Spaethfolge (108) Gebt uns den Papier-Flugplan zurück

14.11.2012 - 09:00 0 Kommentare

Gedruckte Flugpläne sind eine aussterbende Spezies, nur noch wenige Airlines geben die Heftchen aus Papier heraus. Ich vermisse vor allem den gelben Lufthansa-Flugplan. Jetzt kommt er wieder, zumindest ein bisschen.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Das war eine Überraschung, ganz am hintersten Ende der Lufthansa-Website: „Der ‚Gelbe’ ist wieder da“, lautet die freudige Nachricht, die ich jetzt völlig unerwartet entdeckte (lufthansa.com/de/de/Flugplan-zum-Download). Denn er ist immer noch da, der Phantomschmerz seit dem unerwarteten Verschwinden eines treuen Freundes.

Seit dem 28. März 2010 hatte es, ebenso ohne Ankündigung, keinen Tag mehr mit einem gültigen, gedruckten Lufthansa-Flugplan gegeben. 55 Jahre hatte er als schnelle, unkomplizierte Planungshilfe gedient und war gleichzeitig ein hervorragendes Sammlerstück und Abbild der Luftfahrtgeschichte.

Schon als Kind in den frühen siebziger Jahren war ich von ihm fasziniert gewesen, hatte ihn aber leider nicht aufgehoben. Mein laufender Sammlungs-Meter beginnt so erst am 31. Oktober 1993. Und endet eben abrupt im März vor zweieinhalb Jahren. Ein Deckblatt in optimistischem Kranich-Gelb, ein Heft etwa von der Grundfläche eines Ziegelsteins, mit 70 Gramm aber viel leichter. Zuletzt 384 engbedruckte gelbe Seiten mit endlosen Reihen von Zahlen und Buchstaben in zweispaltiger Anordnung, das war er.

Flüge von und zu Städten, von denen man noch nie gehört hat und wo man auch nicht glaubt jemals hinfliegen zu müssen: Appleton, Asturias, Dalian, Elmira-Corning, Gaziantep, Springfield oder Tampico zum Beispiel. Vorn und hinten weiße Blätter mit bunten Weltkarten, Flughafen-Terminalplänen, Zeitzonen-Übersichten und Kabinenplänen. Einmal geblättert, und schon stellte sich zuverlässig Instant-Fernweh ein.

Vier Ausgaben waren im Laufe eines Kalenderjahres nötig. 1991 lag die Gesamtauflage der damals insgesamt 50 verschiedenen gedruckten Fassungen noch bei knapp drei Millionen Exemplaren. Die Hauptausgabe allein kam auf stolze 1,56 Millionen. Auch bis 2005, trotz Internet, betrug sie immer noch weit über eine Million. Zuletzt wurden nur noch etwa 500.000 Exemplare erreicht. Immer mehr ständig aktualisierte Apps und Downloads haben den Klassiker gekillt.

Aber bei allem Respekt vor dem Fortschritt der Informations- und IT-Gesellschaft: Apps und Online-Flugpläne sind öde und seelenlos. Außerdem dauert es fast immer länger, mal eben etwas nachzuschauen. Und man hat nie das gesamte Angebot einer Airline auf einen Blick, muss immer mühsam bestimmte Daten und Verbindungen abfragen.

Das ist nun plötzlich wohl auch der Lufthansa aufgegangen, denn auf einmal führt sie ihren „Gelben“ durch die Hintertür wieder ein. Eine abgespeckte Version von 80 Seiten zwar, der nur Direktflüge, keine Umsteigeverbindungen ausweist, lässt sich nun als Pdf downloaden. Immerhin.

Aber schon das Deckblatt macht stutzig: Laut Aufdruck innen und außen gilt der derzeit angebotene Flugplan vom „29 Oct 12 – 27 Oct 12“. Hä? Hinten finden sich auch wie früher auf Papier die Kabinenpläne – allerdings mit einer nicht existenten „747-800“ oder dem gerade ausgemusterten Avro RJ85. Dafür ist auch ein einziger Flug von Elmira/Corning verzeichnet, eine Dash 8 von US Airways, die auch unter LH-Flugnummer nach Philadelphia fliegt. Das wiederum kann mein anderer Tröster nicht bieten: Ich habe nämlich herausgefunden, dass Lufthansa für ihre Besatzungen auch nicht auf digitale oder Online-Flugpläne vertraut, schließlich stehen den Flugbegleitern bis heute an Bord nicht etwa wie bei British Airways iPads zur Verfügung.

Daher gibt es eine Art gedruckte Flugplan-Geheimausgabe beim Kranich, auf der dick „Crew only“ steht. Obwohl in einem anderen Format und ohne gelbes Deckblatt, listet er im traditionellen Schrifttyp alle Verbindungen auf, auch mit Umsteigen. Zusammen mit der etwas holprigen Download-Ausgabe bin ich jetzt fast wieder so gut ausgerüstet wie früher.

Aber leider nicht dauerhaft, denn noch einen „Crew only“-Flugplan auf Papier werde ich nicht bekommen, „weil es sich um ein internes Arbeitsmittel handelt“, wie mir mitgeteilt wurde. Vielleicht spenden mir ja mitfühlende Lufthanseaten nach Ablauf der Gültigkeit ihren für mein Archiv, statt ihn ins Altpapier zu stopfen.

Denn wie ich für die nächsten Jahrzehnte ein Pdf-Dokument sicher erhalten kann, weiß ich noch nicht. Das wäre wichtig, vor allem wenn sich noch andere Airlines entschließen, dem Beispiel der Lufthansa zu folgen und einen Gesamtflugplan wenigstens zum Download anzubieten. Vorbildlich ist da derzeit nur Emirates, denn die publizieren weiterhin ein Heft aus Papier und einen vollständigen, identischen Download. Es gibt also noch Hoffnung.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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