Spaethfolge (90) Farnborough pfui, Duxford hui

11.07.2012 - 08:14 0 Kommentare

Ich boykottiere die Farnborough Air Show diese Woche in England, das Verkehrs-Chaos dort ist unerträglich. Dafür habe ich gerade die historische Duxford Air Show besucht auf der Insel und war begeistert, wie gut es dort läuft. Geht doch.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Singapur, Dubai, Paris, Farnborough, Berlin – an diesen Orten finden die wichtigsten Air Shows der Welt statt. Zumindest die, wo sich die Luftfahrtbranche mehrfach im Jahr trifft. Als Berichterstatter muss man dabei sein, zumindest bei einigen dieser Branchenereignisse. Als Luftfahrtfan lassen die Flugvorführungen oft auch die Herzen höher schlagen und die Kameras in noch schnellerem Rhythmus klicken. Nur muss man vorher wissen, auf was man sich einlässt. So ein Besuch ist teuer und manchmal auch regelrecht nervtötend. So erging es mir beim letzten Mal vor zwei Jahren in Farnborough, südwestlich von London – jener Air Show, die auch diese Woche wieder stattfindet.

Ich war aus gutem Grund schon 20 Jahre nicht mehr da gewesen – denn bereits 1990 war ich entsetzt, wie mühsam es war, am Boden über verstopfte Straßen überhaupt zum Flugplatz und Ausstellungsgelände vorzudringen. Ich wollte 2010 aber unbedingt die Boeing 787 sehen, die in Farnborough erstmals überhaupt für Medienvertreter von innen gezeigt wurde. Die Anfahrt vom Flughafen Heathrow mit einem speziellen und kostspieligen Bus klappte noch ganz gut. Wenn man einmal da ist, funktioniert es auf dem weitläufigen Gelände einigermaßen. Der reine Horror war dann der Versuch, nach London ins Hotel zu gelangen: Ich hatte online einen sauteuren Busshuttle gebucht. Aber zur angegebenen Uhrzeit, am vorgesehenen Bussteig – nichts. Etwas entfernt davon stand ein alter Doppeldecker-Bus mit offener Motorhaube, der Fahrer fummelte im Motorraum.

Nach einer Stunde kam ein Fahrkartenverkäufer für eben meinen Bus. „Sorry, der Bus war kaputt, die sind seit der Thatcher-Ära nicht mehr erneuert worden, so ist das hier in England“, sagte der freundliche Mann seufzend, „bald kommt aber der nächste.“ Mit anderthalb Stunden Verspätung ging es tatsächlich los, in einer kochend heißen doppelstöckigen Blechkiste. Endlose Staus, die Insassen in jeder Hinsicht am Siedepunkt. Rund zwei Stunden dauerte die Fahrt in die Innenstadt, eine Tortur. Ich war restlos bedient, entschied mich, den folgenden Tag nicht mehr wie bereits gebucht nach Farnborough zu fahren, darauf konnte ich dankend verzichten.

Ich will überhaupt nie mehr nach Farnborough, beschloss ich. Ich setze stattdessen auf Paris alle zwei Jahre, eine Show mit mehr Klasse, aber auch vielen Härten. Dort weiß ich immerhin genau, was mich erwartet, etwa am Montagmorgen, dem jeweils ersten Tag, der anderthalbstündige Stau auf der Stadtautobahn Périphérique auf dem Weg vom Zentrum nach Le Bourget. Aber ich fahre jetzt bereits seit 1983 alle zwei Jahre im Juni nach Paris und habe vielfältige Methoden und Tricks entwickelt, um mit diesen Fährnissen umzugehen, und sie bleiben einigermaßen berechenbar. Meine Strategie beginnt schon damit, dass ich stets in einem kleinen Hotel direkt an der Starthaltestelle des Busses wohne, der nach Le Bourget fährt. So bekomme ich wenigstens einen Sitzplatz für die Stau-Tortur.

Vorletztes Wochenende habe ich mich doch tatsächlich wieder zu einer Luftfahrtschau nach England gewagt. Zugegeben, sie ist nicht vom gleichen Kaliber wie Farnborough, sondern ein historisches Vergnügen. Aber die Duxford Air Show vom Imperial War Museum nahe Cambridge zieht jedes Jahr Zehntausende aus ganz Europa und aller Welt an, die hervorragend restaurierte historische Bomber und anderes Fluggerät am Boden und in der Luft bewundern. Ich erwartete das Schlimmste, stundenlange Staus und Chaos, zumal schon auf Straßenschildern „long delays“ wegen der Air Show angekündigt waren. Und dann das Wunder: Kaum 15 Minuten nach Abfahrt im Stadtzentrum rollte ich per Mietwagen fast direkt bis ans Vorfeld. Total easy. Überall freundliche Helfer und strahlende Gesichter. Was für ein Kontrast zu Farnborough.

Die Air Show war beeindruckend, genauso die Flugzeugsammlung in Duxford. Darunter eine weltweit einmalige Schau an britischen Verkehrsflugzeugen zur Besichtigung – schön restaurierte Exemplare der Vickers Viscount, Trident Two, BAC 1-11 (in der ich 1973 zum allerersten Mal geflogen bin), Bristol Britannia und VC-10. Drinnen standen Veteranen bereit, die die Flugzeuge selbst geflogen waren, und erzählten gern aus der Historie. Was für ein Vergnügen. „Farnborough pfui, Duxford hui“, dachte ich, als ich abends genauso störungsfrei wieder abfahren konnte. Mal sehen, wie die ILA in Berlin im September ihre bisher auch notorischen Probleme der Verkehrsanbindung löst. Wäre ja zu schön, wenn die größte deutsche Air Show auf nagelneuem Gelände künftig nicht nur aus der Luft gut zu erreichen wäre.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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