Luftfahrt-Tarifexperte: "Ufo-Mitglieder waren des Tariftheaters müde"

25.08.2016 - 10:41 0 Kommentare

Die Lufthansa-Flugbegleiter haben die Schlichtung angenommen. Im airliners.de-Interview ordnet Luftfahrt-Tarifexperte Eckhard Bergmann das Ergebnis ein und nennt die bemerkenswerten Teile der Tarifvereinbarungen.

Dienstkleidung einer Flugbegleiterin der Lufthansa. - © © dpa - Wolfgang Krumm

Dienstkleidung einer Flugbegleiterin der Lufthansa. © dpa /Wolfgang Krumm

Die Lufthansa-Flugbegleiter haben die Ergebnisse der Schlichtung angenommen - und zwar mit mehr als 87 Prozent. Im Interview mit airliners.de spricht Luftfahrt-Tarifexperte Eckhard Bergmann unter anderem über die besonderen Teile der Vereinbarung. Außerdem erklärt er, warum eine Einigung mit den Piloten der Lufthansa schwieriger ist, und er ordnet das Abstimmungsergebnis der Flugbegleiter ein.

Über den Interviewpartner

Eckhard Bergmann Dipl-Ing. und Flugingenieur Eckhard Bergmann ist seit 36 Jahren in der Luftfahrt tätig. Über 17 Jahre und 10.000 Stunden flog er im Cockpit und arbeitet seit 2002 als selbstständiger Luftfahrt-Berater und Geschäftsführer der Europairs GmbH. Er lebt in Ratingen und Bern.
Kontakt: www.europairs.org

War die Zustimmung der Flugbegleiter in dieser Deutlichkeit zu erwarten und falls ja, warum?
Eckhard Bergmann: Die Zustimmung der an der Abstimmung teilnehmenden Ufo-Mitglieder ist mit 87,36 Prozent sehr deutlich. Die Gewerkschaftsmitglieder waren des extrem langen "Tariftheaters" anscheinend müde, was außer dem aus Gewerkschaftssicht recht passablen Ergebnis zu hoher Zustimmung führte.

Da von Ufo die Beteiligung an der Urabstimmung nicht veröffentlicht wurde, ist von einer relativ geringen Teilnahme auszugehen. Dies muss nicht verwundern; das Gesamt-Schlichtungsergebnis ist für eine Tarifrunde außerordentlich umfangreich und für Gewerkschaftsmitglieder kaum insgesamt erfassbar, trotzdem sich Ufo große Mühe gegeben hat, detailliert zu informieren - inklusive kompletter Vertragstexte.

Welche Teile der neuen Vereinbarungen sind besonders bemerkenswert?
Bergmann: Die Umstellung der Übergangs- und Altersversorgung von "defined benefit" auf "defined contribution", die Lufthansa anstrebte, weil früher antizipierte Renditen am Kapitalmarkt schon einige Zeit nicht mehr möglich sind, war überfällig. Dass die Niedrigzinspolitik damit auch auf betriebliche Versorgungssysteme durchschlägt, ist auch für Gewerkschaften eine unvermeidbare Folge. Der Versorgungsabschluss hält die Bestandsmitarbeiter allerdings einerseits lange relativ schadlos, was andererseits nur zu langsam abschmelzenden Kosten für das Unternehmen führt.

Weniger die Gehaltserhöhungen bis 2018 (etwa 5,5 Prozent) als vielmehr die Wiedereinführung einer bis 2013 geltenden - längeren - Gehaltstabelle ist bemerkenswert. Allerdings sind die hohen Stufen der Tabelle nur nach Abschluss einer neu vereinbarten Aus- beziehungsweise Fortbildung erreichbar. Diese 18-monatige Ausbildung soll zu einem Bachelor-Abschluss mit größerer Flexibilität bei der beruflichen Entwicklung führen. Details der Ausbildung sind erst in Ansätzen sichtbar, der formale "Bachelor"-Abschluss ist angestrebt, erscheint aber keineswegs sicher.

© Lufthansa, Gregor Schläger Lesen Sie auch: Tarifstreit: Lufthansa-Flugbegleiter nehmen Schlichtungsergebnis an

Bemerkenswert ist auch der Neuabschluss eines "Tarifvertrages Personalvertretung", dessen Vorgänger bereits 1972 abgeschlossen und seit Jahren gekündigt in der tariflichen Nachwirkung war. Dieser Tarifvertrag regelt die betriebliche Mitbestimmung des Bordpersonals, da das für Betriebsräte geltende Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) so für das fliegende Personal nicht gilt. Im Neuabschluss dieses Vertrages wurden Nachteile des alten gegenüber dem Gesetz weitgehend eliminiert. Voll in Kraft treten kann er allerdings erst, wenn sich auch die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit und Lufthansa geeinigt haben, da er auch für das Cockpitpersonal gilt.

Sehr bemerkenswert ist noch der Abschluss einer tariflichen "Vereinbarung Konfliktbeilegung", die den eigentlich von Tarifpartnern zu erwartenden konstruktiven Umgang miteinander zum Beispiel über beschriebene Konfliktbeilegungs- und Schlichtungsverfahren formalisiert. Offensichtlich wohl der allgemeinen Angst der Arbeitgeber vor Berufsgewerkschaften wie der Ufo geschuldet, da das seit 2015 geltende Tarifeinheitsgesetz nicht zu gewünschten Ergebnissen führte.

© dpa, Arne Dedert Lesen Sie auch: Hoher Bedarf an Flugbegleitern stellt Airlines vor Herausforderungen

Viele der getroffenen Vereinbarungen sind inhaltlich noch nicht ausformuliert - hier könnte in den kommenden Monaten noch "der Teufel im Detail liegen". So zum Beispiel der tarifpartnerschaftliche Umgang bei den für die neue Eurowings fliegenden und von Lufthansa beherrschten Gesellschaften, wozu es seit kurzem ein Memorandum of Understanding gibt. Für die Gewerkschaften Ufo und Vereinigung Cockpit ist besonders dies ein Knackpunkt.

Wie kommt es, dass Lufthansa ihren Flugbegleitern ein so attraktives Angebot gemacht hat?
Bergmann: Nun ja, es hat auch ungewöhnlich lange bis zu einem Tarifabschluss gedauert. Aber auch Lufthansa hat in letzter Zeit verstärkt bemerkt, dass es zwar viele Bewerber, aber zu wenige qualifizierte Bewerber auf Flugbegleiter-Ausschreibungen gibt; ein möglicher Grund für die vereinbarten besseren Gehaltsperspektiven beziehungsweise das "Gesamt-Paket".

Warum ist die Einigung mit den Piloten bei Lufthansa offenbar schwieriger?
Bergmann: Die Frage ist: Wie weit werden die Personalkosten durch aktiven Einstieg der Lufthansa in den Billig-Flieger-Wettbewerb in der Peripherie der "alten Lufthansa" - bei Eurowings - absinken müssen, um mithalten zu können? Neben der Problematik Übergangs-/Altersversorgung lag und liegt hier das Hauptproblem dieser tariflichen Auseinandersetzungen. Für die Flugbegleiter bei Lufthansa - vorerst - gelöst, in der Peripherie noch lange nicht.

© AirTeamImages.com, Olivier Corneloup Aviation Management Wie sich das Berufsbild des Piloten verändert

Die Antwort auf die Frage: Bei den Piloten wurde über die Länge der Verhandlungen mehr Porzellan zerschlagen als in der Kabine. Außerdem haben die Flugzeugführer aufgrund ihrer exzellenten Tarifbedingungen mehr zu verlieren als die Flugbegleiter. Und der Pilotenmarkt in Europa ist aus Gewerkschaftssicht schon einige Zeit katastrophal. Abgesehen von besonders qualifizierten Ausbildern gibt es (hier, nicht zum Beispiel in Fernost) ein riesiges Piloten-Überangebot.

Es ist nicht unmöglich, dass dies in einiger Zeit zu extrem abgesenkten Piloten-Tarifen führen wird - dann gibt es voraussichtlich immer noch zu viele Bewerber, aber wie heute schon in den USA nicht genügend qualifizierte Piloten die bereit sind, zu diesen Bedingungen zu fliegen oder gar eine 100.000 Euro teure selbst zu finanzierende Ausbildung zu beginnen. Tarifpartnern kommt eben auch die Aufgabe zu, für beide Seiten angemessene und akzeptable Bedingungen zu vereinbaren.

Von: dh
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Anzeige schalten »
  • Lufthansa-Casting für Flugbegleiter. Lufthansa sucht Langstrecken-Flugbegleiter für München

    Lufthansa baut die Langstrecke ab München aus. Dazu benötigt die Airline eigenen Angaben zufolge ab März 1000 neue Flugbegleiter. Rund um die Bayerische Hauptstadt finden daher Castings statt. Ab dem 25. März will Lufthansa von München aus mit dem Airbus A380 nach Hongkong, Los Angeles und Peking fliegen. Zudem kommen weitere A350 zur Flotte.

    Vom 06.10.2017
  • Eine Flugbegleiterin der Eurowings. Schlichtung bei Eurowings scheitert

    Die Schlichtung bei der deutschen Eurowings ist gescheitert. Die Gewerkschaft glaubt, dass die Air-Berlin-Insolvenz damit zu tun hat. Nun drohen neue Streiks der Flugbegleiter.

    Vom 16.08.2017

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Lufthansa Jobs Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »