Schiene, Straße, Luft (6) ( Gastautor werden )

Freiheit auf dem Mittelsitz

21.07.2017 - 08:01 0 Kommentare

Ein großer Teil unserer Freiheiten hängt mit Mobilität zusammen. Wir sollten sie schützen und sie genießen - in der Luft wie auf der Straße, meint Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

Völkerrechtlich ist der Luftraum freier als alle anderen Bewegungsräume. - © © AirTeamImages.com - Danijel Jovanovic

Völkerrechtlich ist der Luftraum freier als alle anderen Bewegungsräume. © AirTeamImages.com /Danijel Jovanovic

Nicht zuletzt wegen des Reinhard-Mey-Lieds "Über den Wolken muss die Freiheit grenzenlos sein" wird Fliegen gern mit Freiheit gleichgesetzt. Ein ähnlicher Mythos umweht das Autofahren, wie unzählige Road-Movies und Songs belegen. Wobei es erst einmal eher um das Gefühl von Freiheit geht, als vielmehr um wirkliche Befreiung von Zwängen.

Der Flugpassagier hat andere Freiheiten. Schließlich wird niemand behaupten, eine Reise auf dem Mittelsitz einer Ryanair-Maschine habe etwas mit (Bewegungs-)Freiheit zu tun - wie auch das Verweilen in kilometerlangen Autobahnstaus. Dennoch fühlen sich viele befreit, die dort sitzen: Denn sie fliegen oder fahren in den Urlaub. Und sie können sich ihr Urlaubsziel aussuchen, bislang noch weitgehend frei von politischen Einschränkungen.

Dabei ist die Freiheit beim Autofahren noch ein bisschen größer, denn der Freiheitssuchende kann spontan agieren. Wir können packen, volltanken und losfahren und uns erst an der nächsten Ampel entscheiden, ob wir an die Ostsee, in die Alpen oder in die schottischen Highlands wollen. Dabei sind wir auch noch nicht frei im Sinne des Mythos, denn der Verkehr in der Innenstadt von München oder zwischen Köln und Dortmund ist ja hochreguliert.

Bewegungsrichtung häufig variabel

Aber in weniger dicht besiedelten Gebieten können wir uns oft genug Bewegungsrichtung und - soweit wir in der Bundesrepublik Deutschland oder im US-Staat Montana unterwegs sind - Geschwindigkeit aussuchen, je nach dem, was unser Fahrzeug hergibt. Abgesehen von wenigen sehr Privilegierten, kann all das der Flugpassagier nicht.

Aber völkerrechtlich ist der Luftraum freier als alle anderen Bewegungsräume. Die ICAO zählt neun "Freiheiten der Luft" auf, die für das Menschenrecht der Freizügigkeit äußerst wichtig sind. Einschlägige Abkommen und Verträge der Staatengemeinschaft sorgen dafür, dass wir auf der Reise nach Australien für keines der zahlreichen überflogenen Länder ein Visum brauchen. (Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass wir aber für das Zielland eins benötigen.) Ohne die ICAO hätten wir deutlich weniger Freiheiten bei unseren Geschäftsbeziehungen und Urlaubsplänen.

© Sabine Rasch, Illustration: airliners.de Lesen Sie auch: Die neun Freiheiten im Luftverkehr Basiswissen Luftverkehr (1)

Was wir als Flugpassagier oder als Linienpilot nicht können: die scheinbare Freiheit in der Luft ausnutzen und spontan fliegen, wohin wir wollen. Die Geschwindigkeit ist beim Fliegen zwar hoch, aber immer mehr oder weniger gleich hoch und voll durchreguliert. Anders beim Auto. Wenn "da vorne" Dauerregen droht und "hier" noch die Sonne scheint, hindert uns kein Gesetz und kein Automat dieser Welt, an der nächsten Abfahrt die Autobahn zu verlassen und schnell einen Kaffee im Freien zu trinken.

So schnell, wie es unser Auto zulässt

Auch wenn die Statistik Gegenteiliges auszusagen scheint: Es gibt in Deutschland eine Menge Autobahnstrecken, auf denen noch kein Tempolimit herrscht. Auf ihnen haben wir also - geringes Verkehrsaufkommen und gutes Wetter vorausgesetzt - die Freiheit, so schnell zu fahren, wie wir wollen beziehungsweise es unser Auto hergibt.

Ist das wirklich eine Freiheit? Die technologische Entwicklung stellt sie derzeit indirekt infrage. "Autonomes Fahren", lautet ein Zauberwort, das immer wieder und meist positive Schlagzeilen macht. Die Rede ist dann von anderen Tätigkeiten, denen man sich beim Autofahren widmen könnte - wie die Landschaft genießen, essen, telefonieren, mal wieder mit der Familie auf den anderen Sitzen reden und so weiter.

Die Perspektive dahinter: Das Tempolimit braucht gar nicht mehr eingeführt zu werden, denn autonome Autos fahren aus Sicherheitsgründen höchstens so schnell, wie es der digital beobachtete Verkehr sowie der Straßenzustand und das Wetter zulassen. Und ob dieses "so schnell" jemals ein Tempo von 200 Stundenkilometern oder noch mehr sein wird, darf bezweifelt werden. Kommt dazu der Durchbruch für Elektroautos, so fällt auch noch die Spontaneität weg. Denn "voll laden" dauert deutlich länger als "volltanken", selbst wenn die Reichweite des Fahrzeugs mehrere Hundert Kilometer beträgt.

Freiheit versus Sicherheit

Jetzt werden viele sagen: Das Flugzeug ist eben deshalb auch eines der sichersten Fortbewegungsmittel, weil es so hoch reguliert ist. Gleiches gilt für die Bahn, die zumindest im Fernverkehr mehr Bewegungsfreiheit bietet als alle anderen Verkehrsmittel. Aber das ist der typische Zielkonflikt zwischen Freiheit und Sicherheit, den wir im Rechtsstaat aushalten müssen.

Wird zur Freiheitsseite hin ausgereizt, so gilt die Liedzeile des alten Freiheitskämpfers Kris Kristofferson (der ist auch schon 81!): "Freedom is just another word for nothing left to lose", mit dem sich Janis Joplin unsterblich gesungen hat.

Gewissermaßen als Gegenleistung hält das Digitalzeitalter aber neue Freiheiten bereit: Die Möglichkeit zum Beispiel, auf ein renditefressendes, eigenes Auto verzichten zu können und damit für die Zeit des Nichtbenutzens entlastet zu sein von Parkplatzproblemen, Steuer- und Versicherungszahlungen. Die Freiheit, sich jederzeit mithilfe einer App ein Auto an einen beliebigen Platz "kommen zu lassen" - jedenfalls in größeren Städten. Die Freiheit, mit der Drohne - also ohne Pilot - in die oberen Etagen der Wolkenkratzer geflogen zu werden. Das wird in Dubai gerade ausprobiert.

Spontaneität scheitert häufiger, ist aber immer noch machbar, falls wir unsere Wahlmöglichkeiten den Angeboten anpassen. Zurzeit dürfte es beispielsweise möglich sein, spontan in die Türkei zu reisen und dabei noch nicht einmal viel Geld auszugeben. Aber da stellt sich schon wieder eine andere Freiheitsfrage …

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de
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