarm and crosscheck“. Nun werden die Rutschen wieder deaktiviert und damit ist eine normale Türöffnung wieder gefahrlos möglich.

Das allerletzte „Geräusch“ ist dann ein freundliches „Auf Wiedersehen“ des Flugbegleiters. Wenn euch auf eurem nächsten Flug etwas merkwürdig vorkommt, sprecht doch einfach mal die Flugbegleitung darauf an. Für die meisten Rätsel gibt es ganz simple Erklärungen.

Allzeit happy landings
wünscht euch,
Jenny Jetstream

Über die Autorin

Jede Woche veröffentlicht die Flugbegleiterin, Autorin und Illustratorin Kathrin Leineweber auf airliners.de eine neue Geschichte aus dem Leben der Stewardess Jenny Jetstream in Kolumnenform. Alle "Jenny Jetstream"-Folgen lesen.

Kathrin Leineweber Kathrin Leineweber begleitet als Purser Passagiere einer großen deutschen Airline rund um den Globus und hat über Ihren Beruf mehrere Bücher veröffentlicht. Zudem schreibt und illustriert sie Kinderbücher.

Von: Kathrin Leineweber für airliners.de
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