Nach 85 Jahren

Flugbetrieb in Tempelhof endet heute

30.10.2008 - 08:40 0 Kommentare

Nach rund 85 Jahren ziviler und zeitweise militärischer Nutzung endet heute der Flugbetrieb auf dem innerstädtischen Berliner Airport Tempelhof. Die Hauptstadt gibt den ersten Verkehrsflughafen der Welt zugunsten des künftigen Großflughafens Berlin Brandenburg International auf. Die bis zuletzt umstrittene Schließung wird mit mehr als 800 geladenen Gästen im Flughafen gefeiert.

Zum Abschied ist eine nichtöffentliche Veranstaltung im Abfertigungsgebäude geplant. Ausrichter ist die Flughafen Berlin-Schönefeld GmbH als Betreiber der drei Berliner Flughäfen. Höhepunkt soll der parallele Abflug der beiden letzten Maschinen - ein sogenannter Rosinenbomber aus der Zeit der Berliner Luftbrücke 1948/49 und eine Junkers Ju 52 - sein. Um Mitternacht endet die luftfahrtrechtliche Zulassung des Flughafens.

Die Geschichte des Flughafen Tempelhofs

Vielen gilt Tempelhof als die "Wiege der Luftfahrt". Tatsächlich war das Gelände im Zentrum von Berlin, schon lange bevor es Flughafen wurde, Experimentierfeld in Sachen Flugtechnik. Das Tempelhofer Feld, zu Kaisers Zeiten noch Exerzierplatz, wurde bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts von Flugpionieren als Versuchsfläche genutzt. Am 4. September 1904 schrieb der Amerikaner Orville Wright hier Luftfahrtgeschichte: Erstmals in Deutschland hob ein Motorflugzeug für einige Minuten vom Boden ab.

Mit BBI wird Luftverkehr in Berlin an einem Standort konzentriert Von Michael Winckler, ddp

Mit dem sogenannten Konsensbeschluss vom Mai 1996 definierten die Länder Berlin und Brandenburg ihre Luftverkehrspolitik neu. Der gesamte Luftverkehr der Region sollte auf einen einzigen Standort konzentriert werden.

Mit der geplanten Inbetriebnahme des neuen Hauptstadt-Airports Berlin Brandenburg International (BBI) Ende Oktober 2011 in Schönefeld soll die historisch entstandene Aufteilung des hauptstädtischen Luftverkehrs auf drei Flughäfen beendet werden. Die Schließung des Flughafens Tempelhof am 30. Oktober 2008 ist nach Darstellung der Berliner Flughafengesellschaft ein wichtiger Schritt bei der Realisierung des BBI. Der Flughafen Tegel soll spätestens sechs Monate nach der Eröffnung des BBI geschlossen werden.

Gegen die Schließung von Tempelhof regte sich starker Widerstand vor allem in der Wirtschaft sowie in CDU und FDP. Ein Volksbegehren zum Weiterbetrieb des City-Airports scheiterte jedoch.

Die Genehmigung zum Bau des BBI basiert auf drei letztinstanzlichen Urteilen sowie dem Bescheid der Berliner Luftfahrtbehörde zur Entwidmung des Flughafens Tempelhof:

  • November 2005: Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg erklärt die Schließung des Flughafens Berlin-Tegel für rechtens.
  • März 2006: Das Bundesverwaltungsgericht genehmigt den Ausbau des Flughafens Schönefeld zum Hauptstadt-Airport BBI. Voraussetzung hierfür: Die Schließung der innerstädtischen Flughäfen Tegel und Tempelhof.
  • Februar 2007: Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg erklärt die Schließung des Flughafens Tempelhof für rechtens.
  • Juni 2007: Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erlässt den Bescheid zur Entwidmung des Flughafens Tempelhof. Die Entwidmung ergibt sich nach Darstellung der Flughafengesellschaft «zwingend» aus dem Planfeststellungsbeschluss, der die Konzentration des Luftverkehrs auf nur einen Standort festschreibt.

14 Jahre später wurde am 8. Oktober 1923 auf dem einstigen Tempelhofer Feld der "Flughafen Berlin" eröffnet. Dieser entwickelte sich zum größten Drehkreuz Europas und zum Heimatflughafen der 1926 gegründeten Deutschen Lufthansa AG. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde 1936 mit dem Bau eines neuen Flughafens monumentalen Ausmaßes begonnen. Auf dem fast 400 Hektar großen Areal schuf der Architekt Ernst Sagebiel ein 1200 Meter langes Gebäude, das den Größenwahn der Nazis illustriert und bis heute eines der größten der Welt ist.

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs hielt die sowjetische Armee den Flughafen kurz besetzt, bevor ihn im Juli 1945 die US-Armee übernahm. Seinen weltweiten Ruhm verdankt Tempelhof jedoch dem Kalten Krieg: Als die Sowjetunion am 24. Mai 1948 eine totale Blockade über West-Berlin verhängte, richteten die USA eine Luftbrücke ein. Mit "Rosinenbombern" versorgten sie die Bevölkerung bis zum 12. Mai 1949 mit Lebensmitteln, Brennkohle und Medikamenten. Auf insgesamt 277.728 Flügen brachten sie mehr als zwei Millionen Tonnen Güter in die Stadt.

Ab 1951 wurde Tempelhof wieder für die zivile Luftfahrt geöffnet. Doch 1975 wurde der in einem Wohngebiet gelegene Flughafen schon einmal für den öffentlichen Luftverkehr geschlossen - das Geschäft hatte sich zunehmend auf den damals florierenden Flughafen Tegel in West-Berlin verlagert. Zehn Jahre später wurde Tempelhof für den Geschäftsreiseverkehr und für Fluggesellschaften mit kleinerem Flugmaterial wieder geöffnet. Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 zog der zivile Flugverkehr auf Tempelhof zunächst an - doch ab Mitte der 90er Jahre setzte die Abwanderung der Fluggesellschaften ein. Als die Länder Berlin und Brandenburg 1996 beschlossen, einen gemeinsamen Großflughafen in Schönefeld einzurichten und dafür Tegel und Tempelhof zu schließen, war das Ende des Flughafens Tempelhof im Grunde besiegelt.

Aber Tempelhof wurde noch Thema des ersten Berliner Volksentscheids: Rund 530 000 Berliner votieren für die Offenhaltung - zu wenig: knapp 610 000 Stimmen wären nötig gewesen.

Was wird aus Tempelhof?

Wie sollten Gebäude und Gelände des Flughafens Tempelhof nach dem letzten Flug genutzt werden? Ideen gibt es viele, konkrete Pläne keine. Der Berliner Senat sammelt jetzt erst einmal Anregungen: Für das 1,2 Kilometer lange Flughafengebäude kann bis zum 5. Januar jeder unverbindlich sein Nutzungsinteresse anmelden. Für ein Wohngebiet im nördlichen Teil des Geländes wurde ein landschaftsplanerischer Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Auch den Vorschlag einer internationalen Bauausstellung ab 2010 auf dem Areal gibt es.

Die Berlin Brandenburg Aerospace Allianz (BBAA) hat als regionaler Verband der Luft – und Raumfahrtindustrie in der Hauptstadtregion Berlin Brandenburg vorgeschlagen, einen Teil des Areals des Flughafens Tempelhof für die Errichtung eines Themenparks Luft – und Raumfahrt zu nutzen. Vertreter der deutschen Luftfahrtindustrie , Experten der Luftfahrt, Wissenschaftler, Planer und Architekten hätten sich grundsätzlich für ein solches Projekt ausgesprochen, sagte BBAA-Geschäftsführer Wolf Schöde. Nicht zuletzt die Idee, in diesem Kontext eine Ausbildungsstätte für Fachkräfte der Luftfahrt, eine gläserne Lehrwerkstatt, in Tempelhof einzurichten, trifft auf rege Nachfrage.

Der bisherige Flughafen wäre auch als dritter Filmstandort in der Hauptstadtregion geeignet - neben Potsdam-Babelsberg und Berlin- Adlershof. Zwei Hangars könnten zu Filmateliers umgebaut, ein dritter für den Kulissenbau genutzt werden, sagte Studio-Babelsberg-Chef Carl Woebcken.

Denkbar wäre auch ein weiterer Ort für Museen. So könnte eine Luftfahrt-Außenstelle des Deutschen Technikmuseums in Tempelhof einziehen. Ein anderer Anwärter ist das Alliierten-Museum in Berlin- Dahlem, dessen Flugzeuge und Eisenbahnwaggons im Freien stehen und zu verrotten drohen.

Der Modedesigner Wolfgang Joop könnte sich im Gebäude eine exquisites Einkaufszentrum vorstellen und auf dem Flugfeld einen riesigen Vergnügungspark. «Tempelhof muss schön knallig sein, richtig radikal künstlerisch», sagte er.

Ob als Zeitungsente gestartet oder nicht - Der Fußball-Bundesligist Hertha BSC Berlin hat den Flugplatz als Standort für ein neues Fußballstadion ins Gespräch gebracht. Hintergrund: Das rund 74 000 Zuschauer fassende Olympiastadion ist bei Hertha-Spielen schlecht ausgelastet, die Atmosphäre in der weitläufigen Arena mit Laufbahn gilt als unterkühlt.

Von: ddp, dpa, airliners.de
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