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Flughäfen müssen das Risiko Stromausfall ernster nehmen

19.12.2018 - 10:19 0 Kommentare

Ausfälle der Stromversorgung führen immer wieder zu Störungen im Flugbetrieb. Dennoch wird die Risikovorsorge an den deutschen Airports vernachlässigt, meint Innovationsberater Michael Maragudakis.

Blick auf den Hamburg Airport. - © © dpa - Axel Heimken

Blick auf den Hamburg Airport. © dpa /Axel Heimken

Hamburg, München, Zürich, Wien - in den vergangenen Jahren wurden immer wieder Flughäfen durch Stromausfälle ganz oder teilweise lahmgelegt. Zuletzt musste im Juni dieses Jahres in Hamburg der Flugbetrieb komplett stillgelegt werden, weil die Elektrizitätsversorgung stundenlang eingestellt war.

Dennoch findet das Thema Stromausfälle weiterhin wenig Beachtung als Risiko für die Infrastruktur - weder bei den Flughäfen selbst noch in der Öffentlichkeit. Auch beim Luftfahrtverkehrsgipfel im Oktober in Hamburg stand es nicht auf der Tagesordnung. Dabei gilt es, nicht nur über fehlende Fluglotsen zu sprechen, sondern einen ganzheitlichen Ansatz für infrastrukturkritische Branchen zu finden.

Klar ist: Die Wahrscheinlichkeit weiterer Stromausfälle an deutschen Flughäfen besteht fort. "Mehrfachereignisse" gab es bereits an mehreren ausländischen Flughäfen. Wie die nachstehende Übersicht (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) zeigt, sind diese Ereignisse in den vergangenen Jahren nicht selten aufgetaucht.

Bisherige Stromausfälle 2008-2018 auf Flughäfen (Auswahl)

1. Oktober 2018: Amsterdam-Schiphol 4
6. September 2018: Kansai und Chitose/Japan
16. August 2018: Washington DC
13. Juni 2018: Las Vegas
3. Juni 2018: Hamburg
29. April 2018: Amsterdam-Schiphol 3
28. Februar 2018: Amsterdam-Schiphol 2
17. Dezember 2017: Atlanta 2
27. November 2017: München, Terminal 2
25. September 2017: Sydney
15. Juni 2017: Brüssel 2
6. April 2017: Wien-Schwechat 2
12. Oktober 2016: Zürich
8. August 2016: Atlanta
30. Juli 2015: Rom
29. Juni 2015: Berlin
27. Mai 2015: Belgocontrol: Brüssel, Antwerpen, Liège, Ostende
27. März 2015: Amsterdam-Schiphol
...
2. Juli 2012: Wien-Schwechat
7. Februar 2011: New York und Chicago
...
16. August 2009: Madrid
26. März 2008: Eindhoven

Das Risiko solcher Vorfälle wird nicht geringer. Nach Informationen von Flughafenmitarbeitern ist neben der bestehenden Infrastruktur wie Kabel- und Wasserleitungen auch der von außen angelieferte Strom und dessen Qualität zu beachten: Der angelieferte Strom wird durch die erhöhte Zahl von 'Einspeisern' und die länderübergreifende Komplexität zunehmend 'unruhiger' ("Zappelstrom").

Ganzheitliche Überwachungssysteme fehlen

Die Vorkehrungen an den deutschen Flughäfen sind bislang ungenügend. Ganzheitliche Überwachungssysteme, die auch die Versorgungsrisiken betreffen, existieren nach unseren Recherchen nicht.

Dabei sind die Flughafenbetreiber gesetzlich dazu verpflichtet, sich gegen existenzielle Risiken für ihr Unternehmen abzusichern. Neben dem Sicherheitsmanagementsystem (SMS) nach Paragraf 45 b der Luftverkehrs-Zulassungs-Ordnung (Luft-VZO) sind in diesem Zusammenhang auch Paragraf 43 des GmbH-Gesetzes, gegebenenfalls Paragraf 91 II des Aktiengesetzes zu beachten, nach dem der Vorstand oder die Geschäftsführung insbesondere ein Überwachungssystem einzurichten hat, damit eine Entwicklung, die den Fortbestand der Gesellschaft gefährdet, früh erkannt werden kann.

Notstromaggregate vielfach nicht betriebsbereit

Die Flughäfen verweisen zwar auf vorhandene Redundanzen in den Versorgungsnetzen und Notstromaggregate. Doch diese sind in vielen Fällen im Notfall gar nicht betriebsbereit. Das zeigt eine Publikation zu Netzersatzanlagen, die das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik herausgegeben hat.

Bei einer Stichprobe stellte sich heraus, dass bei 60 Prozent der mit Diesel nach DIN EN 590 betriebenen Netzersatzanlagen der Brennstoff zum Zeitpunkt der Probennahme oder in naher Zukunft nicht mehr verwendbar war. Uneingeschränkt verwendbar waren die Kraftstoffe in nur acht Prozent der Anlagen. Daneben können auch Kabeldefekte dazu führen, dass die Notstromaggregate im Fall der Fälle nicht richtig funktionieren.

Risiken werden kleingerechnet

Statt sich gründlich abzusichern, werden die Risiken von Stromausfällen zum Teil kleingerechnet. In den Geschäftsberichten großer Flughafengesellschaften werden Risiken wie Versorgung, Wasserschaden und IT-Ausfall zwar als Brutto-Risiko angegeben, fallen aber nach Berücksichtigung der Gegenmaßnahmen nicht mehr in die Klasse Netto-Risiko, sondern werden nur noch als Risiken unterhalb der Risikotoleranzgrenze betrachtet: Hierbei ist die Eintrittswahrscheinlichkeit sehr gering und die wirtschaftliche Belastung beträgt maximal 999.999,99 Euro. Ob dies eine zutreffende Einsortierung ist, sollte überdacht werden.

Generell gilt: Für die Flughäfen ist eine umfassende Analyse von Risiken bei der Stromversorgung unabdingbar. Diese Grundvoraussetzung sollte im Sinne eines effizienten Projektmanagements beachtet werden. Eine gründliche interdisziplinäre Analyse bezieht sich auf die technische Infrastruktur und die Versorgung. Günstige Anlässe sind Neu-, Ausbauvorhaben und natürlich auch aufgetretene Stromausfallereignisse.

Denn die Komplexität der Hardware-Topologie steigt. Bislang greifende Argumente wie Redundanz, Netztopologie, vorhandene Notstromaggregate – um nur einige zu nennen – werden über kurz oder lang nicht mehr ausreichen.

Über den Autor

 Michael MaragudakisMichael Maragudakis ist Diplom-Mathematiker, MBA und Inhaber der Innovationsberatung MC Maragudakis Consulting. Er berät Unternehmen zu Innovationsprozessen bei Produkten, Verfahren und Dienstleistungen. In Kooperation mit einem Ingenieurbüro hat er einen Ansatz zur Früherkennung und Verhinderung von Infrastruktur-und Stromausfällen entwickelt.
Kontakt: m.maragudakis@maragudakis.biz

Von: Michael Maragudakis für airliners.de
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