Antworten aus dem Cockpit (17) ( Gastautor werden ) So finden sich Piloten auf Flughäfen zurecht

29.12.2015 - 09:14 0 Kommentare

Das Gewirr von Fahrwegen auf Flughäfen kann verwirrend erscheinen. Langstreckenpilot Nikolaus Braun erklärt, wie Piloten sich hier zurecht finden. Und dass es für Flugzeuge kein "Rechts vor Links" gibt.

Ein Holding-Point-Hinweis am Fughafen Mailand Malpensa. - © © AirTeamImages.com - Dave Sturges

Ein Holding-Point-Hinweis am Fughafen Mailand Malpensa. © AirTeamImages.com /Dave Sturges

Betrachtet man das Luftbild eines Flughafens, so fallen neben den prominenten Start- und Landebahnen und den beleuchteten Terminals vor allem die vielen, vielen Fahrwege für die Flugzeuge auf. Da ein Flugzeug am Boden aber nicht "fährt" sondern "rollt" (engl. "to taxi"), heißen diese Straßen in der Fliegerei Rollwege beziehungsweise auf englisch Taxiway.

Dass es so viele Rollwege gibt, hängt mit den Besonderheiten des Luftverkehrs zusammen. Der erste Punkt ist dabei die Tatsache, dass Flugzeuge nicht rückwärts rollen können. Auch wenn es technisch mit Umkehrschub theoretisch möglich wäre, wird es bei großen Jets nicht praktiziert. Es ist sehr lärmintensiv und unwirtschaftlich, die Piloten haben nach hinten keinerlei Sicht und bei einem Bremsmanöver könnte das Flugzeug sogar auf das Heck kippen.

Zum Verlassen der Parkposition wird daher ein "Pushback"-Fahrzeug benötigt, das die Flugzeuge rückwärts schiebt – und bei Bedarf auch ziehen kann. Während des späteren Rollvorgangs zur Startbahn können die Flugzeuge aber nur vorwärts rollen - oder stehenbleiben. Auch ein Wendemanöver ist nur mit sehr viel Platz möglich und kann daher im Bereich der Rollwege meist nicht durchgeführt werden.

Warum müssen das so viele Rollwege sein? Reicht nicht einer zu jeder Startbahn?

Ute W.

Die zweite Besonderheit ist, dass die Rollwege oft blockiert werden: In der Regel werden die Triebwerke nicht an der Parkposition gestartet, sondern erst im Laufe des Pushbacks oder auf dem Rollweg. Im Anschluss an den Triebwerksstart müssen eine Reihe von Systemprüfungen und Schaltungen im Cockpit vorgenommen werden, bis das Flugzeug zum Rollen bereit ist. Diese Vorgänge können teilweise über fünf Minuten andauern. Zeit, in der das Flugzeug quasi auf der Stelle steht und den Rollweg versperrt. Die letzte Besonderheit ist die Spannweite der Flügel: Damit zwei Flugzeuge aneiander vorbeirollen können, müssen sie einen großen Abstand zu einander haben.

Die Flughafenplaner versuchen alle diese Faktoren mit zu berücksichtigen, so dass der Verkehr reibungslos ablaufen kann. Der Flughafen München hat zum Beispiel im Vorfeldbereich teilweise drei parallele Rollwege: Während auf dem einen angelassen wird, können auf den anderen beiden immer noch Flugzeuge in beide Richtungen passieren.

Dazu kommen noch weitere praktische Gedanken für die Gestaltung: Viele Flugzeuge brauchen nicht die gesamte Länge der Start- oder Landebahn. Gäbe es nur Rollwege zu den jeweiligen Enden, wäre die Landebahn länger durch ein Flugzeug blockiert, da es nach der Landung bis zum Ende rollen müsste, um sie zu verlassen. Vermutlich würde sich dadurch auch die gesamte zu rollende Wegstrecke verlängern, was Zeitbedarf und Kerosinverbrauch erhöht. Es werden also weitere Kreuzungen, sogenannte "Intersections" von Rollwegen mit der Startbahn gebaut.

Wie finden sich die Piloten in dem Gewirr zurecht?

In der Tat hat jeder Rollweg einen Namen und es gibt "Straßenkarten" für das Vorfeld, an denen sich die Cockpitcrews orientieren. Auch wenn die Anweisung "Rollen Sie durch den Rosenweg zur Hirtenstraße und in die Christoph-Kolumbus-Allee" sicherlich nett anzuhören wäre - es wäre international kaum verständlich. Man hat sich daher darauf geeinigt, die Rollwege auf jedem Flughafen der Welt einfach nach Buchstaben zu benennen, die gemäß dem internationalen Buchstabieralphabet ausgesprochen werden. So sind Rollanweisungen wie "Taxi via Lima and Mike" weltweit gebräuchlich. Damit man mit den Buchstaben auch bei komplexen Großflughäfen auskommt, werden zusätzlich noch Zahlen vergeben, wie etwa "Lima One-Four" oder "Mike Eight".

Auf den Rollkarten der Piloten sind diese Bezeichnungen für jeden Rollweg hinterlegt. Der Pilot kann die Wegbeschreibung des Lotsen auf der Karte nachvollziehen. Zudem helfen ihm noch Schilder am Boden. Da klassische Straßenschilder an Masten mit den Tragflächen in die Quere kämen, werden die "Straßenschilder" für die Rollwege niedrig gebaut: Es sind diese gelb/schwarzen Schilder. Das System ist dabei einfach: Gelber Buchstabe auf schwarzem Grund gibt den Rollweg an, auf dem man sich befindet. Schwarzer Buchstabe auf gelbem Grund ist ein Hinweis, beispielsweise an einer Kreuzung auf die abbiegenden Rollwege.

Und wer hat Vorfahrt?

Rollende Flugzeuge haben immer Vorfahrt, wenn es um Begegnungen mit Fahrzeugen am Boden geht. Es gibt aber keine Vorfahrtsregeln der Flugzeuge untereinander – dies wird von den Fluglotsen geregelt. Jede Rollfreigabe beinhaltet ein Ende der Freigabe. Dies kann beispielsweise ein Übergabepunkt wie die Startbahn sein oder eine Kreuzung, an der auf anderen Verkehr gewartet werden muss. Treffen zwei Flugzeuge überraschend aufeinander, etwa weil eines die Landebahn nach der Landung früher verlässt, entscheiden ebenfalls die Lotsen, wer Vorfahrt hat und wer als "Nummer 2" warten muss. © Ines Schaub, Vorfeldführerschein: Das "F" im Flughafenausweis gibt es erst nach bestandener Prüfung

Und wenn sich doch einer mal verrollt?

Es kommt zwar selten vor, aber ab und zu verfährt sich auch ein Pilot. Je nach Situation wird es dann kompliziert. Im einfachsten Fall ist das Flugzeug zwar von der geplanten Strecke abgewichen, kann aber, wenn Verkehr umgeleitet wurde, einfach auf anderem Wege weiter rollen.

Ist das nicht möglich und blockieren sich jetzt zwei Flugzeuge, wird in engen Situationen die Vorfeldkontrolle mit ihren "Follow Me" Fahrzeugen hinzugerufen, die die Abstände zwischen den Flügelspitzen kontrollieren und die Flugzeuge aneinander vorbeiführen kann. Ist selbst das nicht ausreichend hilft nur eines: Ein Pushback-Fahrzeug muss kommen und das Flugzeug zurückschieben.

Über den Autor

Regelmäßig beantwortet Verkehrsflugzeugführer Nikolaus Braun in der airliners.de-Serie "Antworten aus dem Cockpit" Fragen zu Piloten-Themen rund um Luftfahrttechnik & Flugbetrieb. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an antwortenausdemcockpit@airliners.de

Nikolaus BraunNikolaus Braun ist Pilot bei einer großen deutschen Fluggesellschaft und fliegt derzeit auf Airbus A330/A340. Der studierte Dipl-Ing. (FH) für Luftfahrtsystemtechnik und -management berät zudem nebenberuflich mit seiner Firma Nikolaus Braun Aviation Consulting (NBAC) bei Projekten aus Forschung, Entwicklung, Gesetzgebung und Lehre.

Von: Nikolaus Braun für airliners.de
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