Flughafenverband warnt nach Brüssel-Attentat vor blindem Aktionismus

22.03.2016 - 16:37 0 Kommentare

Terror im Luftverkehr richtete sich bislang meist gegen Fluggesellschaften. Mit den Anschlägen von Brüssel rücken die Flughäfen ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die warnen jetzt vor Aktionismus.

Ralph Beisel, ADV-Hauptgeschäftsführer - © © EUROFORUM - Stefanie Hergenröder

Ralph Beisel, ADV-Hauptgeschäftsführer © EUROFORUM /Stefanie Hergenröder

Die Anschläge von Brüssel werfen erneut Fragen zur Sicherheit im Luftverkehr und speziell an den Flughäfen auf. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurden die Kontrollen von Passagieren und Gepäck zwar enorm verschärft, sie richteten sich aber meist auf den Schutz des Flugbetriebs. Die Terroristen von Brüssel haben vor den Sicherheitsschleusen zugeschlagen und in der mit vielen Menschen gefüllten Terminalhalle ihre Sprengsätze gezündet.

Der deutsche Flughafenverband ADV warnt bereits vor Schnellschüssen. Die Landseite der Flughäfen gehöre - wie auch Bahnhöfe oder U-Bahn-Stationen - zur sicherheitskritischen Infrastruktur und lasse sich ähnlich schwer schützen, sagt Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel und weist Forderungen nach Terminal-Zugangskntrollen zurück: "Geholfen wäre damit niemanden." Das Gefahrenpotential würde sich nur vor die Terminals verschieben.

Die Terminals an Flughäfen sind sogenannte "öffentliche Bereiche", die jeder Reisende, Mitarbeiter, Freunde und Angehörige von Fluggästen, Luftfahrtinteressierte ohne Kontrolle betreten darf. Etwa 70 Millionen Passagiere (Einsteiger abzüglich von Umsteigern) werden derzeit jährlich an den dahinterliegenden Luftsicherheitskontrollen kontrolliert. 180.000 Mitarbeiter sind an den Flughäfen beschäftigt. Zusätzlich sind Millionen von Bürgern (Meeteres & Greeters) Gäste in den Terminals. Hinzu kommen täglich tausende Warenlieferungen.

Eine Vorverlagerung der Sicherheitskontrollen hält Beisel zudem für technisch und baulich unmöglich, weil bei den meisten Flughäfen schon allein der erforderliche Raum dafür fehle. Zudem wären bestehende Rettungskonzepte, Brandschutzbestimmungen - möglicherweise auch die Planfeststellung von Flughäfen - davon beeinträchtigt.

Täter konzentrieren sich auf "weiche Ziele"

"Vor zu allem entschlossenen Einzeltätern kann man sich nicht schützen", ist sich auch der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt überzeugt. Terminalgebäude gehören für ihn zum öffentlichen Raum wie Bahnhöfe oder Einkaufszentren, den man sicherheitstechnisch nicht vollständig abriegeln könne. Und selbst wenn dies am Flughafen gelinge, sei damit das Problem nicht gelöst: Die Terroristen konzentrieren sich nach seiner Einschätzung auf "weichere" Ziele, wenn symbolträchtige Orte streng geschützt werden. Das habe man bereits bei den Anschlägen von Paris beobachten können, als die Terroristen nicht zum Eiffelturm oder ins Stadion de France kamen.

Im Flugbetrieb hat sich die Sicherheitssituation seit den Al-Kaida-Anschlägen von New York und Washington zumindest in Europa, den USA und einigen anderen Staaten enorm verbessert, stellt der Luftverkehrsberater Gerald Wissel fest. Und weiter:

Man weiß zwar nicht genau, was verhindert worden ist. Aber ich gehe schon davon aus, dass die Maßnahmen eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Täter haben.

Luftverkehrsberater Gerald Wissel

Trotz der für viele Passagiere nervigen Personenkontrollen sieht der Experte aber durchaus noch Lücken im System, etwa bei der Kontrolle der Fracht oder der Infrastruktur zur Bordverpflegung.

Die Erfolge beim Schutz des Luftverkehrs können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Polizei im öffentlich zugänglichen Raum der Flughäfen weiterhin vor allem auf ihre Beobachtungsgabe angewiesen ist. Das geschieht ganz klassisch über Streifen, aber natürlich auch über Video-Überwachung. Hier kommen Techniken des "Social Profiling" zum Zuge, also der Versuch, auch mit Hilfe von Computerprogrammen und guter Beobachtungsgabe verhaltensauffällige Menschen aus der Masse der Besucher herauszufiltern.

Komplette Einlasskontrollen sind bisher schwer vorstellbar

Der in den USA tätige Sicherheitsexperte Rafi Sela aus Israel hält diesen Ansatz für vielversprechend. 80 Prozent der Leute könnten mit technischen Hilfsmitteln zuverlässig als harmlos erkannt werden, erklärte er in einem Interview im vergangenen Jahr nach dem Bombenanschlag auf ein russisches Passagierflugzeug im Sinai. Weitere zehn Prozent könnten mit ein paar Fragen abgeklärt werden, wie das am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv bereits geschehe. Ein Terrorist könne sein Verhalten nicht verstecken.

Sollten "nach Brüssel" die für den Flugbetrieb verschärften Kontrollen nach vorne verschoben werden? Wissel glaubt, dass die Entwicklung in diese Richtung gehen wird. Damit sei allerdings eine Vielzahl von Problemen verbunden, die vom fehlenden Platz bis zur völlig ungeklärten Finanzierung reichten. Allein am Frankfurter Flughafen sind täglich im Schnitt 170.000 Passagiere, 80.000 Mitarbeiter und eine ungezählte Schar von Besuchern unterwegs. Komplette Einlasskontrollen scheinen bisher schwer vorstellbar.

© dpa, Paul Zinken Lesen Sie auch: Verschärfte Kontrollen an deutschen Flughäfen nach Anschlägen in Brüssel

Und selbst wenn es einmal dazu kommen sollte, dass vor den Terminaleingängen Sichergeitskontrollen stattfinden, verschiebt das die Probleme nur. So wurden vor fünf Jahren am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten von einem islamistischen Attentäter erschossen. Die Bluttat des inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilten Einzeltäters fand auf der Auffahrt vor dem Terminal und damit außerhalb des Gebäudes statt.

Von: dh, dpa

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