Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.
Letzte Woche war ich mit British Airways unterwegs. Jeweils nach der Landung auf Deutschland-Flügen spielen die Briten an Bord ein Band ab, auf dem eine kühle Frauenstimme in deutscher Sprache ermahnt, „bis zum Abschalten der Maschinen“ angeschnallt auf dem Sitzplatz zu verbleiben. Hä? Was für Maschinen? Einen Maschinenraum gibt es ja wohl im Flugzeug nicht. Es dauert einige Sekunden, bis klar wird, was mit diesem Sprachrätsel gemeint ist: das Abschalten der Triebwerke. Am gleichen Tag, an dem ich aus London wiederkomme, schickt mir die PR-Agentur von Singapore Airlines eine Pressemitteilung: „SilkAir bestellt 68 neue Maschinen bei Boing.“ Hä? Schon wieder Maschinen? Wieso bestellt SilkAir 68 Triebwerke? Nein, in Wahrheit sind die Maschinen diesmal ganze Flugzeuge des Typs Boeing 737. Aber wer ist „Boing“? Aua, dies ist einer der typischen Schreibfehler, an dem man schon auf hundert Meter Entfernung erkennt, wenn eine Presseagentur, ein Nachrichtenredakteur oder eben eine PR-Agentur von Luftfahrt so gut wie keine Ahnung hat.
Und sowas passiert besonders oft, wenn große internationale PR-Konzerne am Werke sind wie bei SIA, wo sich die Angestellten gleichzeitig auch noch mit Katzenfutter- und Sonnenbrillen-PR beschäftigen müssen und man ihnen ihre Unkenntnis nicht einmal vorwerfen kann. Besser wäre es gewesen, wenn sie wenigstens „Böing“ geschrieben hätten, denn der aus Deutschland stammende Wilhelm Eduard Böing gründete Anfang des 20. Jahrhunderts die späteren Boeing-Werke an der US-Westküste. Aber all das muss ja außer Branchenkennern nun wirklich niemand wissen.
Aber auch sonst stoße ich immer wieder auf Sprachpanscher, wenn es um Luftfahrt geht. Ganz besonders verheerend und unausrottbar ist die absurde Kreation „Düsenjet“, die häufig zu lesen ist. Eine wahre Tautologie, ein weißer Schimmel, wie Sprachkundler sowas nennen. Denn der Strahlantrieb (englisch: Jet) ist nichts anderes als eine „Düse“ in der Umgangssprache. Den Ausdruck „Mir geht die Düse“ finde ich dagegen charmant, auch wenn er mit Fliegen nichts zu tun hat und eigentlich gar keine klar definierte Bedeutung. Sehr genervt bin ich, wenn ich vor allem bei plappernden Radio- und TV-Moderatoren immer wieder was vom „Flieger“ höre. Gemeint ist dann Flugzeug, ein Flieger dagegen ist ein Mensch, der ein Flugzeug bedient, also etwa Charles Lindbergh.
Ganz schwierig wird es, wenn sich deutsche Begriffe aus dem Englischen ableiten. Das fängt mit der seltsamen BA-Übersetzung von Triebwerk an und endet, wenn die A380 in vielen Medien ständig als „Doppeldecker“ bezeichnet wird. Dabei verfügt die A380 nur über ein einfaches Paar (allerdings riesiger) Tragflächen. Der Riese ist in der Tat aber ein Doppelstöcker, weil er über zwei Decks verfügt. Auf Englisch allerdings heißt das leider tatsächlich „double decker“, während Flugzeuge mit zwei Tragflächen übereinander „biplanes“ heißen. Direkt den englischen Begriff zu übernehmen, führt also zur Punktlandung in Sprachpanscherei.
Wie es der Zufall will, habe ich am vergangenen Wochenende auf einem Flohmarkt eine schöne alte Werbebroschüre der lange verschwundenen britischen Flugzeugfirma Hawker Siddeley entdeckt, auf Deutsch, von 1963. Darin finden sich echte sprachliche Kleinode, die zeigen, dass dieses Problem alles andere als neu ist. Über das Transportflugzeug Caribou heißt es dort: „Sie besitzt die bewiesene Fähigkeit zum Starten und Landen von einem 35 cm tief gepflügten Feld das gründlich mit Wasser getränkt wurde.“ Wie hat man sich denn das vorzustellen? Oder hübsch auch die Passage über das Wasserflugzeug Beaver: „Die Maschine (!) wurde nach gründlicher Forschung der Erfordernisse des kanadischen Nordens kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs geboren.“ Glückwunsch!
Unübertroffen dann der Text über die Trident: „Bei niedrigen Geschwindigkeiten lässt sich die Trident leicht und angenehm steuern, und der Sackflugzustand, für den genügend Warnung vorhanden ist, ist einfach und harmlos in jeder Form.“ Aha. Worum bitte geht es hier? Sinkflug? Strömungsabriss? No capito. Wie gut, dass sich Flugzeughersteller heute kaum noch mit Broschüren auf Deutsch abquälen – oder aber genügend Muttersprachler im Hause haben wie Airbus. Wobei – irgendwie erstaunlich, dass ich noch nirgends etwas über „Ehrbuss“ gelesen habe, bei so vielen Texten über „Boing“.
Nachtrag: Erst Leserhinweise zu dieser Kolumne belehrten mich: Den Sackflug gibt es wirklich. Damit habe ich wieder etwas dazugelernt, selbst meine Frau als frisch gebackene Privatpilotin hat in ihrer Ausbildung allerdings nie davon gehört.
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