Fluggastrechteportal bemängelt Kooperationswillen der Airlines

18.04.2019 - 07:02 0 Kommentare

Das Fluggastrechte-Portal Airhelp muss bei fast jedem zweiten Antrag auf EU-Entschädigungen bei den Airlines nachfassen. Die Politik will die Einreichung zukünftig automatisieren. Etliche Airlines bieten aber auch schon heute Online-Formulare.

Passagiere am Flughafen Hamburg. - © © dpa - Angelika Warmuth

Passagiere am Flughafen Hamburg. © dpa /Angelika Warmuth

Das Fluggastrechte-Portal Airhelp hat veröffentlicht, welche Fluggesellschaften in Deutschland Entschädigungen für Verspätungen und Ausfälle zu Unrecht ablehnen. Demnach haben die großen Airlines seit 2016 im Schnitt 48 Prozent der von Airhelp als rechtmäßig eingeordneten Forderungen abgelehnt.

Am häufigsten weigerten sich den Angaben nach Easyjet und Rayanair, die Airhelp-Kunden zu entschädigen. Beide sollen angeblich fast alle Airhelp-Anfragen zunächst abgelehnt haben. Bis auf vereinzelte Fälle seien die Entschädigungen im Nachgang dennoch außergerichtlich oder gerichtlich durchgesetzt worden, hieß es dazu von Airhelp gegenüber airliners.de.

Unterdurchschnittlich schnitten dabei auch Lufthansa und Swiss ab. Mit rund einem Fünftel abgelehnter Forderungen belegt Eurowings aus Sicht der Entschädigungs-Agentur den besten Platz. Um wie viele Fälle es sich in der Analyse insgesamt handelt, wollte Airhelp auch auf Nachfrage allerdings nicht mitteilen. Diese unternehmerischen Kennzahlen würden nicht öffentlich gemacht, hieß es.

Easyjet widerspricht Airhelp-Zahlen

Easyjet teilte auf airliners.de-Anfrage mit, man könne die Airhelp-Zahlen "absolut nicht" anerkennen. Man nehme die EU-Fluggastrechteverordnung sehr ernst und zahle jährlich mehrstellige Millionenbeträge an Entschädigungs- und Ausgleichszahlungen, so eine Sprecherin: "Easyjet prüft jeden Vorfall nach diesen rechtlichen Grundlagen und zahlt Fluggästen immer eine Entschädigung, wenn diese fällig ist."

Die hohe Anzahl abgelehnter Fälle in der Statistik des EU-Entschädigungsdienstleisters kann laut Branchenbeobachtern damit zusammenhängen, dass bis vor kurzem noch gar nicht rechtlich geklärt war, in wie weit Fluggastrechte-Portale die Ansprüche bei Airlines überhaupt im Namen ihrer Kunden einreichen dürfen.

Ryanair wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Die Billigairline führte bis vor kurzem sogar ein Abtretungsverbot für Entschädigungszahlungen in seinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Erst Ende 2018 kippte das Landgericht Nürnberg-Fürth die Regelung nach einer Klage des Airhelp-Konkurrenten "EUflight.de".

© AirTeamImages.com, Rudi Boigelot Lesen Sie auch: Zweite Instanz lehnt Ryanair-AGBs ab

Ryanair hatte zuvor argumentiert, die Agenturen würden mit überzogenen Gebühren die Kunden abzocken und auf dem Standpunkt beharrt, dass die betroffenen Kunden ihre Forderung selbst einreichen müssten.

Fluggastrechte-Vermittler werden allerdings auch von Verbraucherschützern kritisch gesehen. Die Agenturen bieten an, Entschädigungs-Ansprüche ohne finanzielle Vorleistungen der Betroffenen durchzusetzen. In der Regel nehmen die Fluggastrechte-Portale aber nur klare Fälle an und behalten für ihre Services etwa ein Drittel der erstrittenen Ausgleichszahlungen als Honorar ein.

Politik will Einreichung automatisieren

Die Ansprüche bei Flugverspätungen sind in der EU-Fluggastrechte-Verordnung von 2004 geregelt. Ist kein "außergewöhnlicher Umstand" für eine Verzögerung verantwortlich, haben Reisende einen Anspruch auf Entschädigungszahlungen, die unabhängig vom Ticketpreis mit wachsender Flugdistanz steigen.

Aktuell sind die EU-Regulierungen in dem Bereich aber schwammig gefasst, weswegen es seit Jahren immer wieder neue und sich zum Teil auch widersprechende Urteile im Reiserecht gibt. Um die Belastung in dem Prozess auch für Airlines zu reduzieren tritt auch die Luftverkehrsbranche für eine baldige Neufassung der EU-Fluggastrechte ein.

Vor diesem Hintergrund wird in Deutschland die Handhabung von Entschädigungsanmeldungen aktuell generell überdacht. Das Verkehrsministerium und auch der Bundesrat macht sich dabei für automatisierte Prozesse stark, bei denen Passagiere ihre Anträge einfach auf einer Webseite einfordern können - eine Entwicklung, die Fluggastrechte-Vermittler natürlich ablehnen.

© dpa, Hannibal Hanschke Lesen Sie auch: Streit um automatisierte Entschädigungsprozesse geht weiter

Interessanterweise bieten sowohl Ryanair als auch Easyjet bereits entsprechende Kostenerstattungsformulare auf ihren Webseiten an. Auch Eurowings bietet ihren Passagieren ein entsprechendes Online-Formular. Lufthansa dagegen verweist auf eine generelle Support-Hotline und bringt die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr e.V. (SÖP) ins Spiel.

Die SÖP ist in Deutschland die gesetzlich anerkannte Schlichtungsstelle, bei der sich Reisende von Bahn, Bus, Flugzeug oder Schiff beschweren können. Der Vorteil einer Schlichtung gegenüber einer Klage ist, dass erstere in der Regel für den Verbraucher kostenlos abläuft. Voraussetzung ist allerdings, dass das Unternehmen sich zur Schlichtung bereiterklärt. Ryanair beispielsweise erkennt die SÖP-Vorschläge seit kurzem an.

Von: dh
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