Schiene, Straße, Luft (17) ( Gastautor werden )

Fast zwei Tonnen Honig vom Flugplatz

25.05.2018 - 07:04 0 Kommentare

Auf einmal interessiert sich alle Welt für die kleinen Flugmaschinen, die auch noch Mehrwert produzieren: Bienen. Gute Idee, denn auch Luft- und Schienenverkehr haben den Wert der Brummer schon erkannt, beobachtet Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

Von Bienen besetzte Honigwabe - © © dpa - Robert Schlesinger

Von Bienen besetzte Honigwabe © dpa /Robert Schlesinger

Meldungen vom Insektensterben legten vor nicht allzu langer Zeit in beliebter Überspitzung das baldige Aussterben der fleißigen Honigproduzentinnen nahe, besonders ihrer wilden Arten, die für die Bestäubung von 80 Prozent aller Pflanzen unentbehrlich seien. Sogar die Generalversammlung der Vereinten Nationen machte auf die dramatische Entwicklung aufmerksam und rief Ende vergangenen Jahres den 20. Mai zum Weltbienentag aus. Am vergangenen Sonntag wurde er zum ersten Mal begangen.

Die Politik beeilte sich, ihre Wohltaten für die Bienen hervorzuheben: Die EU verbot drei bienentötende Insektizide. Die neue Bundesregierung in Gestalt von SPD-Umweltministerin Svenja Schulze und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) erklärte die Biene an sich als systemrelevant. Die Ministerinnen lieferten auch gleich eine dieser volkswirtschaftlichen Zahlen mit, die niemand nachprüfen kann, aber jeder im Munde führt: "Der wirtschaftliche Nutzen der Bestäubungsleistung (der Bienen) wird allein in Deutschland auf jährlich zwei bis vier Milliarden Euro geschätzt."

Der Kanzlerin wichtiger als Luftfahrt?

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) widmete den Majas und Willis in der Haushaltsdebatte mehr Worte als der Luftfahrt - zugegeben waren diese auch noch sehr beschwichtigend. Und schon kamen erste Meldungen, dass es mit dem Insektensterben vielleicht doch nicht so schlimm ist. Manchmal wirken politische Bekundungen doch beachtlich schnell.

Im Verkehrssektor waren die Reaktionen unterschiedlich intensiv. Die Auto- und Straßenbauindustrie hielt sich vorsichtig zurück, was jeder versteht, der in diesen Tagen nach ein paar hundert sonnigen Kilometern Autobahnfahrt auf seine Windschutzscheibe schaut. Bei Schiene und Luft ist das zwar kaum anders, aber die Windschutzscheiben-Quote und damit die Zahl getöteter Insekten pro Passagierkilometer ist erheblich geringer. Außerdem: Welcher Fahrgast schaut bei der Lok oder gar beim Flugzeug schon auf Windschutzscheiben?

30 Millionen Bienen im Gebiet in der Bahn

Also nahmen Bahn und Luftverkehr die Gelegenheit wahr und hoben ihre Beiträge zum Umwelt- und Artenschutz hervor. Die Bahn berichtete, dass sie schon 2016 begonnen hätte, geeignete Grundstücke kostenlos Imkern zur Ansiedlung von Bienenvölkern anzubieten. Sie wurde von mehr als 1000 Anträgen geradezu überrannt und muss schon um Geduld bei der Antragsbearbeitung bitten. Bislang summten 30 Millionen Bienen, die auf bahneigenem Areal ihre Heimat haben, im ganzen Land herum Vielerorts sei schon kein Platz mehr für Bienenstöcke - oder wie diese korrekt heißen könnten: Bahnbienenwohnungsbauplätze (legen Sie das mal bei "Scrabble" auf "dreifachen Wortwert" ...)

Bienen navigieren und kommunizieren vermutlich nicht in erster Linie nach Gehör. So nutzen sie auch Flughafengelände mit den oft sommerbunten Wiesen zwischen den Pisten als Lebensraum, zumal bei ihnen weder Start- noch Landegebühren anfallen. Dafür bedanken sie sich mit ihrer Bestäubungsleistung und "prüfen die Luftqualität", wie die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) stolz schreibt. Diese Prüfung bestehe darin, dass die geflügelten Testerinnen bei ihrer Sammelbewegung auch Schadstoffe mit aufnehmen. Ergibt das Biomonitoring, also die Analyse des Honigs, schlechte Luft, können die Flughäfen Gegenmaßnahmen auf wissenschaftlichem Datenfundament ergreifen.

Bundesweit zählt der ADV auf 16 der 22 deutschen Verkehrsflughäfen knapp 100 Bienenvölker, die durchschnittlich je 20 Kilo Honig erwirtschaften. Insgesamt immerhin zwei Tonnen. Allein am Köln/Bonner Flughafen stellen rund 200.000 Tiere ihren Fleiß unter Beweis und liefern jährlich 200 bis 300 Gläser Honig, die an Gäste des Airports verschenkt werden.

Imker wissen noch viel mehr Gutes über Bienen zu berichten und freuen sich, dass zumindest die Verkehrsträger Luft und Schiene ihren Schützlingen helfen. Wenn die fleißigen Bienchen in diesem Jahr ihre Arbeit weitgehend getan haben und noch leben (die Sommerbiene stirbt in der Regel nach sechs bis acht Wochen), können sie ein zweites Mal feiern, jedenfalls in den Vereinigten Staaten: Dort gibt es nämlich auch noch den Tag der Honigbiene am 18. August.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de
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