Hintergrund

Falsches Ziel, falsches Band oder falsches Flugzeug

11.08.2017 - 09:21 0 Kommentare

Wenn Gepäck verloren geht, ist der Frust beim Passagier groß. Air Berlin steht wegen einer Häufung der Fälle zurzeit am Pranger. Auch andere Unternehmen sind betroffen. Die Beförderung ist störanfällig, dafür gibt es einige Gründe.

Gepäckverladung am Flughafen Hamburg. - © © Flughafen Hamburg -

Gepäckverladung am Flughafen Hamburg. © Flughafen Hamburg

Die Enttäuschung bei Alexander Peiniger (33) ist groß. Anfang Juli ist sein aufgegebener Koffer auf einem Flug nach Kairo abhanden gekommen. Bei einem Zwischenstopp in Wien hatte die Fluggesellschaft Austrian Airlines das Gepäckstück nicht mehr mitgenommen - angeblich war die Maschine überladen, erzählt Peiniger.

Der Koffer kam schließlich vier Tage später in Kairo an - da hatte der Geschäftsführer einer auf Social-Media-Analysen spezialisierten Firma just seinen Heimflug angetreten. "Für mich ist das ein Systemversagen auf voller Linie", sagt Peiniger. Seither wartet er auf sein Gepäck. Ob er den Koffer jemals wiederbekommt, vermag er nicht zu sagen. "Mittlerweile habe ich die Hoffnung schon ein bisschen aufgegeben."

Er ist nicht der einzige, dessen Gepäck jüngst auf einem Flug verloren ging. Mitte Juli kam Moderator Frank Elstner nach einem Inlandsflug von Air Berlin vom Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden ohne Koffer in Berlin-Tegel an. Er schrieb auf Twitter:

Im weltweiten Vergleich kommt es in Europa besonders häufig zu Gepäckverlusten, wie eine Studie des Lufttransport-IT-Unternehmens Sita zeigt: Waren es 2015 noch 7,8 verlorene Koffer pro 1000 Passagiere, kletterte die Zahl abhanden gekommener Gepäckstücke im vergangenen Jahr auf 8,1. Wesentlich besser sieht es in Nordamerika (2,7 Koffer) und in Asien (1,8 Koffer) aus.

"Der höhere Wert in Europa liegt vor allem an den vielen Umstiegen an den Drehkreuzen", sagt Sita-Manager Peter Drummond. Ein weiterer Grund seien die vielen Terminals, die im Vergleich zu Asien über keine modernen Gepäcksysteme verfügen. Zugleich betont er aber, vor zehn Jahren verschwanden noch doppelt so viele Koffer: 2007 wurden 16,6 verlorene Koffer auf 1000 Fluggäste gezählt. Länderspezifische Zahlen kann Sita nicht vorlegen.

Wer trägt die Schuld am verlorenen Gepäck?

Dem Luftverkehrsexperten Heinrich Grossbongardt zufolge finden 47 Prozent aller Gepäckverluste an Drehkreuz-Flughäfen statt - etwa dann, wenn das Terminal gewechselt werden muss. Doch verlorenes oder verspätetes Gepäck kann viele Gründe haben. Beim Check-in kann beispielsweise das falsche Ziel angegeben werden. Auf dem kilometerlangen Gepäcktransport können aufgegebene Reiseutensilien dann auf ein falsches Band, in einen anderen Transportwagen oder gar in ein komplett anderes Flugzeug geladen werden.

Doch wer trägt die Schuld am verlorenem Gepäck? Austrian Airlines, Lufthansa und Air Berlin verweisen bei der Beantwortung von Fragen auf positive Zahlen bei der Gepäckzustellung. Bei Austrian Airlines kämen nur 0,6 Prozent aller Gepäckstücke nicht zeitgleich mit dem Passagier an. Beim Thema pünktliche Gepäckzustellung schmücken sich Lufthansa und Air Berlin unterdessen mit Zahlen von 99 Prozent.

© dpa, Roland Weihrauch Lesen Sie auch: Auf diese Koffer setzen die Passagiere

Die Zahlen von Air Berlin sind allerdings aus dem Jahr 2016. In den vergangenen Monaten aber macht die Fluggesellschaft vor allem am Flughafen Berlin-Tegel regelmäßig Negativ-Schlagzeilen. Der Wechsel des Bodenpersonals führte zu massiven Problemen bei der Gepäckzustellung. Die fehlerhaften Abfertigungen hatten verspätete Abflüge, Ausfälle und lange Warteschlangen am Gepäckband zur Folge.

Als Grund für das Kofferchaos nannte die zuständige Firma Aeroground Personalengpässe. Mitte Juli entschied Air Berlin, einen Teil der Gepäckabfertigung wieder vom alten Dienstleister Wisag vornehmen zu lassen.

Laut Verdi sind Airlines verantwortlich

Liegt das Problem also dort? Wisag und Aeroground, die zu den größten Bodendienstleistern in Deutschland zählen, äußern sich zurückhaltend.

Aufgrund der Themenkomplexität sei eine pauschale Antwort nicht möglich, so eine Wisag-Sprecherin. Auch bei Aeroground, einer Tochtergesellschaft des Münchener Flughafens, verweist eine Sprecherin lediglich auf unterschiedliche Gründe. Dazu zählten Flugverspätungen, technische Probleme bei der Gepäckförderanlage oder eben auch Schwierigkeiten bei der Bodenabfertigung. Trägt das Bodenpersonal also doch eine Mitschuld am Kofferverlust?

Schlichtungsstelle zählt mehr Gepäckbeschwerden

Rund zehn Prozent mehr Gepäckbeschwerden hat die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP) nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr verzeichnet. Insgesamt gingen bei der SÖP 2016 rund 10.600 Beschwerden zu Flügen ein, neun Prozent davon betrafen Gepäckprobleme. Die Zahlen wurden erst kürzlich veröffentlicht.

Diese Koffer liegen auf einem Förderband am Stuttgarter Flughafen. Foto: © dpa, Silas Stein

Die Gewerkschaft Verdi, die die Arbeiter am Boden vertritt, sieht dagegen die Fluggesellschaften in der Verantwortung: "Seit der Markteröffnung durch die EU-Kommission drücken die Airlines permanent die Preise weiter nach unten", kritisiert die Tarifsekretärin für Luftverkehr beim Verdi-Bundesvorstand, Katharina Wesenick. Der Preisverfall habe innerhalb der vergangenen fünf bis zehn Jahre bei bis zu 30 Prozent gelegen. Das habe zur Folge, dass Arbeiter fehlen oder unzureichend qualifiziert sind.

Für Oliver Buttler von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg ist die Sache klar: "Für den Verbraucher ist die Airline der Vertragspartner und somit ist diese hier auch in die Pflicht zu nehmen." Dem Leiter der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP) in Berlin, Edgar Isermann, zufolge sind Bodendienstleister oder Flughäfen im rechtlichen Sinn nur "Erfüllungsgehilfen im Rahmen des Beförderungsvertrags".

Weil Kunden die Airlines für den Verlust verantwortlich machen, sieht Grossbongardt ein Gefahrenpotenzial für die Branche: "Die Fluggesellschaften riskieren auf Dauer einen Imageschaden - sie tragen am Ende auch die Kosten". Ihm zufolge kostet verlorenes Gepäck die Airlines weltweit jährlich insgesamt rund drei Milliarden Dollar.

Diese Rechte haben Fluggäste bei Gepäckverlust

Beim Verlust von Gepäck gibt es Regeln, die Reisende einhalten sollten. Zunächst sollten sie den Schaden unverzüglich bei der nächsten Gepäckvermittlung am Flughafen und der Airline melden. Dafür haben Fluggäste sieben Tage Zeit. An den sogenannten Lost&Found-Schaltern werden die Fälle mit einer Schadenmeldungsnummer protokolliert. Bereits vor dem Abflug sollte der Kofferinhalt etwa per Smartphonefoto oder durch einen Zeugen dokumentiert werden, um die Schadenssumme nachweisen zu können.

Nach der Schadensmeldung können Fluggäste einen Noteinkauf tätigen. Betroffene sollten aber verhältnismäßig einkaufen: Nur notwendige Artikel werden erstattet. Dazu zählen Drogerieartikel oder Gebrauchsgegenstände, die beleg- und nachvollziehbar für Airlines sein müssen. Auf Grundlage des Montrealer Übereinkommens können Fluggesellschaften verspätete oder verlorene Koffer mit einem maximalen Betrag von rund 1350 Euro pro Passagier erstatten. Die Erstattungshöhe wird anhand der Nutzungsdauer der Gegenstände berechnet.

Foto: © dpa, Boris Roessler

Grundsätzlich gilt ein Gepäckstück als verloren, wenn es nach 21 Tagen noch nicht aufgetaucht ist. Pauschalreisende haben zusätzlich einen Anspruch auf Preisminderung. Laut dem Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt ist ab drei Tagen ohne Koffer eine Reduktion um 25 Prozent möglich, für den ganzen Urlaub um 50 Prozent.

Von: Khang Nguyen, dpa, ch
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