Jenny Jetstream (41) ( Gastautor werden )

Fliegen ohne Flügel

23.09.2014 - 11:46 0 Kommentare

Jenny Jetstream hat schon viele Flugzeugmuster in ihrem Leben ausprobiert. Aber ohne Flügel zu fliegen war ihr bislang nicht vergönnt.

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. - © © Fotolia.com - Illustration: Zubada

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. © Fotolia.com /Illustration: Zubada

Ich bin schon mit vielen Flugzeugmustern und mit den unterschiedlichsten Airlines unterwegs gewesen. Angeheuert habe ich damals auf einem Tristar, der legendären Lockheed L1011, die heute noch von denen vergöttert wird, die auf ihr Dienst schieben durften. Auf der Old Lady bin ich sozusagen flügge geworden, was das professionelle Fliegen angeht. Natürlich nur in der Kabine, ich will mich hier ja nicht mit fremden Federn schmücken.

Das Fliegen süchtig macht, ist auch hinlänglich bekannt. Obwohl ich zugeben muss, dass es in einigen Flugzeugen wesentlich mehr Spaß macht, als in anderen und in manchen ist es sogar der blanke Horror.

Ich kann nicht mehr genau rekapitulieren, mit wie vielen verschiedenen Flugzeugmustern ich in den letzten Jahren reisen durfte. Die Airbusfamilie kenne ich komplett, vom 380er mal abgesehen. Die Concorde habe ich knapp verpasst, bedauerlicherweise waren die Ticketpreise nicht kompatibel mit meinem Stewardessengehalt, dafür habe ich gratis viele aufregende Flüge in der Yak 40 und russischen Antonovs der Cubana Airlines verbracht, bin todesmutig mit ATR 42, LET410, TU135 und diversen anderen kleinen Vögeln von Insel zu Insel gehüpft, habe auf der Dash-8 der Insel-Air in der Karibik geschwitzt und tiefenentspannte Begleitflüge auf dem Upper Deck einer geleasten 747 genossen.

Die kleinen Schwestern, die 737, die 757 und die 767 sind mir auch bekannt, nie vergönnt war bislang ein Flug im Simulator, der Mutter aller Pilotenkünste. Die Sessions dort sind teuer, heißbegehrt und weit weg von daheim. Aber vor kurzem hatte ich Glück und konnte tatsächlich ein freies Plätzchen in einem Airbus Simulator erhaschen, um beim halbjährlichen Standardcheck einmal Mäuschen zu spielen.

Von außen wirkt ein Simulator wie ein gestrandeter Wal

Von unten betrachtet ist so eine 7,5 Millionen Euro teure Ausbildungskiste nicht wirklich spektakulär. Ein plumpes Ding auf sechs hydraulischen Stelzen und sparsamer Kabellage erinnert eher an den Kopf eines gestrandeten Wales als an ein Hightechgerät. Kommt man aber über die schmale Brücke hinein, findet man ein Originalcockpit vor, in dem wirklich jeder Knopf und jeder Krümel so ist, wie am täglichen Arbeitsplatz.

Allein der Ausblick ist zu Beginn noch ein wenig getrübt, aber die blinden Cockpitfenster gaukeln schon bald nach dem Beginn der Sitzung realitätsnah den ausgewählten Flughafen vor. Dieser ist beliebig auszusuchen, genauso wie das Wetter. Hätte man es gerne sonnig oder doch eher bedeckt, ist ein Schneetreiben oder ein Gewitter gewünscht? Kein Problem, ein Druck auf die Tastatur und Petrus ist entsprechend aktiviert. Die beiden Piloten bekommen ihre Zielvorgabe und los geht's.

Es wird kein Standardflug von A nach B sein

Natürlich wissen beide, dass sie keinen ereignislosen Flug von A nach B erleben werden. Hinter den beiden Pilotensitzen befindet sich der Trainerplatz mit zwei Monitoren und der Schaltzentrale des Simulators, hier kann er die gewünschten Szenarien eingeben und den Flugverlauf überprüfen. Er spielt gleichzeitig den Lotsen im Tower. Rechts davon sitze ich mit großen Augen und Ohren.

Vergisst man den Trainer und sein Equipment neben sich, fühlt man sich ganz schnell heimisch. Mehrfach habe ich so schon auf dem Observersitz gesessen und eine kurze Kaffeepause gemacht. Wie oft fliegt man durch dicke Wolken und die Sicht ist gleich null? Allerdings fallen dabei selten zum Fliegen notwenige Systeme aus und machen eine Rückkehr oder ein Ausweichen zu einem anderen Flughafen notwendig. Das Adrenalin der Jungs kann ich nur ahnen, wenn der Sprit knapp wird, das Wetter schlecht ist und der nächste Ausweichflughafen wegen Wetter gesperrt oder die Landebahn zu kurz ist.

Man fühlt sich schnell zuhause

Es war faszinierend zu beobachten, was das Flugzeug alles für Hilfen gibt, zum Beispiel die Fehlermeldungen auf dem "ECAM" bei einem Brand im Frachtraum, in der Kabine oder sogar bei Rauch im Cockpit. Natürlich sind die elektronischen Anweisungen nicht der Weisheit letzter Schluss und müssen durch das Abarbeiten der entsprechenden Checklisten ergänzt und unterstützt werden. Wohl dem, der sich seiner Taschenlampe am Sitz bewusst ist oder bei 3000 Metern Höhe mal beherzt das Fenster öffnet, wenn vor lauter Rauch nichts mehr zu sehen ist. Auch wenn es dann wie ein Orkan durchs Heiligtum pfeift - der Zweck heiligt die Mittel.

Der Simulator ist für mich fast noch eine imposantere Erfindung als das Fliegen selbst, weil es sehr bemerkenswert ist, wie Beschleunigung, Bremsmanöver, Geräusche, Turbulenzen, Scherwinde, Rauch und das Aufsetzen bei der Landung realistisch simuliert und dargestellt werden. Haben die Piloten ein Problem abgearbeitet, werden mal kurz 6000 Höhenmeter überwunden und wir setzen wieder zur Landung an, bereit um ein neues Problem in Angriff zu nehmen. Ein paar Klicks, ein paar Kommandos vom Trainer zum Kapitän und schon ist man wieder im Loop. Die Rechner rast und mir saust der Kopf.

Ich bin wirklich froh, dass es solche Simulatoren gibt. Die Session war sehr beeindruckend und es beruhigt mich ungemein, dass unsere Piloten dort Dinge üben können, ohne sie wirklich erlebt haben zu müssen. Wir aus der Kabine haben auch so einen "Mock up", ein Übungsflugzeug, in dem wir einmal im Jahr die aufregendsten Dinge trainieren: Brand an Bord, Entführung, Unruly, Notwasserung, Evakuierung, das ganze Programm. Allerdings ist unser "Mock up" nicht bewegungsfähig und verlangt noch ein bisschen mehr Phantasie.

Eine großartige Erfahrung zum besseren Verständnis

Viele Dinge an Bord lernt man erst durch persönliche Erfahrung. Wie fühlt sich zum Beispiel ein Vogelschlag an? Ein Startabbruch? Oder ein Blitzeinschlag? Wie laut knallt ein geplatztes Cockpitfenster? Und was ist dann zu tun? Wie bleibe ich ruhig, wenn die ganze Maschine voller Rauch ist?

Für mich als Purser war der Besuch im Simulator eine großartige Erfahrung. Es gibt weiteren Einblick in die Verfahren und lässt mich beim nächsten "Event", so er denn kommt, noch gelassener regieren, weil ich weiß, wie viel Zeit zum Beispiel so eine Checkliste in Anspruch nimmt und was alles beachtet werden muss.

Zum Schluss durfte ich eine Runde Fliegen. Einmal Take off in Salzburg, Platzrunde und wieder zurück. Großartig! Einen Airbus fliegt man aus dem Handgelenk, habe ich gelernt, 70 Tonnen, die elegant an einem Sidestick hängen. Natürlich habe ich es ohne die Hilfe des Fluglehrers nicht alleine hingekriegt. Aber das spielte auch gar keine Rolle, denn über den Wolken ist man immer ein Team. Immer. Und beim nächsten Simulatorbesuch lerne ich dann eine automatische Landung, falls beide Piloten gleichzeitig eine Fischvergiftung haben. Obwohl - bei mir essen nie beide das Gleiche! Vielleicht darf ich dann doch noch einmal eine Runde drehen? Wie wäre es über Manhattan?

Es grüßt Euch ganz herzlich,
Eure Jenny Jetstream

Über die Autorin

Jede Woche veröffentlicht die Flugbegleiterin, Autorin und Illustratorin Kathrin Leineweber auf airliners.de eine neue Geschichte aus dem Leben der Stewardess Jenny Jetstream in Kolumnenform. Alle "Jenny Jetstream"-Folgen lesen.

Kathrin Leineweber Kathrin Leineweber begleitet als Purser Passagiere einer großen deutschen Airline rund um den Globus und hat über Ihren Beruf mehrere Bücher veröffentlicht. Zudem schreibt und illustriert sie Kinderbücher.

Von: Kathrin Leineweber für airliners.de
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