Interview

"Wir dürfen nicht wieder dieselben Fehler machen"

20.07.2018 - 07:14 0 Kommentare

Der Chef der Flugsicherungsgewerkschaft GdF, Matthias Maas, verteidigt den Berufsstand im Gespräch mit airliners.de: Schuld an den Verspätungen und Ausfällen sind nicht nur die Lotsen. Die Probleme seien hausgemacht.

Matthias Maas:

Matthias Maas: "Bei den Airlines fehlen Flieger und Personal." © privat

Während es am Himmel immer voller wird, eskaliert am Boden der Streit darüber, wer für die Verspätungen und Ausfälle verantwortlich ist. Die Airlines, allen voran Ryanair mit Chef Michael O'Leary, schieben die Schuld auf die Fluglotsen. Die Deutsche Flugsicherung (DFS) findet das nicht ok - Operations-Chef Robert Schickling fordert die Airline im Gespräch mit unserer Redaktion auf, an einem Strang zu ziehen. Jetzt meldet sich Flugsicherung-Gewerkschaftschef Matthias Maas zu Wort und sagt: "Ja, die DFS trägt eine Mitschuld. Aber die Airlines lenken nur von den Geistern ab, die sie selbst riefen."

airliners.de: Herr Maas, die Fluggesellschaften sagen, dass es zu voll am Himmel ist und zu wenig Lotsen da wären …
Matthias Maas:Das ist nicht ganz ok für uns. Ja, die DFS ist mit Schuld, das gebe ich zu - wir haben zu wenig Personal. Aber man muss halt irgendwann auch mal fragen, warum wir denn zu wenig Personal haben. Die Airlines haben vor Jahren ganz massiv darauf eingewirkt, dass die Flugsicherungsgebühren gesenkt werden. Das geht eigentlich nur, wenn Personalkosten geringer werden.

Und das ist dann passiert?
Genau, wir bekommen zwar nicht weniger Geld. Aber in der zweiten Regulierungsperiode der EU ist weniger Personal vorgesehen. Das ist zum Teil unverständlich, weil wenn ich jetzt versuche den Regulierungsbedarf für 2022 vorherzusagen, wäre das auch ein Schuss ins Blaue. Da viele Airline-Chefs wie O'Leary geschrien haben, dass die Gebühren gesenkt werden müssen, wurde bei der DFS an der Ausbildung gespart - das fällt einem jetzt auf die Füße.

Über den Interview-Partner

Matthias Maas ist seit 2013 Bundesvorsitzender der Flugsicherungsgewerkschaft GdF, die rund 4000 Mitglieder zählt. Gleichzeitig arbeitet er seit 24 Jahren als Fluglotse im Tower in Düsseldorf.

Und jetzt schreien die Leute, Sie sollen weniger streiken …
… was ja wiederum total aberwitzig ist. Wir deutsche Fluglotsen haben zuletzt 2009 für drei Stunden in Stuttgart gestreikt. Das betraf nur wenige Flüge. Und davor war der letzte Streik 1954. Und auch mit einem Streik der Lotsen im Ausland kann man 500 Ausfälle am Flughafen Köln/Bonn im ersten Halbjahr nicht erklären.

Wie kann man sie dann erklären?
Zum einen natürlich über den hausgemachten Personalmangel bei den Lotsen. Zum anderen sind es strategische Fehler der Airlines, die mit lautem Getöse davon ablenken wollen.

Wovon?
Bei den Airlines fehlen Flieger und Personal, sowohl für die Kabine als auch fürs Cockpit. Beispielweise ist ja der Markt für Piloten leergefegt. Und vielleicht muss man auch mal überlegen, ob man zu viel will - ob nicht Umläufe zu eng getaktet sind, um letztlich Probleme durchs Wetter abzufangen. Da ist ein leichtes, immer auf die Fluglotsen zu zeigen. Aber man muss sehen, dass laut Eurocontrol die Airlines immer noch am meisten selbst für Verspätungen verantwortlich sind:

Verspätungsgründe 2018
Airline Flugsicherung Wetter Sonstiges
Januar 3.2 0.2 1.0 0.1
Februar 3.3 0.3 1.7 0.1
März 3.9 0.8 1.2 0.7
April 3.4 1.0 0.4 0.3
Mai 3.5 2.4 0.6 0.2

Angaben in Minuten. Quelle: Eurocontrol/Coda

Personal fehlt, wir kurbeln die Ausbildung hoch und in zwei Jahren ist wieder alles gut?
Definitiv nicht, denn allein die Ausbildung neuer Lotsen dauert vier Jahre. Das geht schon mal nicht überein, auch wenn die DFS ab nächstem Jahr wieder unter Volllast ausbilden will. Und ich glaube auch, dass die Situation in diesem und auch im nächsten Jahr aufgrund des Verkehrswachstums noch schlechter wird. Vielleicht wird es dann ganz langsam besser, aber das kann man schwer sagen.

Es muss mehr ausgebildet werden?
Das will die DFS ja. Im kommenden Jahr läuft die Akademie wieder unter Volllast - 120 Lotsen jährlich. Aber unsere Zahlen sagen, dass wir bis 2022 schon allein 500 neue Lotsen brauchen, um nur Altersabgänge aufzufangen und die Lücken zu stopfen, die wir jetzt schon haben. Da reden wir noch nicht über mehr Personal für weiteres Verkehrswachstum.

120 Leute pro Jahr reichen also nicht …
Ich hätte gern noch mehr. Aber das ist natürlich auch eine Art Teufelskreis: Die praktische Ausbildung machen aktive Fluglotsen. In der Zeit, in der die an der Akademie unterrichten, fehlen sie in den Kontrollzentren oder im Tower. Nur wir dürfen halt nicht erneut die Fehler der Vergangenheit machen: Personal einzusparen und dann auch die Ausbildung beinahe zu stoppen. Es wurden Pläne diskutiert, die Akademie zu schließen und die Ausbildung im Ausland stattfinden zu lasse, Das aufgrund des Drucks der Airlines und weil man die Bilanzen schöner haben wollte, ist nicht hinnehmbar. Zumal wir bereits 2013 vor der jetzigen Situation gewarnt haben.

© DFS, Melanie Bauer Lesen Sie auch: "Die Branche steht unter Druck" Interview mit DFS-Operations-Chef Robert Schickling

Mit den Erfahrungen, die Sie seit damals gesammelt haben: Wie schützen wir uns davor, dass die Situation in zehn Jahren nicht noch einmal so eskaliert?
Die Ausbildung muss auf einem konstanten Niveau bleiben - komplett unabhängig von Forderungen nach Kostensenkungen. Das ist das, was wir von der DFS fordern. Denn ich beobachte leider einem Zyklus: Man sagt, man hat zu viele Fluglotsen und fährt die Ausbildung runter. Da braucht es Konstanz. Anders geht es nicht. Sonst kommen wir nicht aus der Misere raus.

Herr Maas, vielen Dank für das Gespräch.

Von: cs
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen.

  • Robert Schickling: "Wir arbeiten mit Hochdruck an Verbesserungen." "Die Branche steht unter Druck"

    Interview DFS-Operations-Chef Schickling erläutert im Gespräch mit airliners.de Hintergründe zu den aktuellen Kapazitätsengpässen. Außerdem kontert er die Kritik von Ryanair-Chef O'Leary.

    Vom 17.07.2018
  • Thomas Haagensen: "Tegel war schnell im Fokus." "Ohne Air Berlin gibt es weniger Sicherheit"

    Interview Easyjet-Europachef Thomas Haagensen spricht im Interview mit airliners.de über die Möglichkeit nach Air Berlin am Flughafen Berlin-Tegel einzusteigen, welche anderen interessanten Märkte er noch sieht und wie die Airline-Pleite den Markt verändert hat.

    Vom 14.08.2018
  • Andreas Gruber: "Niki hat immer gut performt." "Die Air-Berlin-Pleite führt zu mehr Wettbewerb"

    Interview Lauda-Motion-Chef Andreas Gruber spricht im Interview mit airliners.de über die Folgen der Insolvenz von Air Berlin, das Standing der Niki-Nachfolgerin und deren Engagement im Charter-Geschäft.

    Vom 16.08.2018

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »